Wie Ramona Bachmann weiterkämpft
Ramona Bachmann zählt zu den grossen Aushängeschildern des Schweizer Frauenfussballs. Die 153-fache Nationalspielerin spricht im Interview über Zweifel, Entwicklung und ein mögliches Nati-Comeback.
Mit 16 Jahren wagte Ramona Bachmann den Sprung ins Ausland. 20 Jahre später, nach Stationen unter anderem bei Wolfsburg, Chelsea und Paris Saint-Germain, gehört die Schweizer Nationalspielerin zu den bekanntesten Namen im Frauenfussball hierzulande - aktuell steht sie bei den Young Boys unter Vertrag. Mit Keystone-SDA spricht sie über Vorbildrollen, sich selbst als Pionierin und darüber, wieso sie sich von der EM 2025 mehr erhoffte.
Ramona Bachmann, wieso sind Fussballerinnen die besseren Vorbilder als Fussballer?
"Ich möchte das nicht verallgemeinern. Aber meine Generation musste für unsere jetzigen Voraussetzungen kämpfen. Für viele von uns geht es deswegen nun darum, etwas zurückzugeben. Zudem ist der Frauenfussball akzeptierender."
Wie meinen Sie das?
"Wir haben eine Umgebung kreiert, in der man so sein darf, wie man ist. Bei den Männern scheint es mir, man müsse noch immer stark sein und dürfe in der Regel keine Schwächen zeigen. Wir stehen zu dem, wer wir sind, und haben unsere Werte."
Männer stehen nicht zu dem, wer sie sind?
"Es ist ein komplexes Thema. Im Männerfussball herrschen andere Dimensionen. Die Fankultur ist eine völlig andere und die Angst zurückgewiesen zu werden grösser."
Wieso ist das bei den Frauen anders?
"Wir spielen zum einen meistens noch vor weniger Fans. Zum anderen unterscheidet sich unser Publikum von jenem der Männer. Es sind mehr Familien im Stadion, die Stimmung ist eine andere."
Sie haben vorhin angesprochen, dass Ihre Generation für die heutigen Voraussetzungen kämpfen musste. Vor rund 20 Jahren haben Sie letztmals in der Schweiz gespielt. Die Unterschiede müssen enorm sein.
"Es hat sich natürlich unglaublich viel getan. Wir können bei YB mittlerweile alle Spiele im Stadion spielen, das ist mega cool. Und trotzdem fehlen im Gesamten doch noch einige Sachen."
Können Sie das erklären?
"Bei 20 Jahren fragt man sich schon, ob man in dieser Zeit nicht ein paar Schritte mehr hätte gehen können. Gleichzeitig hat der Frauenfussball erst in den letzten sechs Jahren angefangen, grosse Schritte zu machen."
Was sind konkrete Beispiele für Dinge, die Ihnen bei den Young Boys oder generell in der Schweiz fehlten oder noch fehlen?
"Bei YB ist man daran, die Infrastruktur laufend zu verbessern. Es war schwierig für die Spielerinnen, Zugang zu einem Gym zu haben. Krafttraining ist unglaublich wichtig, gerade auch wenn es um das Thema Verletzungsprävention geht. Dass so etwas noch nicht selbstverständlich ist, sieht man nach aussen nicht. Aber das sind Dinge, die bei den Männern und bei Frauenteams im Ausland seit Jahren zum Standard gehören. Allgemein finde ich, dass wir in der Schweiz bessere Infrastrukturen verdienen, als wir sie momentan haben. Ich möchte dafür kämpfen, dass die neue Generation sich nicht mehr damit befassen muss. Dass es möglich ist, die bestmögliche Leistung abzurufen, so wie es bei den Männern auch ist. Was mich sehr gefreut hat, ist, dass der Klub sehr offen war, sich das anzuhören und sich nun auch Mühe gibt, etwas zu verändern."
Trotzdem ist das ein anstrengender Kampf, den Sie führen.
"Definitiv. Ich mache es schon mein ganzes Leben lang. Es braucht Leute, die das machen. Das Schöne ist, dass man, wenn man zurückblickt, auch sieht, was für einen Einfluss man hatte und was man verändern konnte."
Wie nehmen Sie den Einfluss der Heim-EM wahr?
