Audrey Werro will den Medaillenhunger stillen
Audrey Werro hat eine erstaunliche Entwicklung hinter sich. Sie gehört aktuell zu den Topathletinnen weltweit und möchte an der EM in Birmingham über 800 m den nächsten Schritt machen.
Audrey Werro zeigte im Vorlauf in Birmingham über 800 m nach dem Zieleinlauf nur kurz ihre Krallen-Pose. Sie hatte wie erwartet alles unter Kontrolle, siegte in 1:57,83 Minuten und hinterliess den Eindruck, als würde sie ein lockeres Training bestreiten. Das bestätigt sie danach im Interview mit SRF: "Ich hatte noch viel Energie in meinen Beinen. Es war ein einfacher Tag."
Der Löwen-Jubel nach einem Sieg ist zum Markenzeichen der Freiburgerin geworden und symbolisiert perfekt ihren Werdegang von einer schüchternen Athletin zu einer vor Selbstvertrauen strotzenden 22-jährigen Frau, die selber von sich sagt, dass sie keine Limite habe und einfach Spass haben möchte. Entstanden ist die Geste aus einem Satz ihres Vaters Claude, der ihr früher vor Wettkämpfen sagte, dass sie nicht schüchtern, sondern eine Löwin sein solle.
Zwar zeichnete sich Werros Potenzial schon früh ab, bereits mit 18 Jahren blieb sie beim Gewinn der Silbermedaille an den U20-Weltmeisterschaften 2022 in Cali mit 1:59,53 erstmals unter zwei Minuten. Im Jahr zuvor war sie in Tallinn U20-Europameisterin über die zwei Bahnrunden geworden.
Doch in der Elite-Kategorie musste sie sich gedulden bis zum ersten Podestplatz an internationalen Meisterschaften, zuvor hatte sie einige Rückschläge zu verkraften. Bei ihren ersten drei Grossanlässen im Freien - der EM 2022, der WM 2023 sowie den Olympischen Spielen 2024 - verpasste sie die Halbfinals.
An der Hallen-EM 2023 in Istanbul lag sie als Fünfte nur sechs Hundertstel hinter der Medaille. Am gleichen Anlass zwei Jahre später in Apeldoorn stürzte sie im Final als Mitfavoritin auf der letzten Runde. Kurz darauf fehlte ihr an der Hallen-WM in Nanjing als Vierte gar nur eine Hundertstelsekunde zum Podest. Und auch an den letztjährigen Weltmeisterschaften in Tokio musste sie sich mit dem 4. Rang begnügen.
Nach Tokio arbeitete Werro auch viel im mentalen Bereich. In diesem März klappte es dann an der Hallen-WM in Torun mit der langersehnten Medaille. Sie holte hinter der britischen Olympiasiegerin Keely Hodgkinson Silber. Dementsprechend gross war die Erleichterung. Sie gab zu, den Druck gespürt zu haben.
Dieser Erfolg scheint Werro befreit zu haben, jedenfalls stiess sie im Freien in eine neue Dimension vor: Sie ist heuer nicht nur ungeschlagen und bezwang in Stockholm auch Hodgkinson, sondern lief mit 1:53,98 respektive 1:53,80 auch zweimal unter 1:54-Minuten. Das ist etwas, das zuvor erst zwei Frauen über 800 m geschafft hatten, nämlich die Tschechoslowakin Jarmila Kratochvilova (1:53,28/1983) und die für die Sowjetunion gestartete Nadeschda Olisarenko (1:53,43/1980).
Der Weltrekord von Kratochvilova schien ausser Reichweite zu sein, nun würde es nicht erstaunen, wenn ihn Werro eines Tages brechen könnte. Diesen traut sie sich auch zu, denn im Normalfall hat sie ihr Potenzial - 2024 betrug ihre Bestzeit noch 1:57,76 Minuten - bei weitem nicht ausgeschöpft. Dafür sprechen nicht nur ihr junges Alter, sondern auch der behutsame Aufbau ihrer Karriere.
Werro wird seit Jugendzeiten von Christiane Berset Nuoffer trainiert, der Schwester von alt Bundesrat Alain Berset. Die frühere Lehrerin ist mit ihrem Schützling quasi mitgewachsen. Im vergangenen Herbst stiess sie als Nationaltrainerin Mittelstrecken zu Swiss Athletics und steht nun Werro vollumfänglich zur Verfügung. Ihr Ansatz ist, primär auf die Bedürfnisse der Athleten einzugehen.
Das war bei Werro umso wichtiger, als diese bis im vergangenen Sommer, dem Abschluss der Matura, parallel noch zur Schule ging. Nun ist sie Profi, trotzdem wurde der Trainingsumfang nicht deutlich gesteigert. Sie trainiert zwischen zehn und zwölf Mal in der Woche und nicht mit extrem hohen Belastungen. Denn die Regeneration ist genauso wichtig wie das Training, um Fortschritte zu erzielen. Dieser kann sie sich nun ohne Doppelbelastung deutlich intensiver widmen.
Vor dem EM-Start wurde Werro zu einer internationalen Pressekonferenz eingeladen, was ihren Status als einer der Topstars der Szene unterstreicht. Sie geniesst das, auch weil sie dann ihr Englisch üben kann. Die EM war seit vielen Monaten ein Thema, deshalb ist sie froh, dass es nun losgegangen ist. Die Vorbereitung in den letzten Wochen, die sie auch in der Höhe absolvierte, bezeichnet sie als sehr gut. Der Vorlauf bestätigte das.
Es sei nicht das Ziel gewesen, bereits zuvor einen Formhöhepunkt zu haben, vielmehr sei er für die EM geplant, sagt Werro. Das muss für die Konkurrentinnen angesichts ihrer bisherigen Zeiten in diesem Jahr wie eine Drohung klingen, obwohl sie gemäss eigener Aussage mit jeder Medaille in Birmingham zufrieden ist.
Die Halbfinals finden am Donnerstag kurz nach Mittag (13.10 Uhr) statt. Es spricht wenig dagegen, dass Werro auch dann wieder ihre Krallen zeigen wird.