Wie Patrick Fischer die Schweiz an die Weltspitze führte
Beim am Wochenende gestarteten Projekt Team Fischer blickt der ehemalige Nationaltrainer Patrick Fischer auf die Erfolgsfaktoren hinter dem Aufstieg der Schweiz an die Weltspitze zurück.
Auch wenn Patrick Fischer aus bekannten Gründen beim Gewinn der Silbermedaille an der diesjährigen Heim-WM nicht mehr an der Bande stand, war es noch "sein" Team. So beginnt nun eigentlich erst mit dem ersten Turnier der Euro Hockey Tour in dieser Saison, das kommende Woche in Helsinki stattfindet, die Ära von Jan Cadieux.
Fischer startete derweil am vergangenen Samstag in seine nächste Karriere. Er will mit dem Team Fischer die Leute daran teilhaben lassen, wie es möglich war, das Schweizer Nationalteam vom 8. auf den 1. Platz in der Weltrangliste zu führen. Schon kurz nach seinem Amtsantritt Ende 2015 sprach er davon, eines Tages Weltmeister zu werden. Zwar fehlt die Krönung noch, doch vier WM-Finals seit 2018, zuletzt drei in Serie, können sich mehr als sehen lassen. Doch wie war diese Entwicklung möglich?
Ein entscheidender Punkt ist für Fischer Authentizität, also, sich selbst zu sein - "man kann es nie allen recht machen". Das ist etwas, das einfach klingt, jedoch sehr schwierig umzusetzen ist. Denn dafür muss man sich richtig mit sich selbst auseinandersetzen. Fischer tat dies, indem er 2009 zusammen mit seinem Bruder Marco nach Peru in den Urwald ging und dort bei den indigenen Shipibo lebte.
"Ich begegnete meinen Ängsten, von denen ich viele hatte, ich begegnete meiner Scham. Mein Hauptantrieb war Schuld, ich fühlte mich immer schuldig. All das erkannte ich und liess es mit der Zeit los - einiges, noch nicht alles. Aber es war für mich ein wichtiger Prozess", schildert Fischer seine im Urwald gemachten Erfahrungen. Im Frühjahr zuvor hatte er trotz weiterlaufendem Vertrag beim EV Zug seine Karriere beendet, weil es sich für ihn richtig anfühlte.
Nicht richtig fühlte sich für ihn auch eine Corona-Impfung an. Um dennoch an den Olympischen Winterspielen 2022 dabei sein zu können, liess er deshalb ein Covid-Zertifikat fälschen. Zwar würde er sich nach wie vor nicht impfen lassen, rückblickend würde er aber nicht mehr nach Peking reisen - auch wenn dies bedeutet hätte, schon damals den Posten als Nationaltrainer zu verlieren. Nur so wäre er zu 100 Prozent ehrlich zu sich selbst geblieben.
Mit seiner Zeit nach der Spielerkarriere setzte sich Fischer ebenfalls auseinander. Er stellte sich die Frage, worin seine Stärken liegen, und kam zum Schluss, dass er gut mit Leuten umgehen könne. Insofern war es ein logischer Schritt, Trainer zu werden. Wie er tickt, verdeutlicht eine Anekdote von ihm: "Bei meinem ersten Trainerjob (in Lugano) hatte ich einen Assistenten, der viel besser war als ich, viel mehr Erfahrung hatte. Zwar fragte ich mich, ob dieser mir nicht eines Tages den Job wegnimmt, aber ich wollte die Besten um mich herum haben. So konnte ich wachsen."
So handhabte er es auch als Nationaltrainer: Er umgab sich mit Menschen, die verschiedene wichtige Aspekte ins Team einbrachten. Während seiner gesamten, gut zehnjährigen Amtszeit war Benoît Pont an seiner Seite, der auf individuelles Coaching spezialisiert ist. Er ermittelt mit einem Test die motorischen Vorlieben eines Menschen, die mit dessen Denkweise korrelieren.
