Steht Mbappé am Ursprung der Probleme bei Real Madrid? Zwei Meinungen!
Im Clàsico hat Real seine letzte (marginale) Titelchance verspielt. Während Erzrivale Barcelona jubelt, fokussiert sich die beissende Madrilener Kritik auf einen Spieler, der am Sonntag nicht auf dem Platz stand: Kylian Mbappé. Steht der Franzose tatsächlich am Ursprung aller Probleme in Madrid? Unsere Redaktoren Andy Maschek und Patrick Y. Fischer sind sich nicht einig.
Andy Maschek sagt: Ja
Über die fussballerischen Qualitäten von Kylian Mbappé müssen wir nicht diskutieren. Er kann praktisch jedes Spiel alleine entscheiden, ist immer in der Lage, den Unterschied auszumachen. Seine Statistiken lügen nicht, der Franzose ist ein ganz Grosser seiner Zunft. Dies zumindest auf dem Rasen, während daneben doch Zweifel bestehen.
Denn es gibt auch die andere Seite der Medaille. Seit Jahren hängt ihm der zweifelhafte Ruf an, extrem vom Geld gesteuert zu sein. Und vor allem auch, dass bei ihm der «team first»-Gedanke nicht zählt und er stattdessen seine eigene Person über alles andere stellt. Einige Fans von Paris Saint-Germain kritisierten vor allem auch sein autoritäres Verhalten, weshalb sie ihm sogar den Spitznamen «Mobutu» gaben – in Anlehnung an den ehemaligen diktatorischen Präsidenten des Kongo. Es ist ein ebenso heikler wie vielsagender Vergleich.
Ebenso ist bezeichnend, dass PSG mit Mbappé schon fast verzweifelt der Krönung in der Champions League hinterher hechelte, den Triumph als Ansammlung internationaler Topstars aber immer wieder verpasste. Nachdem Mbappé zu Real Madrid weitergezogen war, endete diese Durststrecke. Die Pariser überzeugten als beeindruckendes Kollektiv statt nur durch begnadete Individualisten – und stürmten zum Titel, während Real Madrid schon im Viertelfinal an Arsenal scheiterte. Und auch in dieser Saison sind die Spanier bereits ausgeschieden, zogen gegen den FC Bayern München den Kürzeren, während die Franzosen den deutschen Rekordmeister eliminierten und erneut in den Final einzogen.
Natürlich, die Krise und die titellose Saison von Real Madrid einzig an Kylian Mbappé festzumachen, wäre zu einfach und billig. Aber dass seine Persönlichkeit den Spaniern im Weg steht, ist nicht wegzudiskutieren – trotz seiner Tore. Denn auch aus einem Früchtekorb muss die grösste und schönste Frucht entfernt werden, wenn sie fault. Die Gefahr, die anderen anzustecken und damit alles zu zerstören, ist zu gross. Es ist ein einfacher Vergleich, aber in meinen Augen durchaus passend.
Im heutigen Spitzenfussball kann nur ein starkes Kollektiv erfolgreich sein. Partikulärinteressen sind störend, egoistische und egozentrische Spieler sorgen für Unruhe, vergiften das Klima. Die Allüren und das Benehmen von Mbappé in Madrid gemahnen an seine Zeit in Paris, als es innerhalb des Klubs Spannungen und verschiedene Strömungen gab, deren Ursprung sicher auch der begnadete Stürmer und seine Entourage waren. Sein Ego und sein divenhaftes Auftreten sorgte für atmosphärische Störungen, was sich schlussendlich auch in den Resultaten niederschlug. Denn Erfolge auf höchster Ebene sind nur dann möglich, wenn sich die einzelnen Stars dem Kollektiv unterordnen, statt sich als Ich-AG im Rampenlicht sonnen zu wollen, was im Fall von Mbappé schwierig oder gar unmöglich erscheint, wie sich in der Vergangenheit gezeigt hat. Ein Commitment seinerseits zu einem gemeinsamen Weg wäre wünschenswert, doch irgendwie fehlt der Glaube daran.
Stattdessen versinken die Königlichen im Chaos. Spieler gehen aufeinander los (Federico Valverde und Aurélien Tchouaméni) – Spitalbesuch inklusive. Und auch Antonio Rüdiger sorgt für Skandal um Skandal. Der Zeitpunkt für ein House Cleaning ist bei Real Madrid gekommen. Inklusive Superstar Kylian Mbappé, der immer mehr zum Problemfall wird und dessen Verkauf längst nicht mehr ausgeschlossen ist. Verständlicherweise.
