Servettes Suche nach der eigenen Identität
Nach schwachem Saisonstart sprachen Kritiker von einem "Fiasko". Doch nach zwei Siegen keimte bei Servette wieder Hoffnung auf. Ein Blick hinter die Kulissen eines Vereins, der um Stabilität ringt.
Sechs Runden, ein Sieg. Als Servette Anfang September 0:2 gegen St. Gallen verlor, fanden die Kritiker deutliche Worte: Eine Saison, die als kompletter Neuanfang gedacht war, mit grossen Investitionen im Hintergrund und einer umgebauten Mannschaft, zeichne in Wahrheit die Konturen eines Fiaskos, hiess es etwa in der Tribune de Genève.
Es ist nicht die erste Warnung dieser Art. Schon in der Vorsaison war bisweilen von einem "kranken" Servette zu lesen. Damals stand der Klub auf Platz zehn, die Ambitionen schienen bereits weit verfehlt. Servette landete schliesslich auf Rang acht - für den Zweiten von 2025 deutlich zu wenig.
Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist auch strukturell begründet: Im Hintergrund liess der Klub kaum einen Stein auf dem anderen - neue Sportdirektion, neue Transferphilosophie, neuer Trainer-Auftrag. Und auf dem Platz scheinbar der freie Fall.
Kein Wunder, dass die Trainerfrage schnell zum Dauerthema wurde. Ausserhalb der Relegationsrunde der Vorsaison fiel Jocelyn Gourvennecs statistische Bilanz mager aus, entsprechend laut wurden die Rücktrittsspekulationen. Der Franzose hörte diese natürlich auch: "Wenn die Ergebnisse ausbleiben, ist der Trainer immer ein Thema. Ich weiche meiner Verantwortung nicht aus, ich muss Lösungen finden", sagte er.
Seine Verteidigungsstrategie war weniger taktischer als menschlicher Natur. Eine neu zusammengewürfelte Mannschaft brauche vor allem eines: Zeit, um aus Einzelspielern ein Kollektiv zu formen. Zum Ende der Transferperiode klang das so: "Wir haben klug eingekauft. Dank der Neuzugänge sind wir offensiv gut aufgestellt und müssen nun Formationen entwickeln und unseren Rhythmus finden. Das braucht mehr Zeit als in der Defensive, aber wir müssen so schnell wie möglich vorankommen."
Nach den Siegen in Lausanne (1:0) und Thun (4:2) in der letzten Woche schien es, als ob diese Suche nach der eigenen Identität nicht zwingend Erfolg ausschliesst. Gourvennec sagte: "Wir haben schnell zu einem echten Teamgefüge gefunden. Die Neuen haben sich gut eingelebt und fühlen sich wohl. In schwierigen Phasen haben wir zusammengehalten und Solidarität gezeigt. Mental sind wir jetzt stärker, weil wir Selbstvertrauen haben."
Der Umbau im Hintergrund begann bereits im April, mit einer klaren Kompetenzverschiebung. Präsident Hervé Broch kündigte das Ende der bisherigen Sportkommission an: "Die Kommission wird in ihrer jetzigen Form nicht mehr existieren. Wir steuern auf eine sportliche Führungszelle zu, mit John Williams als Leiter." Williams, ehemaliger Spielerberater, erhielt klare Vorgaben: "Williams hat ein klares Pflichtenheft. Wir wollen langfristig aufbauen, aber es sind regelmässige Auswertungen vorgesehen, um zu sehen, ob die Ziele erreicht werden oder nicht." Im Mai folgte der nächste Schnitt: Chefscout Yoan Loche, acht Jahre im Amt, wurde freigestellt - ein weiteres Signal, dass Williams den sportlichen Weg fortan allein bestimmen sollte.