Dieser Ansatz half Fischer enorm. Einerseits beim Zusammenstellen des Teams: Beispielsweise gibt es Leute, deren Antreiber die Harmonie ist und die für den Zusammenhalt in einer Mannschaft enorm wichtig sind. Solche Überlegungen spielten bei der Zusammenstellung eines WM-Kaders ebenso eine Rolle wie die technischen und taktischen Fähigkeiten. Zwei Spieler dieser Kategorie sind Jonas Siegenthaler und Andrea Glauser, die an der Heim-WM verletzungsbedingt nicht zur Verfügung standen, aber genau deshalb dennoch ins Team integriert wurden. Andererseits konnte Fischer bei individuellen Gesprächen davon profitieren, weil er wusste, wie er den jeweiligen Spieler gezielt ansprechen musste, um ihn zu erreichen.
So war es für ihn einfacher, Vertrauen zu gewinnen, das für ihn insbesondere bei der aktuellen Generation Z entscheidend ist. "Sie brauchen Sinnhaftigkeit, es muss auf sie eingegangen werden, denn sie beobachten, was draussen läuft, weshalb ihnen nicht einfach nur Aufträge erteilt werden können", sagt Fischer. Insofern könne man ihnen nicht einfach etwas erzählen. Wenn man etwas nicht wisse, solle man das auch sagen. "Sie lieben authentische Menschen."
Bezüglich der Vertrauensbildung, und nicht nur dabei, war Arno Del Curto für ihn ein Mentor. Als Fischer mit 18 Jahren in der energetisch schwierigsten Phase seines Lebens steckte, Eishockey und Ausbildung unter einen Hut bringen musste und kaum Zeit für anderes fand, bekam er während einer Junioren-B-WM das Gefühl, mal in den Ausgang gehen zu müssen. Arno Del Curto, der damalige Trainer des Teams, erwischte ihn. Doch anstatt ihn zu rügen oder gar aus der Mannschaft zu schmeissen, rief er Fischers Vater an und erkundigte sich bei ihm nach dessen Empfinden. In der Folge ging er mit Patrick Fischer in den Ausgang und redete mit ihm bis tief in die Nacht hinein über Gott und die Welt. Am anderen Tag informierte er die Mannschaft darüber. Fischer: "Nun die Frage: Was machst du für einen solchen Coach? Alles."
Nicht umsonst gelang es Fischer, im Nationalteam eine Atmosphäre zu schaffen, in der jeder gerne kam, selbst NHL-Spieler nach einer anstrengenden Saison. "Es war für mich das A und O, eine Kultur zu implementieren, die wohlwollend ist", erklärt Fischer. "Wenn ein Spieler weiss, der Coach ist auf meiner Seite, dann öffnet er sich, dann erhalte ich ein ehrliches Feedback, wenn ich ihn danach frage, und das wiederum ermöglicht, gemeinsam zu wachsen." Wichtig war ihm auch, eine Identität zu schaffen: schnell, schlau, adaptiv, intensiv.
Ein weiterer Schritt in der Entwicklung des Nationalteams bestand darin, in den entscheidenden Spielen zu lernen, mit der Favoritenrolle umzugehen und sie anzunehmen. Deshalb holte Fischer 2023 Stefan Schwitter als Performance Coach ins Boot. Dieser war früher Profi-Wrestler und verbrachte danach Zeit in einem Zen-Kloster. Er half dabei, den richtigen Fokus zu finden und stets im Hier und Jetzt zu sein. Es gab Hypnosesitzungen unter der Anleitung von Adrian Brüngger, um Zugang zum Unterbewusstsein zu erhalten. Für seine letzte Saison holte Fischer auch noch Alain Steim, der eine bewegende Geschichte hinter sich hat und mit seiner Frequenztherapie bei der Entspannung half. Kurzum: Es wurde alles unternommen, um das Potenzial bestmöglich abzurufen.
Und darum geht es Fischer auch in seinem aktuellen Projekt: Er möchte Menschen gemeinsam mit Weggefährten aus dem Nationalteam dazu ermutigen und sie inspirieren, auch mal die Komfortzone zu verlassen. Derweil kann sein Nachfolger Jan Cadieux auf einem stabilen Fundament aufbauen. Und wer weiss, vielleicht klappt es ja im kommenden Jahr doch noch mit WM-Gold.