L’Alpe d’Huez: 21 Kurven und unzählige Geschichten
Heute und morgen steht für die 162 noch im Rennen verbliebenen Radprofis an der Tour de France die Alpe d’Huez auf dem Programm. Es ist der mythische Berg, an dem schon schier unzählige Geschichten geschrieben wurden.
Nach vier Jahren kehrt die Tour de France auf die Alpe d’Huez zurück. Für die Fahrer heisst das: Heute müssen sie die 21 sagenumwobenen Kurven hochfahren. Die klassische Auffahrt beginnt in Bourg-d'Oisans, erstreckt sich über 13,8 Kilometer. Dabei gilt es, einen Höhenunterschied von rund 1133 Metern zu überwinden. Die durchschnittliche Steigung beträgt rund 8 Prozent, die maximale Steigung bis zu 14 Prozent. Und morgen wird die legendäre Alpe dann über den Col de Sarenne von der anderen Seite angefahren.
Für die Fahrer heisst dies: Zwei strapaziöse Tage, aber auch zwei Tage voller Emotionen. Denn wenn die Tour hier gastiert, herrscht ein Volksfest. Hunderttausende Zuschauer drängen sich am Strassenrand, viele campieren schon Tage vorher. Die Stimmung gilt als eine der lautesten und emotionalsten im gesamten Radsport. Es ist eine Art Freiluftstadion und hinsichtlich seines Stellenwerts vergleichbar mit Wimbledon im Tennis oder dem Stadion von Wembley im Fussball.
Wer zu schnell beginnt, bezahlt später
Die Alpe d'Huez wird oft auch «der niederländische Berg» genannt. In den 1970er- und 1980er-Jahren feierten viele Niederländer hier Etappensiege. Besonders Hennie Kuiper und Joop Zoetemelk lieferten sich legendäre Duelle. Und bis heute pilgern jedes Jahr Zehntausende Fans aus den Niederlanden an den Anstieg, der auch das Ziel unzähliger «Hobby-Gümmeler» ist, die diese 21 Spitzkehren bezwingen wollen. Gleich die ersten Kilometer sind mit Rampen von bis zu elf Prozent besonders anspruchsvoll – wer zu schnell beginnt, wird später dafür zur Kasse gebeten. Denn auch danach bietet die Steigung kaum eine Möglichkeit zur Erholung. Wer hier bestehen will, muss früh seinen Rhythmus finden und ihn bis zum Ziel durchhalten.
1952 wurde der legendäre Anstieg bei der Tour de France erstmals befahren. Der Sieger war der Italiener Fausto Coppi. Erst 24 Jahre später kehrte die Tour zurück – es war der Anfang der zeitweiligen niederländischen Dominanz. Joop Zoetemelk triumphierte, in den Jahren 1977 und 1978 gewann Hennie Kuiper, ehe Zoetemelk ein Jahr später nochmals an der Reihe war. 1981 und 1983 hiess der Sieger Peter Winnen, 1988 Steven Rooks, und 1989 liess sich dann Gert-Jan Theunisse als bis heute letzter niederländische Etappengewinner feiern.
Versuchter Betrug und vergessener Jubel
Bis heute gingen einige spezielle Momente in die Geschichte ein. So etwa 1978, als der Belgier Michel Pollentier gewann und das Maillot jaune eroberte. Als Etappensieger musste er zur Dopingkontrolle, wo er versuchte, den Kontrolleuren mithilfe eines versteckten Beutels Fremdurin unterzujubeln. Er wurde jedoch erwischt und von der Tour ausgeschlossen.
1984 gelang dem kolumbianischen Amateur Luis Herrera der grosse Coup, als er die Profis düpierte. 1990 und 1991 siegte der Italiener Gianni Bugno. Bei seinem zweiten Streich war er nach dem steilen Anstieg auf dem flacheren Abschnitt vor dem Ziel seinen Fluchtbegleitern im Sprint überlegen, vergass aber zu jubeln. Danach sagte er, er habe gedacht, es seien noch Fahrer vor ihm gewesen, und er hätte deshalb nicht als Idiot dastehen wollen.
