Roberto Mancini war nicht der Wunschkandidat als Chefcoach
Italiens Fussball versinkt im Chaos. Nach drei verpassten Weltmeisterschaften verkommt auch die Suche nach einem neuen Trainer zum Zirkus. Nun ist es mit Roberto Mancini eine umstrittene Personalie.
Deutschland hat seine Wunschlösung Jürgen Klopp, Frankreich endlich seine Legende Zinédine Zidane. Und Italien? Die Suche nach einem neuen Nationalcoach gestaltete sich zur schmerzhaften Zangengeburt. Mit Roberto Mancini soll es nun ein alter Bekannter richten, doch der Gegenwind ist gross. Auf dem Weg wurde zudem die italienische Legende Paolo Maldini demontiert.
Rückblende: Am 31. März verpasst der vierfache Weltmeister Italien gegen Bosnien-Herzegowina zum dritten Mal in Folge die Qualifikation für eine WM-Endrunde - trotz Aufstockung auf 48 Teams. Am 3. April demissioniert Gennaro Gattuso, seit fast vier Monaten ist also klar, dass ein neuer commissario tecnico her muss. Am 11. Juli übernimmt mit dem ehemaligen Milan-Verteidiger Paolo Maldini ein hoch angesehener Mann die Suche.
Maldini denkt gross. Sein erster Wunschkandidat: der mehrfache Welttrainer Pep Guardiola, dessen Zeit bei Manchester City diesen Sommer nach neun Saisons zu Ende ging. Drei Tage umgarnten Maldini und sein Berater Leonardo den Spanier in Barcelona, ehe dieser absagte - aus persönlichen Gründen, wie es hiess. Nächste Option: Carlo Ancelotti, der sich aber in Brasilien trotz des enttäuschenden Ausscheidens im WM-Achtelfinal nicht loseisen liess.
Anfang Woche sieht es aus, als ob mit Andrea Pirlo, Mittelfeldstratege des Weltmeisterteams von 2006, der neue Chefcoach gefunden wurde. Bis eine Kontroverse um Pirlos Rolle als Botschafter des russischen Wettanbieters Fonbet entbrennt. Er war vor einigen Wochen auch zu einer Autogrammstunde in Moskau, was angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine nicht nur in Italien für Aufregung sorgte. Auf seinem Instagram-Kanal klagte er, dass er erfahren habe, "dass ich nicht mehr als Kandidat für den Trainerposten im Gespräch bin". Pirlo liess jedoch offen, von wem er das erfahren haben will. Die gesamte Debatte verfolge er "mit grosser Bitterkeit".
Und sie zeitigt weitere Folgen. Maldini wirft nämlich nur 16 Tage nach seiner Ernennung zum Sportdirektor den Bettel hin. Wie verschiedene italienische Medien übereinstimmend berichten, soll Verbandspräsident Giovanni Malago mit Antonio Conte oder Roberto Mancini einen aus der alten Garde, beide schon einmal Chef der Azzurri, bevorzugen. Was Maldini allerdings abgelehnt haben soll.
Am Dienstagmittag kommt es zur Krisensitzung des Vorstandes des italienischen Fussballverbandes (FIGC). Giorgio Chiellini, Captain des Europameisterteams von 2021, sollte neuer Sportdirektor werden, erklärte aber, er wolle bei seinem aktuellen Arbeitgeber Juventus Turin bleiben. Nun kommt Claudio Ranieri als Sportdirektor, dazu noch "eine dritte Person, die bald bekannt wird", wie Malago verrät.
Vor allem aber erfüllt nun Roberto Mancini den Wunsch des Verbandspräsidenten. Unbestritten ist allerdings auch der 61-Jährige nicht. Er führte die "Nazionale" zwar zum EM-Titel 2021, dem einzigen Erfolg der letzten 20 Jahre, verpasste aber die Qualifikation für die WM 2022 im Playoff gegen Nordmazedonien. Was ihm aber viele speziell übel nehmen: 2023, in einer heiklen Situation in der EM-Qualifikation, verliess Mancini Italien trotz laufendem Vertrag für einen lukrativen Kontrakt - die Rede ist von 25 Millionen Euro - in Saudi-Arabien.
Vor seiner Ernennung stellte sich die einflussreiche "Gazzetta dello Sport" in einem Editorial gegen Mancini. "Die Frage der Moral zählt für alle. Er hat Italien im Stich gelassen." Und prophezeite: "Der italienische Fussball wird weiter ins Groteske abrutschen." Die chaotische Suche nach einem neuen Chefcoach ist also zu Ende, gesund und in Ruhe ist der "calcio" jedoch noch lange nicht.