Wawrinkas Erben: Welchem Schweizer gilt als Nächstem der Durchbruch?
Seit vergangener Woche ist sie Geschichte: Die grossartige Karriere von Stan Wawrinka. Mit dem Rücktritt des dreifachen Grand-Slam-Champions aus Lausanne ist gleichzeitig auch der Moment gekommen, in dem die zweite Garde der Schweizer Tennis-Männer ins Rampenlicht treten soll. Bislang ist das allerdings nur punktuell gelungen. Grund genug, einen Blick auf die Entwicklung und Perspektive der grössten Schweizer Tennishoffnungen zu werfen.
Jérôme Kym (ATP 164)
Gemäss Weltrangliste ist der 23-jährige Aargauer der aktuell aussichtsreichste Kandidat für den Sprung in die Top 100. Kym ist auch der Spieler, der mit Siegen gegen Arthur Rinderknech (ATP 68) und US-Open-Finalist Ben Shelton (ATP 4) jüngst in Basel für Furore sorgte, ehe er im Viertelfinale an Jiri Lehecka (ATP 15) scheiterte. Allerdings: Der Exploit an den Swiss Indoors war nicht der erste in der Karriere des fast zwei Meter grossen Rechtshänders, der im September kurzzeitig aus den Top 300 zu fallen drohte. Bestätigen konnte er bislang aber weder den Drittrundenvorstoss an den letztjährigen US Open noch den Viertelfinaleinzug in Gstaad ein paar Wochen zuvor. Bleibt zu hoffen, dass der aufschlagsstarken, ehemaligen Weltnummer 5 bei den Junioren dieses Mal der Durchmarsch in die Top 100 gelingt. Dafür verfügte Kym bislang zwar über die spielerischen Waffen, nicht aber über die notwendige Konstanz.
Mika Brunold (ATP 184)
Der 22-Jährige ist einer der beiden Schweizer Tennis-Aufsteiger des Jahres. Noch Ende August ausserhalb der Top 400 klassiert, hat sich der Baselbieter mit zwei ATP-Challenger-Titeln innert kürzester Zeit in die Top 200 gespielt. Ein Zwischenerfolg, den dem für sein variables Spiel bekannten Brunold wohl noch vor wenigen Wochen nicht viele zugetraut hätten. Beim ATP-Debüt in Basel bekam der Sandplatz-Spezialist gegen Nuno Borges (ATP 49) allerdings seine Grenzen aufgezeigt. Will er weiter nach vorne kommen, gilt es vor allem sein Offensivspiel und seinen Aufschlag zu verbessern, um auch gegen stärkere Spieler bestehen zu können.
Dylan Dietrich (ATP 189)
Die wohl überraschendste Schweizer Erfolgsgeschichte des Jahres schrieb der Zürcher Dylan Dietrich. Noch Ende Februar ausserhalb der Top 1000 rangiert, geht es für den College-Studenten der University of Virginia seitdem nur in eine Richtung: steil nach oben. Zuletzt sicherte sich der Teilzeit-Profi die ATP-Challenger-Turniere in Columbus und Sioux Falls, zuvor erreichte er in San Diego das Halbfinale. Generell weiss der 1,93 Meter grosse Rechtshänder mit seinem Aufschlag und druckvollem Grundlinienspiel zu überzeugen, was ihm im US-Collegetennis zuletzt die Auszeichnung zum Spieler des Jahres bescherte. Und der 22-Jährige scheint zu schätzen, was er in Charlottesville hat. Trotz seines raketenhaften Aufstiegs im Profizirkus wird Dietrich im Frühjahr auch noch eine vierte Saison mit den Cavaliers spielen. Der Vormarsch in die Top 100 wird also mindestens noch ein paar Monate warten müssen.
Rémy Bertola (ATP 222)
Der Tessiner ist der Spätzünder unter den Schweizer Tennisprofis und mitverantwortlich dafür, dass ein liebgewonnenes Merkmal des Schweizer Männertennis noch nicht ganz verschwindet: Die einhändige Rückhand, einst von Roger Federer und Stan Wawrinka perfektioniert, gehört auch für Bertola zum Standardrepertoire. Klar ist allerdings auch, dass sie den Rechtshänder im fortgeschrittenen Tennisalter von 28 Jahren kaum mehr in die Top 100 katapultieren wird. Immerhin erreichte er im August mit Rang 174 das bislang beste Ranking seiner Karriere. Um noch weiter nach oben zu klettern, mangelte es dem Luganesi bislang auch an der notwendigen Durchschlagskraft.
