Hat Ronaldo sein Vermächtnis zerstört? Zwei Meinungen zu seinem Eklat!
90 Minuten auf der Ersatzbank waren zu viel: Cristiano Ronaldo hat das Trainingslager des portugiesischen Nationalteams verlassen. Hat er damit sein Vermächtnis zerstört? Oder ist es vielmehr eine verständliche Reaktion? Unsere Redaktoren Younes Hdk und Andy Maschek sind unterschiedlicher Meinung.
Younes Hdk sagt Ja
Um diese Frage zu beantworten, muss man sich zunächst eine andere stellen: Wie sieht Cristiano Ronaldos Vermächtnis in der portugiesischen Nationalmannschaft eigentlich aus? Auf Vereinsebene gehört Ronaldos Karriere ohne jeden Zweifel zu den grössten und erfolgreichsten, die dieser Sport je gesehen hat. Im Nationalteam fällt die Bilanz allerdings deutlich weniger glorreich aus, als es oft dargestellt wird.
Der EM-Titel 2016? Im Finale gegen Frankreich musste Ronaldo nach gerade einmal 25 Minuten verletzt vom Platz – Portugal gewann ohne ihn. Dazu kommen ein einziges Tor in neun K.-o.-Spielen bei Weltmeisterschaften und drei Treffer in 13 K.-o.-Partien bei Europameisterschaften. Für einen fünfmaligen Ballon-d’Or-Gewinner ist das alles andere als eine überragende Bilanz. Überspitzt gesagt: Im Portugal-Trikot gibt es inzwischen fast mehr Bilder eines weinenden Cristiano Ronaldo als solche, auf denen er nach einem entscheidenden Treffer jubelt.
Und bitte kommt mir jetzt nicht mit den beiden gewonnenen Nations-League-Titeln. Dieser Wettbewerb wurde letztlich geschaffen, um die bisherigen Freundschaftsspiele zu ersetzen, und hat für mich kaum mehr Bedeutung als für einen 20-Jährigen, der seinen ersten Titel mit der Nationalmannschaft feiern will. Wenn man all das nüchtern betrachtet, gibt es jedenfalls wenig Grund dafür, dass Ronaldos Ego in der Seleção derart über allem stehen sollte.
Das Problem mit Cristiano existiert ausserdem nicht erst seit dieser Woche. Spätestens seit 2023 zieht es sich durch seine Zeit im Nationalteam. Seit fast vier Jahren trägt CR7 Portugal sportlich nicht mehr – im Gegenteil: Er ist zunehmend zur Belastung geworden. Und schlimmer noch: Auch abseits des Platzes stand er im Mittelpunkt praktisch jeder grösseren Kontroverse rund um die Nationalmannschaft. Als wäre es nicht schon problematisch genug, mit 40 beziehungsweise 41 Jahren und den zwangsläufig damit verbundenen Defiziten bei Tempo, Reaktionsfähigkeit und Intensität weiterhin eine zentrale Rolle einzufordern, wollte Ronaldo offenbar nicht nur jedes Spiel beginnen, sondern am liebsten auch jedes beenden.
Man erinnere sich nur an seine Reaktion, als er im WM-Spiel gegen Kroatien im vergangenen Juli in der 81. Minute ausgewechselt wurde. Und jetzt betrachtet Herr Ronaldo es offenbar als Majestätsbeleidigung, dass sein Trainer ihn gegen Norwegen nicht eingewechselt hat, nachdem ihm zuvor 30 Minuten Einsatzzeit in Aussicht gestellt worden waren. Ein solches Theater wäre bei einem 20-Jährigen schon schwer nachvollziehbar. Bei einem 41-Jährigen fehlen einem endgültig die Worte.
Hat Ronaldo also all das eingerissen, was er sich über mehr als zwei Jahrzehnte mühsam aufgebaut hat? Für mich ist die Antwort eindeutig: Seine Erfolge mit Portugal waren schlicht nicht gross genug, um die bitteren Bilder der vergangenen vier Jahre und diesen unwürdigen Abgang von gestern Abend einfach verblassen zu lassen.
Aus dem Umfeld des fünfmaligen Ballon-d’Or-Gewinners soll durchgesickert sein, dass er sich wünsche, «Portugal würde ihn so behandeln, wie Argentinien Messi behandelt». Dafür hätte Ronaldo allerdings zunächst selbst jene Selbstlosigkeit und jenen Respekt gegenüber Mitspielern und Trainern zeigen müssen, die La Pulga bei der Albiceleste immer wieder an den Tag legt.
