Erneute Debatte um Tennis-Nachtspiele in New York
So viele Spiele wie nie zuvor enden am US Open in den frühen Morgenstunden. Nachstehend die Gründe, weshalb in New York bis weit nach Mitternacht gespielt wird und welche Änderungen Kritiker fordern.
Das hatte selbst Venus Williams in ihrer 32-jährigen Tennis-Karriere noch nicht erlebt. Für ihr Erstrundenspiel bei diesem US Open musste die Legende um 13 Minuten nach Mitternacht auf den Platz - so spät wie noch nie zuvor ein Spiel beim Grand-Slam-Turnier in New York begonnen hatte. "Das ist nicht ideal, ich hätte es mir anders gewünscht", schimpfte die 46-Jährige nach der Partie, die bis 02.01 Uhr dauerte.
Diese Episode vom Auftakt steht stellvertretend für einen Trend: Allein drei Matches endeten in der ersten Turnierwoche nach 2 Uhr morgens. Das sind so viele wie noch nie zuvor. Zwei weitere dauerten bis nach 1 Uhr. "Die Stadt, die niemals schläft, übertreibt es dieses Jahr", schrieb die Nachrichtenagentur AP. Die Debatte über Sinn und Unsinn der aktuellen Form der sogenannten Nightsession ist damit neu entbrannt. Und dies mit prominenten Stimmen.
Der Tennis-Abend bei den US Open beginnt im Arthur Ashe Stadium um 19.00 Uhr Ortszeit. Zwei Partien werden nacheinander gespielt, in der Regel ein Frauen- und ein Männermatch. Auch im zweitgrössten Stadion, dem Louis Armstrong Stadium, gibt es in der ersten Turnierwoche diese beiden Abendspiele.
Das Wohl der Spieler: Die Legenden des Sports beobachten den Trend mit Sorge. "Das ist nicht nachhaltig", schrieb Martina Navratilova bei X zu einer Auflistung der späten Matchzeiten. Und Boris Becker postete: "Das ist einfach zu spät, um Tennis zu spielen. Nenn mir einen anderen Sport, bei dem das so ist?!?"
Profis wie Alexander Zverev, der mehrfach bis weit nach Mitternacht spielte, berichten, dass sie erst um fünf oder sechs Uhr morgens zur Ruhe kommen. Das bringe den ganzen Rhythmus durcheinander.
Leere Ränge: Nach Mitternacht kann sich das stimmungsvolle Arthur Ashe Stadium mit einer Kapazität von fast 24'000 Zuschauern in einen tristen Ort mit weitgehend leeren Rängen verwandeln. Die Zuschauer strömen in Massen zur Metro oder zu den Parkplätzen. Selbst sie schaue sich die Spiele dann nicht mehr im Fernsehen an, sagte die Weltranglisten-Dritte Jessica Pegula. "Ich schlafe dann." Nach seinem Zweitrunden-Sieg mit einem verwandelten Matchball um 2.15 Uhr bedankte sich Zverev bei den verbliebenen Zuschauern, "die für die 15'000 entschädigen, die gegangen sind".
Millionen-Einnahmen: Durch die Nightsession können die Organisatoren pro Tag ein zweites Mal Eintrittskarten für dasselbe Stadion verkaufen. Nach dem letzten Nachmittagsspiel müssen alle Zuschauer die beiden grössten Arenen des Turniers verlassen. Das ist ein lukratives Geschäft. Zuletzt betrugen die Einnahmen aus Ticketverkäufen 208 Millionen Dollar, was einem Drittel der gesamten Jahreseinnahmen des veranstaltenden US-Tennisverbands entspricht.
Geschlechtergleichheit: Nur ein Spiel am Abend pro Stadion anzusetzen, kommt für die Organisatoren in New York als Lösung nicht infrage. Auf dieses Modell setzt das French Open. Damit handeln sich die Organisatoren jedes Jahr eine Debatte über die Gleichberechtigung ein, weil in Paris fast ausschliesslich Männer-Spiele am Abend stattfinden. Seit 2021 durften nur fünfmal Spielerinnen ran. Die Turnierdirektorin Amélie Mauresmo argumentiert mit den Bedürfnissen der Zuschauenden, so bestehe die Gefahr, dass Frauenspiele über zwei Sätze zu schnell vorbei sein könnten.
Fan-Verhalten: Ein früherer Start? Auch darauf wollen sich die Organisatoren nicht einlassen. Sie verweisen auf die New Yorker, die im Feierabendverkehr aus Manhattan ins östlich gelegene Queens gelangen müssen. "In New York wäre es eine Herausforderung, vor 19.00 Uhr zu starten", sagte Turnierdirektor Eric Butorac bei ESPN. "Aus unserer Sicht ist dies deshalb die richtige Zeit."
"Ich denke, das ist verrückt. Man muss die Nightsession neu denken. Sie hört zu spät auf", sagte Navratilova bei Sky Sports. Als Lösung schlug sie vor, nur noch ein Einzel und ein normalerweise kürzeres Doppel hintereinander anzusetzen.
Doch selbst dieses Modell bietet keine Garantie für einen früheren Feierabend. Bei diesem US Open führte ein Drei-Stunden-Doppel der Williams-Schwestern Serena und Venus dazu, dass Ben Shelton erst um 02.07 Uhr seinen Auftritt beendete.