Leandro Riedi (ATP 243)
Zuletzt war es das Handgelenk. Ganz zu Beginn das Knie und dann wieder die Leiste. Nicht weniger als viermal musste sich Leandro Riedi in den letzten beiden Jahren einer Operation unterziehen und verpasste so jegliche Chance, seine guten Leistungen mit dem möglichen Vorstoss unter die Top 100 zu krönen. Jenen kam er diesen Sommer als Weltnummer 116 am Nächsten (auch aufgrund eines Achtelfinalvorstosses an den US Open 2025), ehe ihn die jüngste Verletzung bremste. Ob der Zürcher mit bald 25 Jahren noch einmal die Kraft aufbringen wird, um anzugreifen? Rein spielerisch hätte Riedi das Potenzial, um sich zum besten Schweizer Spieler der Generation um Kym und Stricker zu machen. Bleibt zu hoffen, dass beim nächsten Comebackversuch ab Januar auch die Gesundheit längerfristig mitspielt.
Dominic Stricker (ATP 253)
Er hätte sie eigentlich fortführen sollen, die lange Schweizer Tradition von Top-50-Spielern, welche zu Beginn der 80er Jahre mit Heinz Günthardt (ehemals ATP 22) ihren Anfang nahm. Schliesslich war es Stricker vorbehalten, mit dem Sieg beim Juniorenturnier der French Open 2020 nahezu optimal in seine Profikarriere zu starten. Doch wie schon viele andere vor ihm, musste auch der Berner die Erfahrung machen, dass Juniorentennis und Herrentennis zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Zwar gipfelte Strickers Anfangsphase auf der ATP Tour im Erreichen des US-Open-Achtelfinals 2023 und Rang 88 in der Weltrangliste, seitdem jedoch hangelt sich der talentierte Linkshänder gefühlt von einer Krise zur nächsten. Mittlerweile tummelt sich der 24-Jährige seit rund zwei Jahren irgendwo zwischen Rang 200 und 350, ohne dabei wirklich grosse Stricke zu zerreissen. Immerhin hatte er zuletzt die körperlichen Probleme, welche ihm insbesondere im Jahr 2024 grosse Schwierigkeiten bereiteten, besser unter Kontrolle, doch die vielen Rückschläge und Niederlagen haben ihre Spuren hinterlassen. Und so hat man irgendwie das Gefühl, dass Dominic Stricker die beste Phase seiner Karriere bereits erlebt hat.
Kilian Feldbausch (ATP 262)
Den vielleicht besten Schweizer Tennis-Sommer erlebte in diesem Jahr der Genfer Kilian Feldbausch. Der 21-jährige Sandplatzspezialist krallte sich zwischen April und Juli den Titel beim ATP-Challenger in Kosice, erreichte in Troyes das Endspiel und in Royan und Savannah jeweils das Halbfinale. Als Belohnung verbesserte sich der ehemalige Weltklasse-Junior in der Weltrangliste um fast 140 Plätze, konnte diese Pace in der zweiten Jahreshälfte jedoch nicht aufrechterhalten. Dennoch könnte der von seiner Mutter Cathy Feldbausch-Caverzasio (ehemals WTA 34) gecoachte Romand der Schweizer sein, der auch 2027 in erster Linie positiv von sich reden macht. Körperlich und spielerisch bringt der 1,91 Meter grosse Feldbausch vieles mit, um in der Weltrangliste weiter nach oben klettern zu können.
Henry Bernet (ATP 361)
Wie Roger Federer stammt Henry Bernet aus Basel. Wie Federer spielt Bernet die Rückhand einhändig und wie der «Maestro» überzeugt der bald 20-Jährige mit einem stilistisch überzeugenden Spiel. Doch hier enden die Parallelen zwischen dem grössten Schweizer Sportler aller Zeiten und der grössten Nachwuchshoffnung von Swiss Tennis. Denn während Federer mit 19 Jahren Sampras in Wimbledon bezwang und ein Jahr später sein erstes ATP-1000-Turnier gewann, ist Bernets Weg an die Tennis-Weltspitze ein deutlich langsamerer und beschwerlicher. Aber: Auch der 1,91 Meter grosse Youngster kommt voran. In diesem Jahr verbesserte er sich dank Turniersiegen und guten Resultaten auf der ITF-Future- und der ATP-Challenger-Tour um beinahe 150 Plätze. Zuletzt qualifizierte er sich in Basel an der Seite von Dominic Stricker, den er wenige Wochen davor auf der Challenger Tour bezwungen hatte, für das Endspiel im Doppel. Gut möglich, dass in einem Jahr deutlicher zum Vorschein kommen wird, wem die Zukunft im Schweizer Herrentennis gehört.