Sebastian Rudolph ist zuversichtlich im Wolfsburger Abstiegskampf.
Das Interview führte Sven Töllner
Sky Sport: Was macht Ihnen Hoffnung im Abstiegskampf?
Sebastian Rudolph: Wir sind zuversichtlich, dass die Saison noch erfolgreich endet. Die Mannschaft ist intakt, lebt und hat in den vergangenen Spielen gezeigt, dass sie funktioniert. Dieter Hecking erreicht die Mannschaft, und wir haben gute Leistungen gesehen.
Sky Sport: Trotzdem fehlen die Ergebnisse. Woran liegt das?
Rudolph: Es fehlt aktuell an Spielglück und Momentum. Wenn man das Spiel gegen Frankfurt nimmt, waren wir statistisch besser. Aber dann rutscht ein Spieler aus, wir gehen nicht in Führung, und das Spiel nimmt eine andere Wendung.
Sky Sport: Es gab viele personelle Veränderungen im sportlichen Bereich. Wurde das Ausmass der Krise zu spät erkannt?
Rudolph: Wir haben die Situation kontinuierlich analysiert, sowohl innerhalb der sportlichen Leitung als auch mit dem Aufsichtsrat. Ja, wir haben uns die Saison anders vorgestellt. Die gesteckten Ziele wurden nicht erreicht. Deshalb mussten wir Entscheidungen treffen. Die Saison ist aber noch nicht vorbei. Wir konzentrieren uns voll und ganz auf die nächsten Spiele.
Sky Sport: War die Trennung von Peter Christiansen notwendig?
Rudolph: Letzlich schon. Wir haben die Gesamtsituation analysiert. Für uns war entscheidend, dass die sportlichen Ziele bei den Männern bei weitem nicht erreicht wurden. Deshalb mussten wir diese Entscheidung treffen.
Sky Sport: Kam die Entscheidung zu spät?
Rudolph: Rückblickend kennt man die Ergebnisse immer. Für uns war wichtig, im Austausch zu bleiben und den richtigen Zeitpunkt zu erkennen. Dieser Punkt war dann erreicht.
Sky Sport: Was erwarten Sie in der crunchtime der laufenden Saison von den sportlichen Verantwortungsträgern?
Rudolph: Wir haben mit Sportdirektor Pirmin Schwegler und Diego Benaglio zusätzliche Kompetenz eingebracht. Beide stärken den sportlichen Bereich und helfen uns in der entscheidenden Phase der Saison. Diego Benaglio macht im Aufsichtsrat einen hervorragenden Job - auch was die Bindekraft zur Mannschaft und zur Region angeht. Wir haben jetzt für die Zielgerade dieser Saison Dieter Hecking an Bord geholt, der sofort Fuss gefasst hat und weiss, wie man hier integrative Kraft entfalten kann.
Sky Sport: Unabhängig vom Ausgang der Saison brauchen Sie aber einen neuen Sport-Geschäftsführer. Wo stehen Sie da?
Rudolph: Wie führen vertrauliche Gespräche und ich sehe sehr positiv in die Zukunft.
Sky Sport: Kommen Benaglio oder Hecking für diesen Job in Frage?
Rudolph: Aktuell ist klar vereinbart, dass Dieter sich voll auf die Trainerrolle konzentriert. Nach der Saison werden wir gemeinsam Bilanz ziehen. Diego unterstützt im sportlichen Bereich, sieht sich langfristig aber im Aufsichtsrat. Dort wird er dem Verein erhalten bleiben.
Sky Sport: Wie konkret planen Sie schon für den Fall des Abstiegs?
Rudolph: Unser Fokus liegt voll auf der Bundesliga. Wir sind zuversichtlich, die Klasse zu halten. Gleichzeitig sind wir finanziell stabil aufgestellt und werden die Lizenz für beide Ligen erhalten.
Sky Sport: Wäre im Abstiegsfall klar, dass alle Anstrengungen unternommen würden, um direkt wieder in die Bundesliga zurückzukehren?
Rudolph: Aktuell konzentrieren wir uns ausschliesslich auf den Klassenerhalt. Alles andere steht nicht im Fokus.
Sky Sport: Der war Fussball für die Stadt Wolfsburg und für Volkswagen über viele Jahre ein positiver Imageträger. Ist der VfL inzwischen zur Belastung geworden?
Rudolph: Nein. Der VfL Wolfsburg ist ein wichtiger Bestandteil des Konzerns. Auch die Frauenmannschaft ist sehr erfolgreich. Insgesamt bleibt der Verein ein positiver Faktor. Für die Grundarchitektur auch auf die kommende Saison bezogen gilt: Volkswagen steht fest zum VfL Wolfsburg. Für Männer, für Frauen, für die Jugend gilt unabhängig von der sportlichen Wetterlage, dass der VfL Wolfsburg eine wichtige Rolle spielt für die Region und für die Menschen hier.
Sky Sport: Wie kontrovers wird bei Volkswagen über das Engagement beim VfL debattiert?
Rudolph: Natürlich gibt es Diskussionen, aber nicht über das "Ob", sondern über das "Wie". Die Unterstützung ist weiterhin da. In guten Zeiten kann man eine Tradition prägen und weiterentwickeln, aber auch in harten Zeiten. Wir haben harte Zeiten bei den Männern - da rückt man enger zusammen und muss auch wieder positive Dinge nach vorne ziehen können.
Sky Sport: Die sportliche Entwicklung ist seit Jahren negativ. Sehen Sie in der Nachbetrachtung einen entscheidenden Kipp-Punkt?
Rudolph: Es gibt nicht den einen Moment. Aber ein Beispiel ist das Spiel gegen Hertha BSC am letzten Spieltag der Saison 22/23. Hertha war schon abgestiegen. Wir gingen in Führung, hatten viele Chancen, am Ende verlieren wir. Dadurch haben wir Europa verpasst - ein Unentschieden hätte gereicht.
Sky Sport: Der VfL Wolfsburg ist nach Bayern München, Dortmund und Leverkusen aktuell der Klub, der am längsten dauerhaft der Bundesliga angehört. Ein fettes Pfund. Warum hat das nie so richtig zu einer adäquaten überregionalen Wertschätzung geführt?
Rudolph: Wertschätzung entsteht auch durch Erfolg. Im Meisterschaftsjahr und im Jahr des DFB-Pokalsiegs habe ich die sehr wohl gespürt. Denken Sie an Bayer Leverkusen, wenn Sie auf die Zeit vor Xabi Alonso blicken. Die hatten grosse Zeiten, aber auch Zeiten, in denen das Stadion nicht voll war.
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