Unfallgefahr und viel Lärm um den Lärm
Der neueste Formel-1-Kurs hat es in sich. Die Strecke in Madrid sorgt schon vor der ersten Runde für Diskussionen.
Die Macher versprechen sich bei der Rückkehr der Formel 1 nach Madrid nichts weniger als einen "Kurs gemacht für Spektakel". Und die Fahrer stellen sich auf maximale Crash-Gefahr ein. Carlos Sainz, geboren in Spaniens Hauptstadt, spricht von einer "der grössten Herausforderungen der Formel 1 der vergangenen Zeit" und rechnet mit Safety-Car-Einsätzen und Unterbrüchen.
Der Kurs, 5,416 Kilometer lang mit 22 Kurven, ist um die eher schmucklose Messe Madrid herum gebaut. Der berühmte Erdbeerbaum mit dem Bären, dem Wahrzeichen Madrids auf der Puerta del Sol, liegt rund 16 Kilometer entfernt. Wie viel Madrid im "Madring" wirklich steckt, wird sich noch zeigen müssen. Zeit genug bleibt dafür. Der für ein Grand Prix abgeschlossene Vertrag ist für zehn Jahre gültig. Zuletzt hatte es 1981 ein Formel-1-Rennen in der Nähe Madrids auf dem Circuito del Jarama gegeben.
Beim Neustart geben sich die Verantwortlichen nicht mit Kleinigkeiten zufrieden. Die Organisatoren rechnen am Grand-Prix-Wochenende mit 350'000 Zuschauern. Allein 45'000 Fans bietet das Prunkstück des Circuito Madring Platz, das den bescheidenen Namen "La Monumental" trägt, eine Steilkurve mit 13,5 Grad Neigung und 550 Meter lang - mit Vollgas gefahren. "Man kommt komplett blind aus dieser Kurve heraus. Man sieht nur den Himmel", sagt Sainz, der den Kurs in einem GT-Auto mal abgefahren ist.
Passagen, in denen die Fahrer praktisch nicht sehen, was nach der nächsten Kurve kommt, sind nicht selten auf dem Kurs. Hinzu kommt: Auslaufzonen sind Mangelware, Streckenmauern die Regel. "Wenn man einen Fehler macht, wird der Preis ohne Zweifel hoch sein", prophezeit Formel-1-Geschäftsführer Stefano Domenicali.
So also etwa wie bei den Testfahrten der Formel 3 jüngst. 19 Rote Flaggen, drei zerstörte Chassis, dazu noch sechs Schäden an der Radaufhängung. Für die Autos sei es "eine Killerstrecke", meint Jeff Vowles, der Chef des Teams Williams. Dass der Kurs kaum Haftung für die Reifen der Autos bietet, macht es nicht einfacher. Dass die Autos wegen der Batterie-Power noch unberechenbarer in Sachen Tempo und Beschleunigung sind, erhöht das Unfallrisiko ebenfalls.
Für alle Fahrer werden die ersten Runden auf der Strecke Neuland sein am Freitag in den beiden Trainings - bis auf Lewis Hamilton und Charles Leclerc in den Ferrari. Die Scuderia hatte im Juli einen Filmtag auf dem damals noch im Bau befindlichen Madring, der Brite und der Monegasse bekamen einen Vorgeschmack auf den Kurs.
In Madrid wollen sie aller möglicher Probleme zum Trotz mit dem Kurs Massstäbe setzen, der auch aus temporären Passagen besteht, die normalerweise öffentlich genutzt werden. Im Trainingszentrum von Real Madrid, das nicht mal einen Kilometer direkt neben der "Curve Monumental" liegt, dürften sie die Motoren heulen hören. Die Königlichen unterstützen als lokaler Sponsor die Rückkehr der Formel 1 in Spaniens Hauptstadt nach fast 50 Jahren ebenso tatkräftig wie Stadtrivale Atlético.
Berichten zufolge beliefen sich die Kosten bei der Ausschreibung für den Madring auf rund 83 Millionen Euro. Hinzu kommen laut der Zeitung "Marca" diverse weitere Kosten. Insgesamt würden sich die Ausgaben auf etwas mehr als 140 Millionen Euro belaufen.
Einer Studie des Wirtschaftsprüfungsunternehmens PwC zufolge soll der Grosse Preis in Madrid eine jährliche Wertschöpfung von 467 Millionen Euro haben und 8850 Arbeitsplätze schaffen. Doch nicht alle sind glücklich mit der PS-Party, für die bis zuletzt am und rund um den Kurs gehämmert, gestrichen und geklebt wird. "Stop Formula 1 Madrid" heisst eine Initiative, die sich gegen das Rennen ausspricht.
Bei den Protesten geht es vor allem um Lärmbelästigung und Umweltbelastung. Auf der Website der Bewegung läuft der Countdown bis zum Start auf dem "Kurs gemacht für Spektakel": "Verbleibende Tage bis zu einer Gefährdung der Gesundheit der Anwohner".