Die Chinesin Yu Zidi wirft als Schwimm-Wunderkind heikle Fragen auf
Mit gerade mal 13 Jahren erobert die Chinesin Yu Zidi die Schwimmwelt. Ihre Leistungen und ihr Alter werfen heikle Fragen auf - auch in der Schweiz.
In der linken Hand hält Yu Zidi ein kleines Plüschtier. Das ist aber das einzig "Normale" an der erst 13-jährigen Schwimmerin aus China. Denn das Mädchen mit der schwarzen Kurzhaarfrisur steht auf einem Podest, die rechte Hand umfasst eine Goldmedaille, vor ihr klicken die Kameras. Und das Plüschtier ist das Maskottchen der laufenden Asian Games in Nagoya. Das Supertalent hat drei Goldmedaillen gewonnen, über 200 m Lagen blieb Yu mit der zweitbesten Zeit der Geschichte nur vier Zehntel über dem Weltrekord. Ihre Leistungen sind aussergewöhnlich, ihr junges Alter sorgt aber auch für Bedenken.
Markus Buck, Chef Leistungssport bei Swiss Aquatics, lacht. "Ich bin froh, bin ich in der Schweiz verantwortlich", sagt er im Gespräch mit Keystone-SDA. Er erinnert daran, dass man gerade in diesem Alter eine enorme Verantwortung für die jungen Menschen habe.
Auf der Weltbühne erschien Yu an den Weltmeisterschaften vor einem Jahr in Singapur. Sie schwamm auf Einzelstrecken dreimal auf den 4. Platz, mit der chinesischen 4x200-m-Crawlstaffel holte sie Bronze - einen Monat vor ihrem 13. Geburtstag. Eigentlich gibt es im Schwimmen eine Alterslimite von 14 Jahren (kann auch später im selben Jahr erreicht werden) für Starts bei den Erwachsenen. Es gibt aber einen Ausnahmepassus, wenn Schwimmerinnen und Schimmer unter bestimmten Zeiten bleiben.
Yu stammt aus der Provinz Hebei, rund 150 Kilometer südwestlich von Peking. Mit sechs Jahren wurde sie in einem Freizeitpark von einem Schwimmcoach entdeckt, drei Jahre später zog sie für das Training in die Provinz-Hauptstadt. Ansonsten ist über das Wunderkind kaum etwas bekannt, mit internationalen Medien hat sie kaum je gesprochen. Chinesischen Medien sagte sie, ihre Erfolge seien das Resultat der "harten Arbeit". Das weckt natürlich Befürchtungen eines strengen Trainingsregimes ohne viel Mitbestimmung.
Buck stellt die Frage nach der Ausbildung eines so jungen Mädchens. "In der Schweiz, oder generell im Westen, wäre es neben der Schule kaum möglich, so viel wie notwendig zu trainieren, um auf dieses Niveau zu kommen." In China werde hingegen seit einigen Jahren stark in den Schwimmsport investiert, auch mit renommierten ausländischen Trainern zum Beispiel aus Australien oder Italien. "Es ist da viel Geld drin", stellt Buck fest.
Sehr junge Schwimmerinnen haben aber eine lange Tradition. Auf Yus Paradestrecken, 200 m Delfin sowie 200 und 400 m Lagen, hält die Kanadierin Summer McIntosh die Weltrekorde. Sie qualifizierte sich 2021 mit 14 Jahren für die Olympischen Spiele in Tokio, drei Jahre später gewann sie in Paris dreimal Gold und einmal Silber. McIntosh versuchte sich in jungen Jahren aber auch im Eiskunstlauf (ihre Schwester Brooke ist Paarläuferin) und trainiert seit letztem Jahr an der Universität von Texas.
Das Duell dürfte nächstes Jahr an der WM in Budapest und 2028 an den Olympischen Spielen in Los Angeles die Schwimmwelt elektrisieren - ähnlich wie der 800-m-Lauf bei den Leichtathletinnen. Bedenken bleiben, auch beim Internationalen Schwimmverband. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich diese Diskussion führen würde", sagte Geschäftsführer Brent Nowicki letztes Jahr in Singapur. "Aber wir müssen sicher anschauen, ob es mehr Einschränkungen oder Schutzmechanismen braucht", so der Amerikaner. Passiert ist bis jetzt allerdings nicht.
Kinderschutzexperten sind aber alarmiert. "Das widerspricht allem, was Psychologen empfehlen", erklärte die Autorin Linda Flanagan gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. "Dass sie nicht alles auf eine Karte setzen, sich für eine Vielzahl von Sachen interessieren sollen." Der Körper einer Zwölfjährigen sei nicht für intensives Schwimmtraining gemacht. "Und auch emotional ist es nicht in ihrem Interesse."
Das sieht Yu Zidi, zumindest gegenüber chinesischen Medien, anders. "Es war intensiver, als ich es gedacht hätte", meinte sie bei der WM in Singapur. "Aber die Atmosphäre in der Halle war grossartig." Gegenüber dem chinesischen Staatsfernsehen CCTV gab sie aber auch zu, vor den Landesmeisterschaften ans Aufhören gedacht zu haben. "Ich war überwältigt von den Emotionen und wollte nicht mehr trainieren." Aber "geduldige Ermunterung" ihres Coaches und der Familie hätten sie überzeugt, weiterzumachen.
Da war sie elf Jahre alt - und man mag sich nicht vorstellen, wie "geduldig" die Ermunterungen waren. "Am Ende hört man nur immer von denen, die es geschafft haben", warnt Markus Buck. "Aber es gibt hunderte, wenn nicht tausende, junge Talente, die es nicht schaffen." Er ist jedenfalls froh, ist die Teilnahme so junger Athletinnen bei den Erwachsenen in der Schweiz kein aktuelles Thema.