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Rekorde, Medaillen und eine Überfliegerin

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Audrey Werro steigt zur Weltbesten auf, Simon Ehammer sprengt Grenzen: Die Schweizer Leichtathletik erlebt 2026 ein historisches Jahr. Und die nächsten Versprechen stehen schon bereit.

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Audrey Werro, der gefeierte Star der Schweizer Leichtathletik © KEYSTONE/AP/ARMIN DURGUT

So breit war die Schweiz in der Weltspitze noch nie aufgestellt. Läuferinnen, Springer, Mehrkämpferinnen, Sprinter, Werferinnen und Hürdenläufer sorgen für internationale Spitzenresultate. Selbst dort, wo nicht alles aufgeht, bleiben die Aussichten bemerkenswert.

Die 22-jährige Freiburgerin startet als eines der grössten Schweizer Talente in die Sommersaison und beendet sie als beste 800-m-Läuferin der Welt. Sie wird Europameisterin, gewinnt die Diamond League und die Ultimate Championship und muss sich in der Halle einzig an der WM mit Silber begnügen. Im Freien verliert sie kein Rennen.

Mit 1:53,70 Minuten rückt Werro zudem in eine Dimension vor, die vor kurzem kaum vorstellbar schien. Sie ist die drittschnellste 800-m-Läuferin der Geschichte, zum Weltrekord der Tschechin Jarmila Kratochvilova von 1:53,28 fehlen nur 42 Hundertstel.

Werro ist damit längst nicht mehr nur ein Schweizer Sportstar. Sie gehört zu den international bekanntesten Gesichtern der Leichtathletik. Besonders fasziniert der Dreikampf mit der britischen Olympiasiegerin Keely Hodgkinson und der Niederländerin Femke Broeders-Bol, die auf die 800 m gewechselt hat. Nach ihrem perfekten Jahr zählt Werro zu den ersten Anwärterinnen auf die Auszeichnung zur Welt-Leichtathletin des Jahres 2026.

Was Simon Ehammer im Frühling gelingt, verschiebt die Grenzen des Schweizer Mehrkampfs. Bei der Hallen-WM in Torun wird er Weltmeister im Siebenkampf. Die 6670 Punkte bedeuten Weltrekord. Wenige Wochen später folgt in Götzis die nächste Demonstration: Ehammer gewinnt den prestigeträchtigsten Zehnkampf der Welt mit Schweizer Rekord und fliegt im Weitsprung innerhalb dieses Zehnkampfs mit 8,51 m so weit wie noch nie.

Und dann zeigt er an der EM, dass er eben auch ein Weltklasse-Spezialist ist. 8,29 m bringen ihm Silber im Weitsprung. Damit stellt sich eine Frage dringlicher denn je: Wo liegt Ehammers Zukunft? Die Antwort wird noch in diesem Herbst fallen. Ehammer will sich entscheiden, welchen Weg er bis zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles einschlägt: nur noch Weitsprung oder volle Konzentration auf den Mehrkampf.

Während andere explodieren, liefert Angelica Moser. Immer wieder. Podestplätze in der Diamond League, Bronze an der Hallen-WM und schliesslich die erfolgreiche Titelverteidigung an der EM. Moser ist längst zu einem der zuverlässigsten Schweizer Werte an Grossanlässen geworden.

Dabei stimmt nicht nur die Konstanz, sondern auch das Niveau. Ihr Schweizer Rekord steht bei 4,88 m. Die Züricherin besitzt Ende Saison das Niveau, um diese Marke noch zu verbessern.

Lange deutet wenig darauf hin, dass 2026 zum grossen Jahr von Jason Joseph werden könnte. Der Hürdensprinter sucht nach seiner besten Form. Doch dann kommt Birmingham und Joseph ist da.

Im EM-Final gewinnt er über 110 m Hürden Gold. Es ist die Antwort eines Athleten, der in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt hat, wie nahe bei ihm Weltklasse, Rückschläge und neue Anläufe beieinanderliegen. 2026 beweist Joseph vor allem eines: Abschreiben sollte man ihn nie.

2024 war Dominic Lobalu eine der grossen Schweizer Figuren. Dieses Niveau erreicht er 2026 nicht mehr durchgehend. Gerade deshalb sagt seine EM einiges über seine Klasse aus.

Auch ohne die Form seines Ausnahmejahres läuft Lobalu zu EM-Silber. Danach fehlt ihm allerdings zunehmend die Frische, in der Diamond League läuft er der Spitze hinterher. Sein starker Sieg in Monaco früher in der Saison zeigt jedoch, dass das Potenzial weiterhin vorhanden ist.

