Verteidigt Gottéron den Titel? Zwei Meinungen!
Mit einer Vollrunde startet die National League heute Abend in die Spielzeit 2026/27. Exakt 138 Tage nach Lucas Wallmarks geschichtsträchtigem Tor in der Verlängerung von Finalspiel 7, das dem HC Fribourg-Gottéron zum ersten Mal den Schweizer Meistertitel bescherte. Natürlich gehören die Saanestädter auch jetzt zum nicht kleinen Kreis der Titelanwärter, aber haben die Drachen tatsächlich auch das Zeug, um ihren Titel zu verteidigen? Unsere Redaktoren Andy Maschek und Patrick Y. Fischer sind sich nicht einig.
Andy Maschek sagt: Ja
Es gibt viele Leute, die den Meistertitel von Gottéron im Frühling 2026 als One-Hit-Wonder sehen. Und es wird wohl kaum jemanden geben, der diese Haltung als absolut realitätsfremd einschätzt. Einerseits ist da der Rücktritt von Julien Sprunger, dem Captain, dem nicht nur die Teamkollegen, sondern der ganze Klub und der Kanton zum Abschied den Titel so sehnlich gewünscht haben. Diese Vision sorgte in der Konsequenz dafür, dass sich alle auf diese Mission begaben und diese auch erfolgreich beendeten. Da ist andererseits auch der Abgang von Reto Berra, der mehr als ein gewöhnlicher Goalie war und nun in Kloten hext. Und last but not least ist da die Geschichte. Lange galt Gottéron als «unmeisterbar». Es gab immer wieder einen Grund oder es wurde ein Grund gefunden, um am Ende zu scheitern. Soll dieser Geruch des Versagens mit diesem Titel 2026 aus den Kleidern geschüttelt worden sein? Man darf zumindest zweifeln.
Und doch glaube ich daran, dass Gottéron auch im kommenden Frühling die Trophäe in den Himmel stemmen kann und den ganzen Kanton erneut in kollektive Ekstase und freudvolle Trunkenheit versetzt. Natürlich, Roger Rönnberg ist es in seiner Karriere noch nie gelungen, einen Meistertitel zu verteidigen. Dazu kommt, dass er in der Garderobe nicht über den bedingungslosen Rückhalt verfügt. Aber er ist ein Erfolgstrainer. Er kann sein Team zum Erfolg führen oder bei Bedarf zu Siegen und zum Titel peitschen. Geliebt werden muss er dafür nicht. Es ist nicht sein Anspruch. Er geht stattdessen konsequent seinen Weg und demonstriert durch sein Auftreten grenzenloses Selbstvertrauen. Zudem hat er mit Frölunda in der Champions Hockey League bereits bewiesen, dass er eine Mannschaft zu einem Back-to-Back-Titel führen kann: Mit Frölunda gewann er die Champions Hockey League 2016 und 2017 sowie 2019 und 2020 – zweimal gelang ihm damit die Titelverteidigung.
Und ja, Goalie Ludovic Waeber hat als Berra-Nachfolger ein schweres Erbe zu tragen, zumal er in seiner bisherigen Karriere nicht vorbehaltlos überzeugen konnte. Und er offenbarte auch in der Vorbereitung einige Schwächen. Aber wie war das mit Robert Mayer bei Servettes Meistertitel 2023? Auch hinter ihm wurden Fragezeichen gesetzt. In Davos war er einst als Sündenbock abgestempelt, aussortiert und über den Wolfgangpass zurück ins Unterland geschickt worden, wo er bei den SCL Tigers neuen Anlauf nahm und danach die Genfer mit seinen Paraden zum Meistertitel führte. Wieso sollte Ludovic Waeber bei Gottéron nicht dasselbe gelingen? Der Sport hat definitiv schon verrücktere Geschichten geschrieben.
Selbstverständlich gilt es für die Freiburger, neben dem Abgang von Berra auch den Verlust von Julien Sprunger, Attilio Biasca und Lucas Wallmark zu kompensieren. Doch auch bei den Zuzügen gibt es Perspektiven und Grund zu Optimismus. Der Kanadier Anthony Richard kann mit seinem Tempo die gegnerischen Abwehrreihen in Not bringen, und Jonas Taibel hat bereits gezeigt, dass er mit viel Talent gesegnet ist. Die zuletzt verletzten Sandro Schmid und Andrea Glauser werden mit ihrer Rückkehr Qualität ins Team bringen und Marcus Sörensen wird Tore und Assists en masse sammeln. Dazu kommt das leidenschaftliche Publikum, das wie ein zusätzlicher Import wirken kann. Es gibt definitiv Gründe, weshalb Gottéron den Titel verteidigen kann. Und ich glaube: Die Freiburger werden es tun.