Auf dem Transfermarkt zeigte sich dieser zunächst von seiner lukrativen Seite: Der 19-jährige Loun Srdanovic, mit kaum mehr als 800 Profiminuten für Servette in den Beinen, wechselte für drei Millionen Franken nach Lille. Kurz darauf verkaufte der Klub Junior Kadile, der in der Rückrunde in 13 Spielen 16 Skorerpunkte gesammelt hatte, mit gestaffelten Zahlungen für insgesamt rund 8,5 Millionen Franken nach Lens - ein immenser Betrag für Servette-Verhältnisse. Das Geld wurde postwendend reinvestiert.
Die Kehrseite dieser Handelsstrategie: Wer verkauft, muss rechtzeitig und passend ersetzen - und genau das geriet zum Poker. Wochenlang hoffte man am Lac Léman, dass mit Dereck Kutesa ein Spieler zurückkehrt, der 2025 vor seinem Abgang nach Griechenland 15 Saisontore für die Grenat erzielt hatte. Doch der 28-jährige Nationalspieler ist immer noch in Athen, obwohl die Rückkehr zwischenzeitlich als fix vermeldet worden war. Stattdessen lieh Servette mit Kingstone Mutandwa einen Stürmer aus Cagliari aus. Ein Geschäft, das sich lohnen könnte: Der Sambier hat nun in drei Partien in Serie getroffen.
Sportlich hatte sich das Blatt zuletzt jedenfalls etwas gewendet. Ausgerechnet auf einem Belag, den in Genf kaum jemand liebt. Nach dem 1:0-Derbysieg in Lausanne und dem 4:2 in Thun bestritt Servette mit dem Auswärtsspiel bei YB sein drittes Spiel binnen sechs Tagen auf Kunstrasen.
Und tatsächlich begann die Partie im Wankdorf am Samstag nach Genfer Drehbuch: Marco Burch köpfelte Servette nach einem Eckball in Führung, nach einer halben Stunde erhöhte Mutandwa nach einem Konter auf 0:2. Es schien, als ob das Team von Jocelyn Gourvennec auf bestem Weg sei zum dritten Sieg de suite. Doch weil ein Mutandwa noch kein Essende ist, blieb dem Coach schliesslich doch nur die Rolle des Gratulanten. YB-Topskorer Samuel Essende hatte die Partie nach Alan Virginius' Anschlusstor mit zwei Treffern gewendet.
Nach dem Gratulieren kam der 54-Jährige aber doch auch etwas ins Lamentieren: "Wir haben etwas gemacht, das sonst keine andere Mannschaft machen muss: drei Spiele auf Kunstrasen innerhalb von sechs Tagen. Es ist eigentlich ein Wunder, dass wir keine Verletzten davongetragen haben", sagte er und attestierte den Young Boys die grössere Frische. "Am Ende hat uns etwas der Sprit gefehlt. Schade, hat es nicht bis zum Schluss gereicht."
Nun steht eine dreiwöchige Länderspielpause an. Zeit, die Gourvennec mit seinen Spielern bestmöglich dafür nutzen will, endlich wieder einmal Dinge auf dem Trainingsplatz zu üben. Wobei: Einige Spieler werden mit Nationalmannschaften unterwegs sein und teilweise bis zu vier Partien für ihr Land bestreiten, ehe sie dann zwei Tage vor Wiederaufnahme der Meisterschaft mit dem Heimspiel gegen Sion (10.10.) zum Team stossen.
Explizit sagt er es zwar nicht. Jocelyn Gourvennec ist aber anzumerken, dass er kein Freund des internationalen Kalenders ist. Er spricht davon, wie wichtig es sei, dass seine Spieler gemeinsame Erfolgserlebnisse hätten. Nur so könnten sie zu einem starken, widerstandsfähigen Kollektiv zusammenwachsen, das dann vielleicht einmal sogar der offensiven Wucht eines YB standhielte. "Wir arbeiten mit den Spielern, die da sind", sagt der Trainer. Er weiss aber, dass jeder Tag, an dem seine Mannschaft nicht an Automatismen arbeiten kann, ein verlorener Tag ist. Servettes Suche nach Identität bleibt eine Geduldsprobe.