Bei Ditaji Kambundji will 2026 wenig zusammenpassen. Nach ihrem WM-Titel im Vorjahr kommt die Hürdensprinterin nicht richtig in Fahrt. Eine Oberschenkelverletzung wenige Wochen vor der EM bremst sie zusätzlich. Trotzdem fehlt ihr in Birmingham als Vierte nur wenig zu einer weiteren Medaille. Gemessen an ihren eigenen Ansprüchen ist es ein enttäuschendes Jahr. Und gleichzeitig eines, das zeigt, wie hoch diese Ansprüche mittlerweile liegen.

Für ihre Schwester Mujinga gelten andere Massstäbe. Im November 2025 brachte sie Sohn Léon zur Welt, wenige Monate später steht sie wieder auf der Bahn. Die alte Geschwindigkeit kommt allerdings nicht so schnell zurück, wie sie selbst gehofft hat. Das frustriert die erfolgreichste Schweizer Sprinterin zuweilen. Doch das wichtigste Ziel dieses Sommers erreicht sie: Sie ist zurück und hat wieder Rennen in den Beinen.

Mit 29 Jahren läuft Géraldine Di Tizio-Frey schneller als je zuvor. Sie gewinnt erstmals den Schweizer Meistertitel über 100 m und steigert sich auf 10,96 Sekunden.

Die EM-Medaille über 100 m verpasst sie als Vierte knapp. Doch wenige Tage später erhält ihre Saison den verdienten Glanz. Mit der 4x100-m-Staffel gewinnt sie Silber. Aus einer Athletin, die jahrelang im Schatten der bekanntesten Schweizer Sprinterinnen stand, ist eine der schnellsten Europäerinnen geworden.

Auch Annik Kälin verschiebt 2026 die Schweizer Grenzen. In Götzis gewinnt sie den Siebenkampf mit Schweizer Rekord. Wenige Wochen später legt sie noch einmal nach und verbessert ihre nationale Bestmarke erneut.

Damit reist Kälin als eine der stärksten Siebenkämpferinnen des Jahres zur EM. Ausgerechnet dort reicht es, trotz einer starken Punktzahl, nicht zur Medaille. Das ist die Kehrseite eines Jahres, in dem die Erwartungen mit jedem Rekord gestiegen sind. Ein vierter EM-Rang kann plötzlich wie eine Niederlage wirken.

Seit dem Start der Schweizer Staffelprojekte im Sprint im Nachgang zu den Olympischen Spielen 2004 in Athen wartete die Schweiz auf eine Grossanlass-Medaille über 4x100 m. Immer wieder läuft das Männer- oder Frauen-Quartett schnell, immer wieder scheint Edelmetall möglich zu sein, und immer wieder fehlt etwas.

In Birmingham endet das Warten. Und selbst dort wird es nochmals dramatisch. Nach einem missglückten letzten Wechsel scheint die Chance beinahe dahin zu sein. Doch Salomé Kora macht auf den letzten Metern Boden gut und rettet die Schweiz zu Silber.

Kora hat mit über 30 Jahren erstmals einen EM-Final über 100 m erreicht. Im Februar war sie als Bob-Anschieberin an den Olympischen Winterspielen im Einsatz, womit sie die erste Schweizer Sportlerin ist, die sowohl im Sommer als auch im Winter an Olympischen Spielen teilgenommen hat.

Werros Explosion überstrahlt beinahe, was sich hinter ihr abspielt. Denn mit Valentina Rosamilia und Veronica Vancardo besitzt die Schweiz gleich zwei weitere 800-m-Läuferinnen, die den Anschluss an die erweiterte Weltspitze geschafft haben.

An der EM stehen gleich drei Schweizerinnen im Final. Auch danach bestätigen Rosamilia und Vancardo ihre Fortschritte. Dass die kleine Schweiz in einer global derart umkämpften Disziplin gleich drei Athletinnen auf diesem Niveau besitzt, gehört zu den bemerkenswertesten Entwicklungen des Jahres.

Und hinter den Etablierten kündigt sich bereits die nächste Generation an. Xenia Buri gehört zu den grössten Sprint-Versprechen und klopft mit 18 Jahren bereits an die Tür der Elite. An der U20-WM wird sie über 100 m Vierte und gewinnt mit der 4x100-m-Staffel Silber.

Auch im Speerwurf wächst eine Generation heran, die international für Aufsehen sorgen könnte. Leonie Hügli und Sabrina Boss haben 2026 über 60 m geworfen. Oder im 200-m-Lauf ist Fabienne Hoenke, die an der EM Vierte und bei der Ultimate Championship Achte wird, eine Entdeckung.

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