US-Nationalteam an der Heim-WM zwischen Grössenwahn und Realität
Die goldene Generation um Christian Pulisic soll das US-Nationalteam an der Heim-WM in neue Sphären hieven. Der Präsident will den Titel, der Nationalcoach lässt ihn träumen. Die Fallhöhe ist hoch.
"Können Sie die Weltmeisterschaft gewinnen?", fragte US-Präsident Donald Trump den Nationaltrainer Mauricio Pochettino am Rande der WM-Auslosung im Dezember. "Natürlich, Herr Präsident", antwortete der Argentinier pflichtbewusst. In einem Land, das sportliche Dominanz als Teil seines Selbstverständnisses betrachtet, gehört solch demonstrativer Optimismus fast schon zum politischen Pflichtprogramm.
Selbstredend soll die WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko für den Co-Gastgeber mehr werden als bloss ein sportlicher Grossanlass. Die Realität präsentiert sich allerdings deutlich nüchterner. Vor dem Auftakt gegen Paraguay am 13. Juni steckt das amerikanische Nationalteam in einer sportlichen Identitätskrise. Die Testspiele Ende März gegen Belgien (2:5) und Anfang April gegen Portugal (0:2) legten die Defizite der Mannschaft schonungslos offen. Gegen europäische Teams von Weltklasseformat setzte es seit dem WM-Achtelfinal 2022 gegen die Niederlande in acht Partien acht Niederlagen ab (6:22 Tore).
Dabei galt die aktuelle Generation lange als die talentierteste der amerikanischen Fussballgeschichte. Christian Pulisic, Weston McKennie oder Giovanni Reyna sammelten ihre Erfahrungen in europäischen Topligen und nährten die Hoffnung, die USA könnten erstmals ernsthaft zur Weltspitze vorstossen. Pulisic, in der Heimat Captain America genannt und nach Stationen bei Borussia Dortmund und Chelsea seit 2024 bei der AC Milan unter Vertrag, ist weiterhin die grosse Symbolfigur. Doch auch bei der "New York Times" taucht Pulisics Name in ihrer Liste der 100 besten Fussballer der Welt erst im 39. Rang und als einziger Amerikaner auf.
Unter Druck steht auch Trainer Mauricio Pochettino. Der frühere Coach von Tottenham, Paris Saint-Germain und Chelsea, dessen Vertrag nach der WM ausläuft, übernahm den Posten im September 2024 mit der klaren Mission, die Co-Gastgeber an der Heim-WM mindestens in die Viertelfinals zu führen. Doch seine Bilanz bleibt widersprüchlich.
Zwar gelangen regelmässig Siege gegen kleinere Nationen wie Haiti oder Trinidad und Tobago, es setzte aber auch mehrere empfindliche Niederlagen ab. Der Ex-Internationale Alexi Lalas fragte deshalb öffentlich: "Warum zum Teufel zahlen wir Mauricio Pochettino sechs Millionen Dollar im Jahr, wenn er mit diesen Spielern nichts anfangen kann?" Pochettino seinerseits liess mit einem Interview mit der BBC aufhorchen, in dem er bereits laut über eine Rückkehr in die Premier League nachdachte.
Trotz aller Zweifel scheint der Weg in die K.o.-Phase für die USA grundsätzlich offen. Die Auslosung der Gruppen bescherte den Gastgebern mit der Türkei, Paraguay und Australien ein machbares Los. Nicht nur für die BBC ist die Gruppe D die günstigste der drei WM-Gastgeber.
Doch die Amerikaner tun gut daran, die Konkurrenz nicht zu unterschätzen. Vor allem die Türkei mit den derzeit verletzten Stars Arda Güler und Hakan Calhanoglu, die bis zur WM wieder fit sein sollen, ist trotz des Umwegs über die Playoffs höher einzustufen. Auch Paraguay, das traditionell von seiner robusten Defensive und kämpferischen Mentalität lebt, ist weit unangenehmer, als es der Name vermuten lässt.
Gerade deshalb könnte bereits das Startspiel gegen Paraguay zum Nerventest werden. Amerikanische Medien sprechen offen davon, dass die WM-Stimmung im eigenen Land bislang kaum spürbar sei. Das Nationalteam bewege sich "weit unter dem Radar", selbst an Heimspielen befänden sich oft mehr Fans der Gegner im Stadion als amerikanische Anhänger, stellte "Fox Sports" fest.
Hinzu kommt das politische Umfeld. Die WM findet in einem gesellschaftlich polarisierten Land statt, in dem Trump den Sport zunehmend als Bühne nationaler Selbstinszenierung nutzt. Der Fussball, jahrzehntelang als Randsport belächelt, soll plötzlich als Symbol amerikanischer Stärke dienen. Entsprechend gross wäre die Fallhöhe eines frühen Scheiterns.
Die Geschichte der US-Nationalmannschaft liefert dafür genügend Warnsignale. Der Halbfinaleinzug 1930 bleibt bis heute der grösste Erfolg. Seit der Einführung moderner Turnierformate erreichten die USA nur einmal die Viertelfinals - 2002 in Südkorea und Japan. An der Heim-WM 1994 war wie 2022 bereits im Achtelfinal Endstation.
Die Amerikaner träumen dennoch vom grossen Coup. Vielleicht auch, weil in den USA sportlicher Erfolg oft zuerst behauptet und erst danach erarbeitet wird. Der WM-Sommer 2026 dürfte zeigen, ob hinter dem amerikanischen Traum tatsächlich eine aufstrebende Fussballmacht steckt oder bloss die nächste grosse Selbstüberschätzung.