Die (fast) unschlagbare Furia Roja
Für die Buchmacher ist Spanien an der WM in den USA, Kanada und Mexiko der Topfavorit, und dafür gibt es gute Gründe. Seit März 2023 blieb die Mannschaft von Nationalcoach Luis de la Fuente in der regulären Spielzeit 31 Pflichtspiele ungeschlagen. Die einzige Niederlage in dieser Zeitspanne ist das verlorene Penaltyschiessen im Final der Nations League gegen Portugal.
So eine Serie konnte nicht einmal die goldene Generation vorweisen, die zwischen 2008 und 2012 zwei Europameisterschaften und eine WM gewann. Seit 2025 sind die Iberer die Nummer 1 der FIFA-Weltrangliste. Als eines der gesetzten Teams gehen sie den grossen Mitfavoriten bei normalem Verlauf bis in die Halbfinals aus dem Weg.
Die Mannschaft besticht mit technischer Finesse sowie aussergewöhnlicher Qualität und Tiefe im Mittelfeld. Unter De la Fuente, der viele der aktuellen Leistungsträger seit deren Jugend begleitete, spielt sie direkter und mutiger als unter dessen Vorgänger Luis Enrique, dessen bisweilen steriler Ballbesitzfussball eine Grundsatzdiskussion ausgelöst hatte - "modernes Tiki-Taka" nennen sie es in Spanien.
Auch in der WM-Qualifikation hinterliess Spanien von den europäischen Topteams den besten Eindruck. Erst im letzten Spiel, beim 2:2 gegen die Türkei, gab es die ersten Gegentore und das einzige Unentschieden. Im ersten Duell hatte Spanien die Türken 6:0 deklassiert, und De La Fuente sagt dazu: "Dieser 6:0-Sieg in der Türkei, das war fast Perfektion."
Er sei stolz darauf, diese aussergewöhnliche Gruppe zu trainieren, sagt De la Fuente. "Sie hat den Rekord einer unvergesslichen Spielergeneration im spanischen Fussball übertroffen. Aber sie will mehr, immer mehr. Das ist der besondere Geist dieser Mannschaft."
Wenig überraschend gibt es im spanischen Ensemble derzeit keinerlei Dissonanzen. De la Fuentes WM-Aufgebot sorgte nur deshalb für Aufsehen, weil kein einziger Spieler von Real Madrid zum Team gehört. Ein Novum in der spanischen WM-Historie. Aber eines, das sich abzeichnete.
Schon an der EM 2021 hatte Luis Enrique auf Spieler von Real Madrid verzichtet. Reals jetzige Schwergewichte laufen an der WM für die Nationalteams Frankreichs (Mbappé, Tchouaméni), Brasiliens (Vinicius Junior, Rodrygo), Englands (Bellingham), Uruguays (Valverde) und der Türkei (Güler) auf.
Der sehr erfahrene Dani Carvajal und der junge Innenverteidiger Dean Huijsen, der bis 2023 für die Nachwuchs-Auswahlen der Niederlande gespielt hat, konnten sich in Reals chaotischer Saison 2025/26 nicht für eine Selektion aufdrängen. "Ich bin Nationaltrainer, ich schaue nicht auf den einen oder anderen Verein", erklärte De la Fuente, der personell aus einem immensen Fundus schöpfen konnte.
Der grosse Star ist Barcelonas Dribbelkünstler Lamine Yamal, der das Saisonfinale mit seinem Klub wegen einer Oberschenkelverletzung verpasst hat, bis zum WM-Auftakt am 15. Juni gegen Kap Verde aber wieder fit sein soll. Yamal ist einer von acht Spielern des FC Barcelona, Regisseur Pedri ein zweiter. Der grosse Stabilisator im defensiven Mittelfeld ist Rodri von Manchester City, der Weltfussballer von 2024. Im Tor hat De la Fuente die Qual der Wahl zwischen Athletic Bilbaos Unai Simon, dem wohl favorisierten Europameister-Goalie von 2024, Arsenals David Raya und Barcelonas Joan Garcia.
Das Gerüst der WM-Mannschaft ist das gleiche wie an der erfolgreichen EM 2024, hinzu kommen wichtige Junge wie Pau Cubarsi. Was fehlt, ist ein hochkarätiger Mittelstürmer - ein vermeintliches Manko, das in den letzten Monaten und Jahren keines war. In ähnlicher Besetzung holte Spanien 2024 den vierten EM-Titel. Folgt im Sommer 2026 der zweite WM-Titel?