Andy Maschek sagt Nein
Es war ein Abgang durch die Hintertüre und gleichzeitig mit Pauken und Trompeten, als Cristiano Ronaldo diese Woche das Trainingslager des portugiesischen Nationalteams vor dem Match gegen Dänemark verliess. Er spielte die beleidigte Leberwurst, weil er gegen Norwegen 90 Minuten auf der Bank schmorte, obwohl ihm vom Trainer offenbar ein Einsatz versprochen worden war. Es erinnert an ein quengelndes Kind. An einen Trotzkopf, der seinen Willen nicht durchgebracht hat. Und ich glaube, da sind wir uns einig: Es war ein ganz schlechter Stil. Ein Abgang, der nicht einmal mehr nur fragwürdig ist. Dies vor allem auch bei einem Star, zu dem die Fans massenhaft aufschauen, ihn teilweise gar vergöttern.
Aber deswegen zu sagen, dass CR7 sein Vermächtnis zerstört hat, ist in meinen Augen ebenfalls unverhältnismässig. Mehr als zwei Jahrzehnte hat Cristiano Ronaldo für Portugal gespielt. Seinen ersten Einsatz hatte er am 20. August 2003 gegen Kasachstan, als er in der Pause für Luis Figo eingewechselt wurde. Der kommende Star für den langsam aber sicher alternden Star. 234 Länderspiele hat Ronaldo insgesamt für die Portugiesen bestritten und dabei 146 Tore erzielt. Es sind Zahlen für die Ewigkeit. Zahlen, die auch beweisen, dass Ronaldo trotz seiner Erfolge und all der Belastungen den Aufgeboten seines Landes praktisch immer folgte, wenn er die Möglichkeit dazu hatte. Absagen aus fadenscheinigen Gründen? Fehlanzeige. Selbst wenn sein Verhalten diesmal falsch gewesen sein sollte, bleiben diese eindrücklichen Leistungen bestehen. Und auch seine Rekordmarken. Vielleicht gar für immer.
Dazu kommen seine Erfolge. Auf Klubebene gewann er alles, was man gewinnen konnte. Es sind Lastwagenladungen an Trophäen zusammengekommen, dazu gefühlt unzählige persönliche Auszeichnungen. CR7 gehört zweifellos zu den besten Fussballern aller Zeiten, wobei sich die Frage nach dem GOAT nicht endgültig beantworten lässt. Mit dem Nationalteam ist sein Palmarès dagegen weit weniger lang, hat aber auch bemerkenswerte Einträge: den EM-Titel 2016, als er im Final gegen Frankreich nach 25 Minuten verletzt ausgewechselt werden musste, danach aber als zusätzlicher Coach an der Seitenlinie mitfieberte und herrliche Bilder lieferte. Und die Nations League-Triumphe 2019 und 2025. Es sind Trostpreise, einverstanden. Aber es sind Titel, welche die Fans dennoch stolz machten.
Diese erfolgreichen Kapitel in der portugiesischen Fussballgeschichte werden durch einen Konflikt am Ende von Ronaldos Karriere nicht zerstört oder ausgelöscht. Denn ein schlechter Abschied ist noch lange nicht gleichbedeutend mit einer schlechten Karriere. Der Umgang mit einer weniger bedeutenden Rolle ist nicht wirklich die Stärke von CR7. Auch dass er immer spielen will und fast pathologisch ehrgeizig ist, ist längst bekannt und hat seine Karriere mitgeprägt. Es war auch Teil seines Erfolges. Und ein herausragender Spieler war er allemal. Zudem sind sportliche Bedeutung und vorbildliches Verhalten unterschiedliche Massstäbe. Und dass ihm im Spätherbst seiner Karriere das Loslassen schwerfällt, ist verständlich. Aber keine Entschuldigung.
Für mich ist klar: Der letzte Eindruck darf nicht das gesamte Urteil bestimmen. Ein aktueller Eklat kann nicht die jahrelangen Verdienste auslöschen. Wer nun von der Zerstörung eines Vermächtnisses spricht, gewichtet den Abgang höher als die gesamte Karriere. Und das ist für mich definitiv nicht Fairplay. Ein fragwürdiger Abgang kann Ronaldos Ansehen zwar beschädigen, aber nicht sein gesamtes Lebenswerk zerstören.