Patrick Y. Fischer sagt: Nein
Donnerstag, 30. April 2026, Eisstadion Davos gegen 22:45 – ein Moment, der sich vermutlich bis in alle Ewigkeit ins kollektive Gedächtnis und Herz des Kantons Freiburg eingeprägt hat. Jener Augenblick, als Lucas Wallmark in der 6. Minute der Verlängerung des siebten Finalspiels gegen den HC Davos am rechten Bullykreis an die Scheibe kam, direkt abzog und den HC Fribourg-Gottéron zum ersten Meistertitel der Klubgeschichte schoss. Frenetisch bejubelt von ein paar Hundert Freiburger Fans im Davoser Eispalast – und von Zehntausenden von Freiburger:innen in der heimischen BCF-Arena sowie im gesamten Kantonsgebiet.
Gute viereinhalb Monate später wage ich die Prognose: Ein ähnlicher Moment des kollektiven Überschwangs wird sich im Saaneland in diesem Jahr nicht wiederholen. Nicht, weil Gottéron nicht erneut über eine starke Mannschaft verfügen würde – mit Leitwölfen wie Andrea Glauser, Markus Sörensen, Yannick Rathgeb oder dem letztjährigen Topskorer Henrik Borgström ist das Kader nach wie vor sehr gut besetzt. Aber eben nicht mehr so überragend wie im letzten Jahr. Mit den Abgängen von Attilio Biasca (Boston Bruins), von Meisterschütze Lucas Wallmark sowie dem Rücktritt von Captain und Klubikone Julien Sprunger hat der Meister nicht nur 74 Skorerpunkte verloren, sondern auch ganz viel Leadership, Bullystärke und Kadertiefe. Zu viel, um auch in dieser Saison bis ganz zum Schluss ein Wort im Meisterschaftsrennen mitreden zu können.
Natürlich kann man entgegenhalten, dass Fribourg in diesem Jahr dafür wieder auf die in der entscheidenden Saisonphase ausgefallenen Samuel Schmid und Andrea Glauser (noch verletzt) zählen kann. Nur gibt es da halt auch noch den Abgang von Keeper Reto Berra – quasi der Elefant im Raum –, der so einfach nicht wegdiskutiert werden kann. Ersetzt wird der Zürcher von Gottéron-Eigengewächs Ludovic Waeber (30), der nach soliden Jahren beim ZSC und in Kloten, unterbrochen von einem weniger erfolgreichen Abstecher nach Nordamerika, zu seinem Stammklub zurückkehrt. Dass er Berra, der acht Jahre lang für Fribourg die Kohlen aus dem Feuer holte, ersetzen kann, ist meiner Meinung nach eher nicht zu erwarten.
Und schliesslich gibt es da ja auch noch die Konkurrenz, wie bereits im vergangenen Jahr ziemlich zahlreich und zuweilen ausgezeichnet besetzt. Die ZSC Lions, zum Beispiel, haben sich nach der ersten titellosen Spielzeit seit drei Jahren zumindest teilweise neu orientiert und ihre Mannschaft mit den beiden Nationalspielern Tim Berni und Simon Knak sowie dem letztjährigen Rapperswiler Topstürmer Malte Strömwall hochkarätig verstärkt. Und auch die Kader von Vizemeister Davos sowie den beiden Westschweizer Giganten aus Genf und Lausanne können sich absolut sehen lassen. Dass Göttin Fortuna Fribourg zudem noch einmal so treu die Stange halten wird wie im letzten Frühjahr, als die Drachen die beiden entscheidenden Finalspiele sowie auch Spiel 7 im Viertelfinal (vs. Lakers) in der Overtime für sich entschieden, halte ich für unwahrscheinlich. Und deshalb steht für mich fest: In Jahr 2 unter dem schwedischen Meistertrainer Roger Rönnberg wird Gottéron den «Meisterchübel» nächsten Frühling nicht noch einmal in den Himmel stemmen können.