K wie Kane oder Kvaratskhelia: Zwei Meinungen zum Rennen um den Ballon d'Or
Am 26. Oktober findet in London die Verleihung des Ballon d'Or statt. Mit dem prestigeträchtigen Award ehrt das französische Fussballmagazin «France Football» seit 1956 jedes Jahr den besten Fussballer der Welt. In diesem Jahr u. a. im Fokus: Bayerns Tormaschine Harry Kane und PSGs Zauberflügel Khvicha Kvaratskhelia. Wer das Rennen macht? Unsere Redaktoren Andy Maschek und Patrick Y. Fischer sind sich nicht einig.
Andy Maschek sagt: Harry Kane
Seien wir ehrlich: Harry Kane hat in der vergangenen Saison schon fast wie von einem anderen Stern performt. 73 Tore in 65 Spielen für den FC Bayern München und das englische Nationalteam, dazu acht Assists – es ist eine aussergewöhnliche Bilanz und dokumentiert die Stärke des Offensivspielers. Er erzielte allein für die Bayern 61 Tore und pulverisierte Rekorde. Es ist ein schlagkräftiges Argument dafür, weshalb er die Auszeichnung verdient.
Zudem ist es ja so, dass er auf allen Bühnen seine immense Klasse unter Beweis gestellt hat. Am Ende standen in seiner Saisonstatistik 36 Tore in der Bundesliga, zehn im DFB-Pokal – drei davon im Final – und 14 in der Champions League. «King Kane» hat also in verschiedenen Wettbewerben überzeugt. Dazu kam, dass er auch als Captain der Three Lions immer wieder einnetzte. Allein an der WM erzielte er sechs Tore – und dies, obwohl er im Spiel um Platz 3 nicht eingesetzt wurde. Dass die Engländer am Ende nicht Weltmeister wurden, lag ganz sicher nicht an ihm.
Kane wurde in der Bundesliga zum dritten Mal in Folge Torschützenkönig, und er gewann zum zweiten Mal den Goldenen Schuh, der an den besten Torjäger Europas verliehen wird. Dank seiner Tore gewannen die Bayern das Double und wurde England WM-Dritter – es sind Erfolge der obersten Güteklasse.
Natürlich, Kritiker können ihm vorwerfen, dass er weder an der Weltmeisterschaft noch in der Champions League die Trophäe in den Himmel strecken konnte. Doch beim Ballon d’Or zählen laut den veröffentlichten Kriterien neben Teamerfolgen ausdrücklich auch die individuelle Leistung und der Einfluss eines Spielers. Wer 73 Mal trifft und zugleich Titel gewinnt, hat deshalb sehr starke Argumente geliefert und berechtigten Anspruch auf diese Auszeichnung.
Dies vor allem auch, weil Kane sich und sein Spiel in den letzten Jahren weiterentwickelt hat und definitiv kein Stürmer ist, der vor dem gegnerischen Kasten wartet, bis er abstauben und den Ball über die Linie drücken kann. Kane ist sich nicht zu schade, nach hinten zu arbeiten und in der eigenen Hälfte einen Gegner abzugrätschen. Und er versteht es auch, seine Mitspieler mit Pässen geschickt einzusetzen und ins Spiel einzubeziehen. Kane arbeitet für die Mannschaft, lässt sich ins Aufbauspiel fallen, schafft Räume für Mitspieler und hilft gegen den Ball. Und als Captain und Führungsspieler übernimmt er Verantwortung. Nicht von ungefähr hob der «kicker» bei seiner Wahl zur «Persönlichkeit des Jahres 2025» seinen Teamgeist und seine Defensivarbeit hervor.
Und auch wenn Harry Kane zu den aktuellen Superstars im Weltfussball zählt, bleibt er bodenständig. Sein Trainer Vincent Kompany beschrieb ihn als Spieler, der nach 61 Toren in einer Saison innerhalb der Mannschaft weiterhin «wie einer von allen» auftrete. Das ist im Millionenbusiness Fussball, wo sich so viele übersteigerte Egos tummeln, ein nicht hoch genug einzuschätzender Charakterzug. Kane ist kein Torjäger, der vom Team lebt – er macht das Team besser und stellt sich zugleich in dessen Dienst.
