George Russell erlebt die wohl schwierigste Phase seiner Mercedes-Karriere. Während Kimi Antonelli kurz vor dem Gewinn seines ersten Formel-1-Weltmeistertitels steht, werden die Fragen nach Russells Zukunft als Teamleader lauter. Intern geniesst der 28-Jährige jedoch weiterhin grosses Vertrauen.
Vor dem Grossen Preis von Mexiko stärkten sowohl Mercedes-Vize-Teamchef Bradley Lord als auch Sky Sport Experte Timo Glock dem Briten demonstrativ den Rücken.
Lord lobt Russells grösste Stärke
Für Lord steht fest, dass George Russell trotz der schwierigen Saison auch zukünftig erfolgreich in der Formel 1 für Mercedes unterwegs sein kann. Dies liege vor allem an Russells besonderem Umgang mit Rückschlägen, was dem stellvertretenden Mercedes-Teamchef imponiert. "Er ist extrem resilient und vor allem selbstkritisch. Er zeigt und weiss auch, woran er an seinem Fahren arbeiten muss."
Genau diese Fähigkeit mache Russell für Mercedes so wertvoll, wie Lord im Sky Sport Interview vor dem 1. Freien Training in Mexiko erklärt. "Diese Selbstkritik ist so eine unheimliche Stärke von George."
Lord verweist dabei auf zahlreiche starke Leistungen des Briten, die in der öffentlichen Wahrnehmung zuletzt etwas in den Hintergrund gerückt seien. "Wir wollen ihn unterstützen, damit er dort hinkommt, wo wir auch wissen, wo er sein kann - wie in Baku, wie in Österreich, wie bei vielen anderen Rennen, wo er ganz souverän Siege eingefahren hat."
Lord erinnert an Rosbergs WM-Wende
Innerhalb des Teams sieht man sogar Parallelen zu Nico Rosbergs Titelgewinn im Jahr 2016. Ein schwieriges Jahr müsse nicht zwangsläufig eine negative Entwicklung bedeuten. Lord: "Das haben wir in der Vergangenheit ja auch schon erlebt. Ich erinnere mich an 2015, wo Lewis [Hamilton, Anm. d. Red.] den Nico [Rosberg, Anm. d. Red.] klar geschlagen hat. Nico hat damals auch die letzten Rennen benutzt, um ein Momentum für die kommende Saison aufzubauen, was dann letztlich eine Welle kreiert hat, wodurch er 2016 am Ende Weltmeister geworden ist."
Für Lord ist deshalb in Bezug auf Russell klar: "Es ist nichts gegeben für 2027, nur weil 2026 ein schwieriges Jahr für George gewesen ist. Eher umgekehrt: Man lernt daraus und wird noch stärker."
Glock: Russell geht den richtigen Weg
Auch Sky Sport Experte Glock bewertet Russells Umgang mit der Situation positiv. "Er zeigt Grösse. Er geht klar und offen mit der Situation um."
Vor allem die Bereitschaft, eigene Schwächen öffentlich anzusprechen, beeindruckt den ehemaligen Formel-1-Piloten. "Die Art und Weise, wie er damit umgeht und auch um den nächsten Schritt zu machen, um ein Momentum für 2027 aufzubauen. Das ist genau der richtige Weg."
Dr. Marko zweifelt an Russells Zukunft als Nummer 1
Wesentlich kritischer sieht die Lage allerdings Dr. Helmut Marko. Für den langjährigen ehemaligen Red-Bull-Berater hat Kimi Antonellis Aufstieg die internen Machtverhältnisse bei Mercedes bereits verändert.
"Es ist mental sicher ein Wahnsinns-Rückschlag und es ist eine Punzierung. Der Russell ist nicht mehr Nummer-1-Fahrer. Diesen Rang hat ihm Antonelli ganz klar abgenommen", sagte Dr. Marko vor wenigen Tagen im Interview mit RTL/Sky Sport.
Zwar zählt der Österreicher den Briten weiterhin zu den stärksten Fahrern im Feld. Ob Russell allerdings noch einmal als klare Nummer eins um einen WM-Titel kämpft? "Russell ist einer der Top-Piloten. Ob es noch einmal eine WM-Chance für ihn geben wird oder dass er irgendwo einen Nummer-1-Status bekommt, möchte ich bezweifeln."
Wolff widerspricht Marko
Diese Einschätzung wollte Mercedes-Teamchef Toto Wolff nicht stehen lassen. Bereits im Rahmen des GP der USA widersprach er seinem langjährigen Rivalen. "Ich glaube, was George angeht, liegt er falsch. George hat das nötige Talent. Ich glaube nur, dass das Auto nicht zu ihm passt."
Wolff räumte aber ein, dass die aktuelle Situation mental belastend sei. Abschreiben dürfe man Russell aber keinesfalls. "Ich glaube, dass George in einer neuen Saison - wenn wir ihm ein schnelles Auto zur Verfügung stellen - absolut das Zeug dazu hat, eine Meisterschaft zu gewinnen."
Russell bleibt kämpferisch
Russell selbst wirkt trotz der Rückschläge bemerkenswert gefasst. Vor dem Grand Prix von Mexiko machte er deutlich, dass er die Saison als Teil seiner Entwicklung betrachtet. "Diese Saison wird meine Karriere nicht definieren, sie wird mich nicht brechen, sondern stärker machen."
Dabei denkt der Mercedes-Pilot längst in grösseren Zeiträumen. "Das ist auf keinen Fall das Ende meiner Reise, ich habe noch gute zwölf bis 15 Jahre vor mir. Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass ich erst 28 Jahre alt bin. Lewis [Hamilton, Anm. d. Red.] ist mit 41 immer noch sehr gut dabei, oder Fernando [Alonso, Anm. d. Red.] mit 44. Lewis hat den Grossteil seiner Titel in seinen 30ern gewonnen."
Das ist auch für Russell noch durchaus möglich - trotz der über weite Strecken schwierigen Saison. Das Jahr 2027 kann kommen ...
Mehr zum Autor Udo Hutflötz
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