Der schmale Grat der Emotionen
Heute Abend kommt es zum zweiten Finalduell zwischen Gottéron und dem Qualifikationssieger HC Davos. Doppeln die Freiburger nach ihrem Auftaktsieg? Oder holen sich die Bündner den Heimvorteil zurück? Klar scheint, dass die Emotionen erneut eine grosse Rolle spielen werden.
Die finale Phase am Samstag in Davos hatte es in sich. Der vermeintliche 3:3-Ausgleichstreffer von Brendan Lemieux 91 Sekunden vor Ende der Partie, der nach einer Coaches Challenge aufgrund von Torhüterbehinderung zurückgenommen wurde. In der Folge ein tobendes Publikum, das die Grenze überschritt und auf die Spielerbank der Freiburger herunterspuckte. «Es war peinlich», sagte Freiburgs Assistenztrainer Lars Leuenberger nach dem Match. «Einer hatte ein kleines Kind im Arm. Ich habe ihm gesagt, dass ich mich an seiner Stelle schämen würde. Ich meine: Da bist du jetzt wirklich nicht gerade der Vater des Jahres.»
Und dann, quasi mit der Schlusssirene, packte HCD-Aggressivleader Brendan Lemieux einen ebenso harten wie unnötigen Check gegen Gottéron-Stürmer Christoph Bertschy aus und wurde von den Referees mit einer Spieldauer-Disziplinarstrafe belegt. Zudem löste das heisse Finale eine weitere Prügelei zwischen Filip Zadina und Simon Seiler aus. Am Schlussresultat änderte dies nichts, ebenso hat es keine Folgen fürs Spiel 2 vom Montag, für das Lemieux nicht gesperrt wird. «Der Check erfolgt unmittelbar vor Spielende und mit grosser Wucht. Er ist somit unnötig und Bertschy wird bereits von einem Gegenspieler bedrängt», steht in der Begründung. Die effektive Ausführung des Checks sei jedoch «technisch korrekt».
So weit, so gut. Gottéron führt damit in der Serie mit 1:0 und ist nur noch drei Siege vom ersten Meistertitel in der Klubgeschichte entfernt, den sich der Klub und die ganze Region so sehnlich wünschen. Die Chancen dafür sind definitiv nicht schlecht, wenn die Freiburger so auftreten wie in den ersten zwei Dritteln in Davos, als sie beeindruckend auftraten und 3:0 in Führung gingen. «Die ersten 40 Minuten waren wie aus dem Lehrbuch. Wir waren geduldig und haben gut verteidigt. Und wir haben die Mittelzone gut zugemacht, das ist gegen Davos wichtig», analysierte Coach Roger Rönnberg danach.
Die Freiburger brauchen nun weitere so beeindruckende Auftritte, während sich die Davoser gleichzeitig steigern und ihre Emotionen im Griff haben müssen. Dabei geht es vor allem auch um Vorkämpfer Brendan Lemieux, diesen Aggressivleader, der in dieser Saison bislang so positiv überrascht hat.
Als der US-Kanadier in der letzten Saison aus Nordamerika zum HCD kam, wurde er bestenfalls belächelt. In seiner Statistik standen 436 Einsätze in der AHL und der NHL mit insgesamt 884 Strafminuten, aber nur 141 Skorerpunkten. Er sollte den Bündnern zusätzliche Härte und Robustheit geben, was er auch tat, gleichzeitig stand er aber im Schatten der ausländischen Punktesammler Matej Stransky und Filip Zadina. Am Ende der Saison waren in seinen Statistiken eingetragen: 18 Spiele, null Tore, ein Assist – und 36 Strafminuten.
Das Spiel angepasst
HCD-Coach Josh Holden sagt, Lemieux habe lernen müssen, keine Kopie von Stransky oder Zadina zu sein – und siehe da: Er hat sein Spiel angepasst, plötzlich überzeugt der 30-Jährige. Er erobert an der Bande Pucks, spielt schnörkellos, ist hartnäckig, sorgt für Verkehr vor dem gegnerischen Tor, geht den Gegnern mit Physis und Provokationen unter die Haut – und punktet. In dieser Saison hat er in der Regular Season 21 Skorerpunkte gesammelt und in den Playoffs in sieben Spielen drei Tore und vier Assists erzielt (und 29 Strafminuten kassiert). Der wichtigste Treffer dabei war wohl jener im fünften Halbfinalduell gegen die ZSC Lions, als er in der Overtime für den Sieg sorgte und die Bündner in den Final schoss.
Mit seinen 1,85 m Körpergrösse und 98 Kilogramm Gewicht ist der kanadisch-amerikanische Doppelbürger wuchtig und kann die gegnerische Defensive in den Grundfesten erschüttern. Gleichzeitig droht jederzeit die Gefahr, dass er die Grenze überschreitet und sein Team durch Strafen schwächt. Man darf gespannt sein, welches Gesicht er im zweiten Spiel zeigt und ob er in der selbstverständlich ausverkauften Freiburger BCF Arena mit knapp 10'000 heissblütigen Gottéron-Fans cool bleibt.