Patrick Y. Fischer sagt: Nein
Sieben Jahre lang dauerte er, der vielleicht längste Flirt in der Geschichte des europäischen Spitzenfussballs. In dessen Mittelpunkt: Kylian Mbappé, begnadeter Mittelstürmer von weltmeisterlichem Format und Real Madrid, stolzer König unter den ganz Grossen des europäischen Fussballs. Das Resultat: Nach langem Werben erlag der Angebetete schliesslich im Sommer 2024 den spanischen Annäherungsversuchen, aber nicht, ohne den erfolgreichsten Klub der Welt zuvor (2022) am Altar abblitzen zu lassen.
Vielleicht hätte das den Madrilenen als Warnung genügen müssen. Denn wessen Liebe in erster Linie eine Frage des Geldes ist, genügt möglicherweise nicht, um die höchsten aller Ansprüche zu erfüllen. Und genau das scheint bei Kylian Mbappé der Fall. Denn der hat sich nach 85 Toren (davon 41 in der aktuellen Spielzeit) in den letzten beiden Jahren rein sportlich relativ wenig vorzuwerfen. Vielleicht mit Ausnahme der Tatsache, dass es manchmal Momente gibt, in denen der französische Weltmeister von 2018 noch etwas weniger läuft als sein Teamkollege Thibault Courtois. Und der hütet für gewöhnlich das Tor der «Blancos».
Nur: Bei einem Spieler mit derartigen Skorerwerten wären Abstriche dieser Form eigentlich verkraftbar, wenn denn die Madrilenen immer noch über jene Art von Teamspirit und Leistungskultur verfügen würden, die diesen Klub zuvor während Jahren ausgezeichnet hatten. Damals als Spieler wie Toni Kroos, Luka Modric oder Captain Daniel Carvajal den teaminternen Tonsetter markierten und dafür sorgten, dass sich bei aller individuellen Klasse kein Spieler über das Team stellte.
Heutzutage stellt Real Madrid ein Team, dessen beste Individualisten (Vinicius Jr., Bellingham, Mbappé) gleichzeitig auch dessen grösste Egoisten sind und dabei einen Mangel an Führungsqualität an den Tag legen, den vor einem Jahr nicht einmal der ultimative «Spielerversteher» Carlo Ancelotti noch kompensieren konnte. Entsprechend ist es kein Zufall, dass die Königlichen seit mittlerweile zwei Jahren auf einen Titel warten, dafür aber nach Ancelotti bereits die nächste grosse Trainerpersönlichkeit auf dem Gewissen haben.
Denn im vergangenen Sommer konnte sich Klub-Präsident Florentino Perez zumindest halbherzig dazu durchringen, dem Klub neues Leben einzuhauchen. Es kam Xabi Alonso, geborene Führungspersönlichkeit und nur ein Jahr zuvor sensationeller Double-Sieger mit Bayer Leverkusen. Unter dem Basken, der bereits mit 20 die Kapitänsbinde bei Real Sociedad getragen hatte, sollte eine neue «alte» Kultur, ein frisches «Team-First-Real» aufgebaut werden – natürlich immer noch mit den besten Kickern der Welt. Nur dass darauf nur wenige der grossen Stars so richtig Lust hatten.
Natürlich, hätte man das alles kommen sehen, ja dagegen halten können. Doch Perez hat diesen Mumm nicht, ja, er hatte nicht einmal die Ausdauer, die erste Krise unter Alonso auszusitzen und den Klub so nachhaltig für die Zukunft zu stärken. Als «Belohnung» hat er dafür nun ein abermals titelloses Team, angeführt von einem Trainer (Alvaro Arbeloa), dessen Zeit bei Real zu Ende scheint, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat. Klar ist, das der grösste Klub der Welt auf und neben dem Platz so schnell wie möglich wieder starke Persönlichkeiten benötigt, um Spielern wie Kylian Mbappé die Grenzen der eigenen Individualität aufzuzeigen. Das grösste oder gar einzige Problem bei Real ist der Französische Topstürmer deswegen noch lange nicht.