Spaniens Pass-Maschinerie ist immun gegen argentinische Destruktion
Sechzehn Jahre nach Andrés Iniesta schiesst Ferran Torres die Spanier zum zweiten Weltmeistertitel. Hochverdient. Und die Dominanz des iberischen Kollektivs könnte noch Jahre andauern.
Sechzehn Jahre nach der magischen Nacht von Johannesburg hat der spanische Fussball einen neuen Helden. Damals, im Juli 2010, schoss Andrés Iniesta die "Furia Roja" in der 116. Minute gegen die Niederlande zum ersten Weltmeistertitel. Die Geschichte liebt Wiederholungen, und so fand sie am Sonntagabend in New Jersey ihr perfektes Echo. Ferran Torres trat aus dem grossen Schatten der Vergangenheit und sicherte Spanien in der 106. Minute mit seinem 1:0-Siegtreffer gegen Argentinien den zweiten Stern. Sein Tor ist die ultimative Vollendung einer spanischen Renaissance.
Von den argentinischen Medien vorab noch als "pechofrío" verspottet - als ein Spieler, dem es in entscheidenden Momenten an Leidenschaft mangelt und der unter Druck versagt –, schlüpfte Torres in die Rolle Iniestas und strafte seine Kritiker Lügen. Bei der Pokalübergabe rang der Matchwinner nach Worten: "Ich habe nicht nachgedacht, der Ball kam einfach zu mir und ich glaube, ich habe es verdient." Torres zeigte sich demütig: "Es war ein Tor von 47 Millionen Menschen, nicht nur meines. Wir sind ein Team von 26 Spielern und jeder hatte in diesem Turnier seinen Moment. Es war eine auf persönlicher Ebene harte WM."
Für Torres war diese Nacht auch ein Ausrufezeichen in eigener Sache: Während bei seinem Klub in Barcelona immer wieder über komplizierte Vertragsklauseln diskutiert wird, lieferte er die perfekte Antwort.
Dass dieser spanische Triumph hochverdient ist, beweist ein Blick auf die Zahlen. Selten in der Geschichte der Weltmeisterschaften wurde ein Final derart einseitig geführt. Die Abschlussstatistik gleicht einer reinen Demontage: Spanien verzeichnete 20 Torschüsse, während der entthronte Titelverteidiger aus Südamerika lediglich zwei harmlose Versuche zustande brachte. Noch eklatanter offenbart sich die spanische Übermacht bei den Schüssen direkt auf das Tor. Die Iberer prüften den argentinischen Goalie Emiliano Martinez zwölfmal, Argentinien verbuchte in den regulären 90 Minuten nicht einen einzigen Abschluss auf das Gehäuse von Unai Simon und wies einen desaströsen Expected-Goals-Wert von 0.09 auf.
Ein Finalist, der den gegnerischen Goalie nicht ein einziges Mal zu einer Parade zwingt, verliert unweigerlich das Recht auf die Krone. Spaniens Dominanz manifestierte sich im gewohnten, effizienten Pass-Karussell. Fast doppelt so viele Zuspiele verzeichneten die Spanier und liessen so Ball und Gegner laufen.
Das Herzstück der spanischen Dominanz bildete ein ballsicheres Mittelfeld. Rodri und Fabian Ruiz dirigierten das Spielgeschehen mit einer chirurgischen Präzision, die unweigerlich Erinnerungen an die glorreichen Zeiten von Xavi Hernandez und Iniesta weckte. Es überrascht folglich nicht, dass Spanien bei der Vergabe der prestigeträchtigen Turnier-Awards abräumte: Taktgeber Rodri wurde als bester Spieler des Turniers geehrt, Unai Simon sicherte sich die Auszeichnung als bester Torhüter, und der erst 19-jährige Pau Cubarsi, der die gegnerische Offensive abgeklärt in Schach hielt, wurde zum besten Jungspieler gekürt.
Einzig die Krone des Torschützenkönigs ging nicht an die Iberer, sondern zum zweiten Mal in Folge an den Franzosen Kylian Mbappé (zehn Tore). Dass die spanische Vorherrschaft kein Zufall ist, untermauert ein bemerkenswertes Detail: 16 Spieler dieses Weltmeister-Kaders triumphierten bereits vor zwei Jahren an der Europameisterschaft. Spanien brilliert nicht nur durch Einzelkönner, sondern dominiert die internationale Fussballbühne als unerschütterliches, gewachsenes Kollektiv.
Argentinien enttäuschte derweil auf der ganzen Linie und verriet seine eigenen fussballerischen Werte. Anstatt den spielerischen Diskurs zu suchen, flüchteten sich die Südamerikaner wie schon während des gesamten Turniers in Härte und taktische Destruktion. Diese Ausrichtung glich einem gefährlichen Drahtseilakt, der schliesslich in der Gelb-Roten Karte gegen Enzo Fernandez gipfelte. Der vertretbare Platzverweis besiegelte das Schicksal der in Unterzahl agierenden "Albiceleste". Das ständige Reagieren statt Agieren raubte den Spielern jegliche Reserven.
Und Lionel Messi? Sein 34. Einsatz auf der WM-Bühne war definitiv sein letzter - und der 39-Jährige verkam zur tragischen Figur. Isoliert vom Rest der Mannschaft, beraubt jeglicher Anspielstationen und erdrückt von der spanischen Pressing-Maschinerie, konnte auch er diesmal die Niederlage nicht abwenden. Messi rannte unermüdlich an, doch das Fundament unter ihm war längst eingestürzt.
Doch ungeachtet dessen, dass Messi ein weiteres Erfolgskapitel in seiner Weltkarriere verwehrt blieb, waren sich die Experten einig: Am Ende siegte der aktive Fussball, und Spanien eroberte den Thron zu Recht zurück.