Ziel erreicht: Sechs Erkenntnisse nach dem 2:1 gegen Kanada
Ende gut, (fast) alles gut: Mit 2:1 besiegte die Schweizer Nationalmannschaft gestern in Vancouver Kanada und sicherte sich damit Rang 1 in der WM-Vorrundengruppe B. Erwartungsgemäss, ist man geneigt zu sagen, auch wenn die Nati ihren Parcours der vergangenen zwölf Tage nur teilweise souverän absolvierte. Auch die gestrige Partie im BC Place fiel da nicht aus der Reihe – unsere Erkenntnisse.
Gone in 60 Seconds
Viel wurde im Vorfeld der Partie über den gewöhnlich sehr aktiven kanadischen Spielstil geschrieben. Würde Coach Jesse Marsh auch gegen die Schweiz auf das bewährte hohe Pressing setzen und so versuchen, die Schweiz bereits früh im Spielaufbau zu Fehlern zu zwingen? Ja, lautete die Antwort, zumindest in den ersten 60 Spielsekunden. Danach allerdings, zollten die Kanadier der Schweiz gehörig Respekt, zogen sich stärker zurück und gaben der Nati so die Möglichkeit, das Spiel über weite Strecken der Partie zu kontrollieren. Das änderte sich erst nach gut einer Stunde, als die Schweiz ihre Offensivbemühungen nach dem 2:0 durch Johan Manzambi quasi freiwillig einstellte und dafür in der Schlussphase fast noch bestraft wurde. An Kanadas unnachgiebigem Pressing lag das aber nicht wirklich.
Zwei Welten
0:0 stand es gestern Abend nach 45 lauwarmen Fussball-Minuten und genauso fiel auch das Pausenfazit des SRF-Duos Beni Huggel und Paddy Kälin aus. Ganz anders tönte es da beim britischen Sender ITV, der das Spiel parallel für sein Publikum übertrug. Von einer enttäuschenden Partie wurde da gesprochen, von fehlender Qualität und die Experten Patrick Vieira, Ian Wright und Duncan Ferguson (schottischer Trainer) zögerten auch keinen Moment, um zu benennen, was oder wer genau ihren Ansprüchen dabei nicht genügte. Breel Embolo, zum Beispiel, für seine vergebene Torchance. Ruben Vargas, für den leichtsinnig verpassten Zeitpunkt des Abspiels auf einen völlig freistehenden Embolo. Und ganz allgemein der fehlende letzte Biss im Spiel der Schweiz sowie die mangelnde Risikobereitschaft auf Seiten Kanadas. Immerhin erhalten beide Teams in den Sechzehntelfinals noch einmal eine Gelegenheit, die zu Recht kritischen britischen Experten eines Besseren zu belehren.
It’s a trend
Mittlerweile schleckt es keine Geiss mehr weg. Die Schweiz hat grosse Mühe, eine Partie auf konstant solidem bis gutem Niveau durchzuspielen. So zumindest der Eindruck, der sich nach den jüngsten Auftritten – allesamt gegen Gegner von minderer Qualität – verfestigt hat. Gut starten? Kann die Nati, ein Spiel kontrollieren ebenso. Aber halt immer nur während rund 20- bis 25-minütigen Spielintervallen. Dann kommt irgendwann das nächste Hydration-Break, ein Spielerwechsel oder ein sonstiger Unterbruch – und die Nati fliegt zumindest temporär aus der Spur. In Halbzeit zwei gestern sogar aus völlig freien Stücken, entschied sich die Schweiz nach dem 2:0 doch ganz alleine dazu, den Spielbetrieb einzustellen. „Prevent Defense“ der übelsten Sorte, wie man sie aus dem American Football kennt. Dabei weiss zumindest in Nordamerika jedes Kind, dass die „Prevent Defense“ als Einziges den eigenen Sieg verhindert. Ob die Schweiz in den acht Tagen bis zum Sechzehntelfinal auch zu dieser Erkenntnis kommt?
