Jetzt kann Zverev die Finals geniessen
Alexander Zverev ist der logische und verdiente Sieger am US Open. Sechs Jahre nach einem Finaldrama zeigt sich der Deutsche vom Druck befreit. Als den Besten sieht er sich aber nicht.
Was für ein Unterschied! Vor sechs Jahren steht Alexander Zverev im geisterhaft leeren Arthur Ashe Stadium vor der frühen Krönung seines steilen Aufstiegs. Im wegen Covid ohne Zuschauer ausgetragenen US-Open-Final führt der Hamburger mit 2:0 Sätzen, schlägt zum Turniersieg auf, verliert aber im Tiebreak des fünften Satzes gegen Dominic Thiem. Nun, mit 29 Jahren, steht ein ganz anderer Zverev auf dem Platz.
Der Hexenkessel kocht, im grössten Tennisstadion der Welt versuchen fast 24'000 Fans, den Amerikaner Ben Shelton im vierten Satz zu einem Comeback zu schreien. Doch Zverev bleibt so cool, dass er sogar vergisst, nach dem Matchball zu jubeln. Dass er gar nicht weiss, dass die Partie zu Ende ist. "Ich dachte, es stehe erst 5:1", gesteht der Deutsche später und lacht über die vielleicht skurrilste Szene des Tennisjahres. "Ich war völlig in meiner Blase und habe offenbar sogar den Spielstand vergessen." Das sei vielleicht ganz gut gewesen. "Sonst hätte ich drei Doppelfehler gemacht."
Hätte er wahrscheinlich nicht, denn mit seinem Sieg am French Open - nach drei verlorenen Grand-Slam-Finals - hat Zverev seine Dämonen ein für alle mal vertrieben. "Die Narben, die dieser Final hier 2020 verursacht hat, sind nach dem Sieg in Paris verschwunden", erklärt Zverev. Bereits nach dem verlorenen Final in Wimbledon gegen Jannik Sinner war er nicht mehr frustriert und hatte betont, dass er diese Finals nun geniessen könne.
Die ersten Grand-Slam-Titel Zverevs waren überfällig, sein Leistungsvermögen war schon lange da. Zwei Titel bei den ATP Finals, sieben bei Masters-1000-Turnieren, wo die Besten in der Regel dabei sind, sind der stechende Beweis. Auf der grössten Bühne und gegen die Topspieler verfiel er jedoch immer wieder in das gleiche Muster: passiv, mutlos, verkrampft. Diese Zeiten sind vorbei.
Die Zuschauer, die natürlich gerne den ersten amerikanischen Sieger seit 23 Jahren bejubelt hätten, rührt er bei der Siegerehrung mit einer emotionalen Liebeserklärung an seine Mutter Irina. "Sie ist die wichtigste und stärkste Person in meinem Leben", so Zverev. Der Hintergrund ist seine Diabetes-Erkrankung (Typ 1), die er 2022 öffentlich machte und wegen der er während Matches immer wieder seinen Blutzuckerspiegel kontrollieren und sich Insulin spritzen muss.
Wenn dein vier Jahre alter Sohn die Diagnose erhalte, er habe Diabetes und die Ärzte sagen, sein Leben und seine Möglichkeiten im Sport würden sehr eingeschränkt sein, brauche es eine "sehr, sehr starke Mutter, die sage: "Mein Sohn wird sein, was immer er will. Und wenn er ein Tennisspieler sein will, wird er ein Tennisspieler sein. Wenn er etwas anderes sein will, wird er das sein. Aber diese Krankheit wird uns nicht definieren." Zverevs Eltern, beides Tennisspieler, waren mit Beginn des Kollapses der Sowjetunion ausgewandert und arbeiteten in Hamburg als Tennislehrer.
Mit den Titeln in Paris und New York, dem Halbfinal in Australien (Niederlage in fünf Sätzen gegen den späteren Sieger Carlos Alcaraz) und dem Final in Wimbledon blickt Zverev auf eine herausragende Grand-Slam-Saison zurück. Damit rückt auch die Nummer 1 ins Visier. Im Jahresranking liegt er bereits an der Spitze, der Rückstand auf Sinner in der Weltranglisten beträgt noch 1810 Punkte. Der Italiener, der seit Wimbledon wegen einer Knieverletzung nicht mehr gespielt hat, muss bis Ende Jahr unter anderem die Punkte von den Siegen beim Hallenturnier in Paris und den ATP Finals in Turin verteidigen.
"Ich werde für den Rest des Jahres konzentriert bleiben und alles dafür tun, dass ich die Chance bekomme, die Nummer 1 zu sein", betont Zverev. Wie mit dem Sieg am US Open wäre er erst der zweite Deutsche nach Boris Becker, dem dies gelingt.
Auf die Frage, ob er sich als zurzeit besten Tennisspieler der Welt sehe, gibt sich Zverev zurückhaltend und bescheiden. "Das ist eine schwierige Frage", sagt er. "Genau jetzt, mit Jannik (Sinner) verletzt und Carlos (Alcaraz) erst gerade von einer langen Verletzungspause zurück, bin ich es wahrscheinlich." Aber: "Vor vier, fünf Monaten, als beide gesund waren, war ich es nicht. Wenn alle gesund sind, steht Jannik immer noch über allen. So einfach ist das."
Einfach war der Weg von Zverev nicht. Er hat aber seine Chance genutzt, als ihm Sinner und Alcaraz für einmal nicht im Weg standen. Er hat bewiesen, dass er definitiv der Beste hinter den beiden Dominatoren der letzten drei Jahre ist. Und wer weiss, mit dem neu gewonnenen Selbstverständnis kann er vielleicht aus dem Duell einen Dreikampf machen, selbst wenn Sinner und Alcaraz wieder in Topform sind.