Sinner sucht keine Rekorde - aber er sammelt sie
Als zehnter Spieler in den letzten sechs Jahrzehnten verteidigt Jannik Sinner seinen Wimbledontitel erfolgreich. Es ist nach dem Hitzekollaps in Paris ein wichtiges Zeichen.
Nach seinem hart erkämpften Finalsieg gegen Alexander Zverev wird ein ungewöhnlich emotionaler Jannik Sinner am späten Sonntagabend grundsätzlich. "Es ist kein Versagen, wenn du ein Grand-Slam-Turnier nicht gewinnst", betont der 24-jährige Italiener. "Es wäre heute auch ein sehr, sehr guter Tag gewesen, wenn ich verloren hätte." Es ist aber ein Zeichen für den Status, den Sinner mittlerweile hat, dass sein Erfolg nur noch an allerhöchsten Massstäben gemessen wird.
Fünf der grössten Turniere auf der ATP Tour hat er in diesem Jahr gewonnen. Aber bei den Grand Slams klappte es nicht. Am Australian Open unterlag er im Halbfinal einem Novak Djokovic, der "unglaubliches Tennis" spielte, wie Sinners Coach Darren Cahill herausstreicht. Mehr zu denken gab sicher der Hitzekollaps in der 2. Runde des French Open - notabene ein Game vor dem vermeintlich klaren Sieg. Danach arbeiteten Sinner, Cahill und der zweite Coach Simone Vagnozzi intensiv daran, den Bergbuben aus dem Südtirol mit dem Rotschopf und der hellen Haut hitzeresistenter zu machen. "Das ist eine Arbeit, die seine Zeit braucht", betont Sinner. In Wimbledon, wo es zwei Wochen lang ungewöhnlich heiss war, zeigten sich aber erste Früchte der langen Trainingseinheiten in Monaco.
Innert drei Jahren hat Sinner alle Masters-1000-Turniere gewonnen. Etwas, das zuvor einzig Djokovic gelungen war. Der Serbe brauchte dafür aber zwölf Jahre und musste 31-jährig werden. Auf Grand-Slam-Stufe zählt der Italiener nun fünf Titel, zwei weniger als sein noch knapp zwei Jahre jüngerer Rivale Carlos Alcaraz, der Paris und Wimbledon verletzungsbedingt verpasste. Adriano Panatta, vor Sinner der letzte italienische Grand-Slam-Champion (French Open 1976), traut seinem Landsmann alles zu, auch die 24 Major-Siege von Djokovic. Mit einer Ausnahme: "Der einzige Rekord, der sehr schwierig, oder sogar unmöglich zu schlagen ist, sind die vierzehn French-Open-Titel von Nadal", so Panatta.
Die Rekorde bedeuten Sinner aber nach eigener Aussage nichts. "Ich spiele nicht wegen der Rekorde Tennis", betont er immer wieder. "Ich spiele, um immer besser zu werden, um Spass zu haben, um meine eigene Geschichte zu schreiben. Für die Fans, für mein Team und meine Familie." In Wimbledon reihte er sich in eine illustre Reihe von Namen ein, die seit Zulassung der Profis vor 58 Jahren zweimal hintereinander triumphierten. Vor ihm gelang dies nur Rod Laver, John Newcombe, Björn Borg, John McEnroe, Boris Becker, Pete Sampras, Roger Federer, Djokovic und Alcaraz.
Es ist dieser innere Antrieb, den auch Darren Cahill herausstreicht. "Er hat ein einmaliges Talent, das ihm kein Coach beibringen kann. Eine innere Stärke, die ihn antreibt, aus jeder Situation etwas lernen zu wollen, egal, ob er gewinnt oder verliert." Cahill muss es wissen. Der Australier, der den ersten von zwei ATP-Titeln als Spieler vor 38 Jahren in Gstaad mit einem Finalsieg gegen den Zürcher Jakob Hlasek gewann, machte sich vor als Coach von Grand-Slam-Champions wie Lleyton Hewitt, Andre Agassi, Ana Ivanovic oder Simona Halep einen Namen.
Sinner und Alcaraz haben zusammen zehn der letzten elf Grand-Slam-Turniere gewonnen. Kaum ein Spieler hätte dem Angriff des im Wimbledonfinal so gut wie kaum je zuvor spielenden Alexander Zverev standgehalten. Sinner aber zeigte, warum er zurecht die Nummer 1 der Welt ist. Weitere Rekorde werden wohl folgen, egal, ob er sie sucht oder nicht.