Keine Bank
Eine eindeutig zweideutige Erkenntnis. Denn das die fünf gestern Abend ab der 74. Minute getätigten Wechsel keinen positiven Einfluss auf das Schweizer Spiel hatten, ist Fakt. Nicht Widmer für Jaquez oder Aebischer für Sow (beide in der 74.). Nicht Ndoye für Vargas (80.). Und auch nicht Fassnacht für Manzambi (84.) und Itten für Embolo (85.). Noch beunruhigender ist allerdings die Tatsache, dass es der Schweiz als Ganzes in der Schlussphase nicht einmal im Ansatz gelang, sich dem kanadischen Druck zu entziehen oder den Ball in den eigenen Reihen zu halten. Selbst ein Xhaka liess sich zur Unzeit den Ball abluchsen und trug so ebenso zur sich minütlich steigernden Unsicherheit im Schweizer Abwehrverbund bei. Am Ende hatte die Nati komplett die Kontrolle über die Partie verloren und erweckte nach dem 1:2-Anschlusstreffer in keiner Phase mehr den Eindruck, diese Partie noch souverän nach Hause spielen zu können. Von einem erfolgreichen Konter oder Torschuss ganz zu schweigen. Den letzten derartigen Eintrag in der Spielstatistik hatte die Schweiz beim 2:0 nach 57 Minuten vermerkt.
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Diese WM ist bislang auch eine Weltmeisterschaft der grossen Stürmerstars. Messi (5 Tore), Haaland (4 Tore), Mbappé (4 Tore), Vinicius Jr. (4 Tore), Kane (2 Tore) und sogar Ronaldo (2 Tore) haben in den ersten beiden WM-Wochen ihre Fussabdrücke hinterlassen und wichtige Tore erzielt. Für die Schweiz hat diese Rolle Johan Manzambi (3 Tore) übernommen, während sich Sturm-Leader Breel Embolo bislang schwer tut. Gewiss, der 29-jährige war noch nie ein typsicher Goalgetter und doch stehen Szenen wie die gestern verpasste Grosschance exemplarisch dafür, weshalb dem einst hochgehandelten Basler der ganz grosse Durchbruch verwehrt blieb. Immerhin konnte Embolo in der zweiten Halbzeit dann auch noch zeigen, was ihn für die Schweiz trotzdem wertvoll macht. Mit seiner körperlichen Präsenz, der Fähigkeit den Ball zu halten und schlussendlich auch den besser positionierten Mitspieler zu finden, leistete er wie schon gegen BIH seinen Beitrag zum Schweizer Sieg. Schön wäre es jedoch, Embolo würde in der K.o.-Phase auch einmal eine jener Chance nutzen, mit denen er das Spiel für die Schweiz in gewünschte Bahnen lenken könnte. So ähnlich wie das ein gewisser Deniz Undav dieser Tage so herausragend für Deutschland macht.
Keiner von 20
20 von 23 Schweizer Feldspielern kamen im Verlauf der drei Gruppenspiele bereits für die Nati zum Einsatz. Als einziger Offensivspieler in dieser Statistik noch nicht erfasst: Noah Okafor, 25, Linksaussen bei Leeds United und in der abgelaufenen Spielzeit achtfacher Torschütze für den letztjährigen Premier-League-Aufsteiger. Warum das so ist? Wissen wohl nur Murat Yakin und sein Staff, denn zumindest sportlich ist Okafors Nichtberücksichtigung nicht zu erklären. Wenn Christian Fassnacht Spielminuten bekommt und Zeki Amdouni positionsfremd und ohne Spielpraxis eingesetzt werden kann, muss ähnliches auch für den gebürtigen Baselbieter möglich sein. Es sei denn, Okafors Form im Training ist so überragend, dass man der Fussballwelt noch nicht zeigen möchte, welch überragenden Trumpf die Schweiz noch in der Hinterhand hält…