Unter Interimscoach Michael Carrick spielt Manchester United gross auf - spielen die Red Devils künftig wieder im "Theater der Träume"?
Von Leon Düngefeld
Manchester United ist zurück auf der grössten Fussballbühne Europas.
Der 3:2‑Heimsieg gegen den FC Liverpool brachte den Red Devils drei Spieltage vor Saisonende einen komfortablen Zwölf-Punkte-Vorsprung auf die Europa-League-Ränge - und damit die sichere Qualifikation für die Champions League. Dort spielte United zuletzt in der Saison 2023/24, doch das frühe Aus als Gruppenletzter passte zur Stimmung im Verein.
- Tabelle der Premier League
Seit Michael Carrick im Januar 2026 interimistisch das Kommando auf der Bank übernommen hat, zeigt die Kurve bei den Red Devils steil nach oben. Dabei liegt eine lange Phase der Orientierungslosigkeit hinter dem Klub, geprägt von enttäuschten Erwartungen seit dem Abgang von Trainer-Legende Sir Alex Ferguson im Jahr 2013.
Was steckt hinter dem plötzlichen Aufschwung des Vereins, der zuletzt 2008 die Champions League gewann?
Das schwere Erbe des Sir Alex Ferguson
Zum Abschluss seiner fast 27‑jährigen Amtszeit im Jahr 2013 hatte Ferguson die Red Devils zur 20. und bisher letzten Meisterschaft geführt.
Seit Fergusons Abschied wirkte Englands Rekord-Champion lange Zeit orientierungslos. Zwölf Cheftrainer standen seither an der Seitenlinie, darunter grosse Namen wie Louis van Gaal, Jose Mourinho oder Ole Gunnar Solskjaer. Trotz Geduld, hoher Investitionen und kurzfristiger Erfolge gelang es keinem von ihnen, die hohen Erwartungen dauerhaft zu erfüllen und nachhaltig Ruhe in den Klub zu bringen. Selbst der Triumph in der Europa League 2016/17 unter Mourinho war rückblickend nur ein kurzes Flackern. Fergusons Erbe wirkte wie eine Bürde. Das "Theater der Träume" - wie Vereinslegende Sir Bobby Charlton einst die Heimspielstätte taufte - verlor über die Jahre seinen Zauber.
Rückbesinnung statt Revolution
Ruben Amorim sollte United in eine neue Ära führen - dieses Versprechen in den hochgehandelten Portugiesen liessen sich die Verantwortlichen im November 2024 stolze zehn Millionen Euro Ablöse kosten. Doch auf dem Platz blieben die erhofften Fortschritte aus: Amorims Spielidee griff nicht, die Ergebnisse schwankten - im Januar 2026 zog der Klub die Reissleine und trennte sich wieder von ihm. Carrick übernahm schliesslich als Interims-Coach.
United entschied sich damit bewusst für interne Erfahrung. Der frühere Mittelfeldspieler kennt den Verein wie kaum ein anderer, absolvierte zwischen 2006 und 2018 zwölf Profijahre, sieben davon noch unter Ferguson, und arbeitete später als Co‑Trainer.
United-DNA zurück im Old Trafford
Mit Carrick änderte sich der Spielansatz grundlegend. Statt ein neues Projekt aufzusetzen, setzte er bewusst auf Stabilität - und das zeigte Wirkung: Zehn Siege und lediglich zwei Niederlagen lautet die Bilanz in 14 Premier League-Spielen. Seit Carricks Dienstantritt ist kein Premier-League-Klub stärker als United.
Unter dem ehemaligen Mittelfeldmann spielt die Mannschaft wieder im gewohnten System. Die Dreierkette wich einer klassischen Viererkette, das Spielsystem wurde flexibler gestaltet und deutlich besser auf das vorhandene Personal zugeschnitten. Vor allem aber ist ein Gefühl zurückgekehrt, das lange gefehlt hatte: Manchester United weiss wieder, wofür es stehen will.
Der Kapitän geht vorneweg
Im Zentrum dieser positiven Entwicklung steht Bruno Fernandes. Unter Carrick erhielt der Portugiese maximale Freiheit - und erlebt seitdem seinen zweiten Frühling. Der Kapitän präsentiert sich wieder als sportlicher wie mentaler Fixpunkt im Team. Kein Spieler bereitete ligaweit mehr Torchancen vor. Zudem steht Fernandes kurz vor einem historischen Vorlagen‑Rekord in der Premier League.
Doch auch die Sommer-Zugänge Matheus Cunha und Benjamin Sesko und Führungsspieler wie Maguire und Casemiro finden immer besser in ihre Rollen. Während Mittelfeld‑Talent Kobbie Mainoo unter Amorim kaum berücksichtigt wurde, ist dieser nun wieder gesetzt. Gegenüber Sky Sports unterstrich Mainoo die Wirkung Carricks deutlich: "Er ist ein riesiger Faktor. Das Vertrauen, das er nicht nur mir, sondern allen Spielern entgegenbringt - man möchte ihm folgen, man möchte für ihn kämpfen."
Interimslösung oder dauerhafte Antwort?
Carricks Arbeit hinterlässt Eindruck - bei den Spielern, aber auch bei den Legenden des Vereins.
"Durch seine Leistungen hat er sich selbst an die Spitze der Kandidatenliste gesetzt", sagte Gary Neville nach dem Sieg gegen Liverpool bei Sky Sports. United brauche langfristig einen Trainer, der bewiesen habe, grosse Titel gewinnen zu können. Nevilles Idee: "Warum gibst du ihm nicht einen Einjahresvertrag und gewährst ihm ein zusätzliches Jahr, um die Lage weiter zu stabilisieren?"
Sportlich ist ManUnited zurück im "Theater der Träume". Ob Carrick dort dauerhaft Regie führen wird, bleibt weiterhin offen - doch seinen Teil zur Rückkehr in die Erfolgsspur hat er bereits geleistet.
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