"Ich habe gehofft, dass das Turnier noch etwas mehr auslösen würde. England hat nach dem Sieg an der Heim-EM 2022 enorm viel investiert. Gut, wir haben die EM leider nicht gewonnen. Aber trotzdem, das Interesse war da, die Stadien waren ausverkauft. Wir waren alle unglaublich positiv überrascht darüber. Jetzt muss man einfach investieren und etwas dafür tun, dass die Menschen auch sehen, dass Frauenspiele stattfinden."
Ist Sichtbarkeit das Einzige, in das investiert werden muss?
"Die Vermarktung der einzelnen Spielerinnen könnte besser sein. So schafft man Vorbilder, und genau das finden die Leute dann interessant. Wenn sie sagen können: 'Das ist mein Vorbild, ich schau mal, wie sie spielt.'"
Sie selbst brauchen diese Vermarktung nicht mehr. Sie gelten nicht nur längst als Vorbild, sondern auch als Pionierin im Schweizer Frauenfussball. Inwiefern sehen Sie sich selbst als solche?
"Ich wollte nie eine Pionierin werden. Ich habe einfach immer dafür gekämpft, dass unsere Voraussetzungen besser werden. Ich denke schon, dass ich mit ein paar anderen zusammen sehr viel Einfluss gehabt habe. Da bin ich natürlich stolz drauf. Es gibt aber noch ganz viele weitere, die sich stark dafür einsetzen. Das braucht es unbedingt."
Mittlerweile bezeichnen junge Nationalspielerinnen wie Leila Wandeler Sie als Ihr Vorbild.
"Das ist natürlich sehr schön. Gleichzeitig bedeutet das auch viel Verantwortung. Ich versuche, ein Vorbild zu sein und ihnen auch etwas mitzugeben."
Wenn wir schon beim Thema Nati sind. Ihr letztes Aufgebot endete tragisch. Im EM-Vorbereitungscamp erlitten Sie einen Kreuzbandriss und fielen daraufhin lange aus. Hatten Sie schon Kontakt mit Nationaltrainer Rafel Navarro?
"Wir haben schon drei-, viermal telefoniert. Er wollte wissen, wie es mir geht, das habe ich sehr geschätzt. Ich glaube, er sieht wirklich auch den Menschen hinter der Athletin."
Haben Sie über ein allfälliges Aufgebot gesprochen?
"Ich habe ihm gesagt, dass die Nati für mich auf alle Fälle im Hinterkopf ist. Er sagte mir auch, dass es fussballerisch für ihn gar kein Thema sei. Aber zuerst geht es für mich darum, wieder 100 Prozent fit zu werden, das sah er ähnlich. Ich habe ihm gesagt, dass ich mich bei ihm melde, wenn ich mich bereit fühle. Dann liegt es natürlich an ihm, ob er mich aufbietet."
Wann melden Sie sich?
"Ich hoffe, dass ich es bis zum Zusammenzug im Dezember schaffe."
Bei einem Sieg gegen Israel im Oktober könnte die Nati im Dezember die WM-Qualifikation realisieren.
"Es wird schwierig für mich, bis dahin bereit zu sein. Aber es ist möglich. Ich muss geduldig bleiben."
Sie sprechen davon, wieder 100 Prozent fit sein zu wollen. Wie fit sind Sie aktuell?
"Ich finde es schwierig, das in Prozenten auszudrücken. Ich habe noch kein Spiel über 90 Minuten gemacht. Das brauche ich sicher einige Male, um zu sehen, wo ich wirklich stehe. Momentan bin ich bei ungefähr 60 Minuten. Auch die Spritzigkeit ist noch nicht da, wo ich sie gerne hätte. Früher konnte ich immer wieder den Unterschied machen und für Überraschungsmomente sorgen. Auf diesem Level bin ich momentan noch nicht."
Als Spitzensportlerin muss das auch zu einem Teil frustrierend sein.
"Klar gibt es gewisse Zweifel, aber ich glaube, das ist nach einer solchen Verletzung auch normal und geht vielen Athletinnen und Athleten so. Es ist die erste grosse Verletzung meiner Karriere und natürlich bin ich auch nicht mehr 20. Für mich ist es eine neue Herausforderung, nach einer so langen Pause wieder auf mein früheres Level zurückzukommen. Ich merke, dass ich dabei Geduld mit mir und meinem Körper haben muss. Gleichzeitig motiviert mich genau diese Herausforderung, weiterzuarbeiten und Schritt für Schritt wieder dorthin zu kommen."