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Trauer und WM-Wut in der Türkei

Keystonr

"Beschämend", "erschreckend" und "naiv": Das frühe WM-Aus stürzt die Türkei in eine Fussball-Trauer. Die Zukunft des Trainers ist ungewiss, der junge Star des Teams spürt eine schwere Last.

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Ein Bild mit Symbolik: Die Wege von Trainer Vincenzo Montella und der türkischen Nationalmannschaft könnten sich nach dem WM-Fiasko scheiden © KEYSTONE/EPA/BENJAMIN FANJOY

"Wir entschuldigen uns bei unserem Volk", sagte Arda Güler nach dem 0:1 gegen Paraguay, das die Abreise nach der Vorrunde bei der ersten WM-Teilnahme nach 24 Jahren frühzeitig besiegelte. "Wir sind einfach extrem traurig. Ich weiss nicht, wie ich von unseren Gefühlen sprechen soll, wir sind ehrlich gesagt alle am Weinen."

Statt das XXL-Turnier mit der Offensivpower des Stars von Real Madrid und von Teamkollege Kenan Yildiz aufzumischen, stehen die Türken nach zwei Spielen gegen die nicht gerade als übermächtig bekannten Australier und Paraguayer bei null Punkten und null Toren. Ob Trainer Vincenzo Montella seinen Job behält, ist sehr fraglich. Wie konnte das alles passieren?

"Wir hatten viele Chancen und nutzten sie nicht", sagte Güler und war mit dieser Sicht der Dinge nicht alleine. Insgesamt 62 Torabschlüsse verzeichneten die Türken laut offizieller Statistik der FIFA in den Spielen gegen Australien (0:2) und Paraguay. "Pfosten, Kopf, Fuss - wir haben alles getroffen, aber der Ball ist nie reingegangen", sagte Captain Hakan Calhanoglu.

Montella war ebenfalls fassungslos. "Ich habe, glaube ich, noch nie zwei solche Spiele in Serie gesehen. Fussball ist nicht logisch, deswegen ist es das schönste Spiel der Welt. Das bessere Team gewinnt nicht immer", erklärte der Italiener konsterniert.

Tatsächlich hatten die Türken in beiden Partien viel Pech. Ein abgefälschter Kopfball von Mert Müldür sprang gegen Paraguay erst an die Latte, dann an den Pfosten, aber nicht ins Tor - das war fast schon skurril. Nur auf Pech reduzieren lässt sich das frühe Scheitern bei der ersten WM-Teilnahme nach 24 Jahren aber nicht.

Dass die Türken es in mehr als 45 Minuten in Überzahl gegen Paraguay nicht schafften, Tore zu erzwingen, veranlasste den früheren Nationalspieler Halil Altintop zu deutlicher Kritik. "Es hat sich ja gar nichts verändert, ob sie jetzt einen Mann mehr waren oder nicht. Das ist erschreckend", sagte der 43-Jährige bei MagentaTV. "Wir haben viel über die individuelle Qualität gesprochen, eine gute Mannschaft. Aber: An Naivität war das nicht zu überbieten."

Einige türkische Medien fällten ebenfalls vernichtende Urteile. "Die schlechteste Mannschaft des Turniers" hiess es bei "Sözcü". Für "Habertürk" gehört die Niederlage "zu den schmerzhaftesten Enttäuschungen in der WM-Geschichte unseres Landes."

Montella nahm seine Spieler dagegen in Schutz. "Ich liebe die Spieler jetzt noch mehr. Sie haben ihr Herz und ihre Seele auf dem Feld gelassen", sagte der ehemalige italienische Nationalstürmer nach dem 0:1 und versuchte, den Blick nach vorne zu richten. "Diese Lektion wird uns helfen als Team in der Zukunft."

Ob Montella dann selbst noch dabei ist, muss allerdings bezweifelt werden. Dass die riesige Enttäuschung für den Coach folgenlos bleibt, scheint schwer vorstellbar. Türkische Fussball-Kommentatoren forderten bereits sein Aus. Mit einer Medien-Schelte hatte sich der 52-Jährige schon vor dem Paraguay-Spiel nicht nur Freunde gemacht.

Klar ist: Auf dem Platz ruhen auf den beiden 21-jährigen Offensivspielern Güler und Yildiz auch in den nächsten Jahren grosse Hoffnungen. "Sie haben noch viele Turniere vor sich. Für mich war es vielleicht das letzte, man weiss nie", sagte Mittelfeldlenker Calhanoglu.

Güler scheint schon zu wissen, welche Last auf seinen Schultern liegt. Das Aus nannte der Ausnahmefussballer "beschämend" und sagte: "Ich muss jetzt alles tun, um das wiedergutmachen zu können."

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