1997 bewältigte der Italiener Marco Pantani die Strecke in 37:35 Minuten und stellte einen Streckenrekord auf. Damals war Doping im Radsport weit verbreitet und auch Pantani, der schon zwei Jahre zuvor auf der Alpe d’Huez triumphiert hatte, gehörte zu den Verdächtigen. 2004 starb der legendäre Italiener in einem Hotelzimmer in Rimini an einer Überdosis Kokain. Er litt an Depressionen.
1999 war der Italiener Giuseppe Guerini auf dem Weg zum Sieg, als ihn ein Hobbyfotograf zu Fall brachte. Guerini konnte rechtzeitig wieder auf das Rad steigen und gewann die Etappe dennoch.
Der Brite Chris Froome gewann 2013, 2015, 2016 und 2017 die Tour de France, konnte sich aber nie auf der Alpe d’Huez als Sieger feiern lassen. Dennoch sorgte er im Wintersportort in den französischen Alpen für Schlagzeilen. Bei seinem ersten Triumph erlitt er auf dem Weg zur Alpe d’Huez einen Hungerast. Sein Teamkollege Richie Porte holte deshalb Verpflegung beim Mannschaftswagen und reichte sie Froome innerhalb der letzten Kilometer weiter, obwohl dies nicht mehr erlaubt war. Beide erhielten dafür eine Zeitstrafe von 20 Sekunden. Porte half seinem Captain zudem als Tempomacher bis ins Ziel und begrenzte so den Zeitverlust. Zwei Jahre später schwächelte Froome erneut – und wieder sprang der Australier als Helfer ein und sorgte dafür, dass der Schaden in Grenzen blieb.
Unvergessen bleibt in der Kombination Froome/Tour de France aber vor allem der 14. Juli 2016. Leader Froome wurde im Aufstieg zum Mont Ventoux kurz vor dem Ziel in einem Gewirr von Motorrädern und Fans jäh gestoppt. Er stürzte, und an seinem Velo brach der Rahmen. Zu Fuss – ohne Velo – rannte Chris Froome in seinen nicht dafür gemachten Schuhen wie ein Jogger dem Ziel entgegen, ehe er ein viel zu kleines Ersatzvelo mit unpassenden Klickpedalen gereicht bekam. Die Jury bestimmte schliesslich: Froome bleibt Leader – und der Brite wurde später erneut Gesamtsieger.
Die Sternstunde von Beat Breu
Aus Schweizer Sicht speziell war das Jahr 1982, als Beat Breu für den bis heute einzigen Schweizer Sieg sorgte. Der Tour-Start fand damals in Basel statt. In der 16. Etappe schlug dann am 20. Juli die Stunde des Ostschweizers, der vier Tage zuvor schon ein Teilstück für sich entschieden hatte. «Es war ein lustiger Tag. Unten im Tal streikten die Bauern, sie sperrten die Strassen mit Traktoren ab – keine Ahnung warum. Wir sassen eineinhalb Stunden auf dem Asphalt und warteten auf den Start», sagte der «Bergfloh» später. Bis zum Fuss der finalen Steigung in Le Bourg d'Oisans auf 718 Metern war das Feld noch geschlossen. Schon in der ersten der 21 Kurven griff der St. Galler an und kraxelte in der Folge allein den Berg hoch. Sein härtester Rivale, der Franzose Robert Alban, schloss zweimal auf und blieb Breu im Nacken. Doch der Schweizer liess sich nicht stoppen und siegte mit 16 Sekunden Vorsprung. «Die Stimmung war verrückt, man schrie mir pausenlos in die Ohren. Und ich sah teilweise gar nicht, wohin ich fuhr. Zum Glück hatte ich einen Töff vor mir, der mir den Weg durch die Menschenmasse bahnte», sagte Breu später gegenüber dem «Blick» über die letzten Kilometer und Meter auf dem Weg zu seinem wichtigsten Sieg. Und: «Die Steigung ist nicht die schwerste, aber halt eine der wichtigsten im Radsport. Ich bin stolz auf den Sieg.»
Man darf gespannt sein, wer sich in den kommenden zwei Tagen auf der Alpe d’Huez in der Siegerliste verewigt. Wer auf Superstar Tadej Pogacar setzt, liegt sicher nicht schlecht. Denn dieser Sieg fehlt im Palmarès des Slowenen noch.