Wenn 73 Tore verteilt auf mehrere Wettbewerbe und zwei Klubtitel nicht für den goldenen Ball reichen – was muss man dann leisten? Deshalb ist für mich klar: Nach dem Goldenen Schuh verdient Harry Kane auch noch den Ballon d’Or.
Patrick Y. Fischer sagt: Khvicha Kvaratskhelia
Natürlich: Harry Kane könnte das Rennen machen. 61 Tore in einer Spielzeit und der Double-Gewinn mit Bayern sind gute Argumente. Oder Teamkollege Ousmane Dembélé: Ballon-d’Or-Titelverteidiger, Meister und Champions-League-Sieger mit Paris Saint-Germain. Oder Lamine Yamal: Mit 19 Jahren bereits Europameister und Weltmeister, zudem spanischer Meister mit Barcelona. Für mich aber steigt ein anderer als Favorit ins Rennen um den Ballon d'Or, ein Aussenseiter quasi. Sein Name: Khvicha Kvaratskhelia.
Natürlich ist es nicht so, dass «Kvaradona» heute noch eine Art unbekannter Aufsteiger auf der Weltfussballbühne wäre. Aber im Vergleich zu einem Kylian Mbappé, Yamal oder Kane ist der beidfüssige Zauberflügel ein kleinerer Name. Weil er als Linksaussen weniger häufig einnetzt als seine stürmenden Konkurrenten. Und vor allem, weil er aus einer vergleichsweise winzigen Fussballnation stammt. Mit der georgischen Nationalmannschaft kann sich Kvaratskhelia auf den Kopf stellen – mehr als eine Randnotiz werden der 25-Jährige und seine Teamkollegen an den grossen Turnieren zumindest vorderhand nicht sein.
Das ist ein massives Handicap, gerade im Rahmen einer Wahl, die rund drei Monate nach der jüngsten WM stattfindet – für die sich Khvicha Kvaratskhelia und Georgien nicht qualifizieren konnten. Und trotzdem sage ich: Wenn die aus Journalisten zusammengesetzte Ballon-d'Or-Jury tatsächlich den besten individuellen Fussballer der Saison 2025/26 wählt, wird die Wahl zum ersten Mal in der 70-jährigen Geschichte des prestigeträchtigen Awards auf einen Spieler aus einer kleinen Fussballnation, aus Georgien, fallen. Schliesslich wird der Ballon d'Or nicht automatisch an den Spieler verliehen, der am meisten Tore schiesst oder die meisten Titel gewinnt, sondern an jenen Ausnahme-Fussballer, der mit seinen Fähigkeiten den maximalen Impact auf die Leistungen und Erfolge seines Klubs hat.
Und genau in diesem Punkt war «Kvaradona» in der vergangenen Spielzeit der Grösste aller Grossen. Der zweite Champions-League-Triumph von PSG? Ohne Kvaratskhelias überragende Leistungen in den entscheidenden Spielen gegen Chelsea (3G, 1A), Liverpool (1G, 1A), Bayern München (2G, 1A) und Arsenal (1A) vermutlich nur ein Wunschtraum. Gewiss hatte er dabei Ausnahmekönner wie «Titelverteidiger» Ousmane Dembélé an seiner Seite, den er in den entscheidenden Momenten der vergangenen Kampagne jedoch überflügelte. Und vielleicht ist ohnehin alles ganz anders. Oder glauben Sie, dass es ein Zufall ist, dass PSG just seit Khvichas Ankunft an der Seine den finalen Schritt zum zweifachen Champions-League-Sieger und Champion vollzogen hat?
Für mich steht fest: Wo der Georgier hinkommt, wechselt der Erfolg mit ihm. Das war bereits in Neapel so (eineinhalb Meistertitel in zweieinhalb Jahren) und wiederholte sich in der vergangenen Saison nun erneut in Paris. Auch deshalb ist für mich der Fall klar: Khvicha Kvaratskhelia wäre der verdiente Gewinner des Ballon d'Or 2026.