Hat Lichtsteiner in Basel wirklich eine Zukunft? Nicht, wenn der FCB ehrlich ist
38 Spiele. 14 Niederlagen. Ein negatives Torverhältnis (55:58) und dabei ganz besonders entscheidend: Rang 5 in der Super-League-Saison 25/26 und somit kein Europa für den FC Basel. Kein Wunder sprach FCB-Präsident David Degen vergangene Woche davon, in der Sommerpause «jeden Stein umzudrehen», während er Trainer Stephan Lichtsteiner gleichzeitig eine Jobgarantie ausstellte. Dabei sollte die Basler Ursachenforschung zwingend beim ehemaligen Captain der Schweizer Nationalmannschaft anfangen.
Die Tabelle lügt nicht
Die nackten Zahlen seit Lichtsteiners Stellenantritt Ende Januar sind schlichtweg verheerend. 19 Mal trat der FC Basel wettbewerbsübergreifend unter der Leitung des gebürtigen Luzerners an, elf Mal verliess er den Rasen im Anschluss als Verlierer, neun Mal davon in der Super League. Eine Bilanz (1,05 Pkt. pro Spiel), so niederschmetternd wie ein rechter Haken von Mike Tyson. Klar, fällt da auch der Vergleich mit Vorgänger Ludovic Magnin (1,71 Pkt. pro Spiel in der SL) alles andere als vorteilhaft aus. Noch schlimmer ist allerdings die FCB-Bilanz gegen die Top 6 dieser Liga, gegen die Basel seit Ende Januar elf Mal die Gelegenheit erhielt, um ein Zeichen zu setzen. Das Resultat: Mit Lichtsteiner gelang genau ein Sieg (das 3:1 gegen Thun am 35. Spieltag), derweil der FCB in diesen Direktduellen acht Mal den Kürzeren zog. Vollends unter die Räder kamen die Bebbi schliesslich in den letzten drei Meisterschaftsrunden, welche mit 0:9 Punkten und 1:10 Toren in einem kleinen Debakel endeten. Klar, durften die Basler zu jenem Zeitpunkt bereits nicht mehr auf einen erfolgreichen Saisonabschluss hoffen. Dass es ihnen aber nicht einmal gelang, diesen auch nur im Ansatz versöhnlich zu gestalten, wirft kein gutes Licht auf die Arbeit des neuen Trainers und auch auf diejenigen, die ihn im Januar überraschend eingestellt hatten. Aber vielleicht ist genau das auch der Grund, weshalb Lichtsteiner trotz einer historisch schlechten Bilanz noch im Sattel sitzt.
Der Spieler im Kopf des Trainers
Denn dass die sportliche Bilanz des langjährigen Juve-Verteidigers ungenügend ist, lässt sich nicht wegdiskutieren. Verschärft wird die Situation jedoch durch sein wenig gewinnendes Auftreten. Keiner erwartete beim Amtsantritt Lichtsteiners «Everybodys Darling». Wie sehr sich seine zuweilen überbordende Emotionalität, seine Sturheit und seine Nüchternheit jedoch zu einem negativen Gesamtbild vermischten, überraschte dann doch. Sympathiepunkte holte sich der 42-Jährige seit Januar jedenfalls selten, weder in der Öffentlichkeit, noch bei seinen Spielern, die er mit seiner z.T. sehr direkten Art mehr als einmal vor den Kopf stiess. Öffentliche Kritik an Akteuren oder Teilen der Mannschaft, überzogenes Verhalten an der Seitenlinie, regelmässige Reklamationen beim Schiedsrichter sowie unglaubwürdige Analysen nach missratenen Spielen zeichnen mittlerweile ein Bild eines Trainers, der sich von der Situation beim grössten Schweizer Klub überfordert zeigt, dessen Kopf noch zu sehr von der Mentalität als Spieler geprägt wird. Denn was Lichtsteiner einst auf dem Platz auszeichnete – Kompromisslosigkeit, Biss, Emotionalität und die Lust am Zweikampf – lässt sich nur schwer auf die Trainerbank übertragen. Wo heute Souveränität, Ruhe, Empathie und messerscharfe Analysen gefragt sind, will der Schweizermeister von 2003 (mit GC) zuweilen noch immer mit dem Kopf durch die Wand. Und wo ein Plan gefragt wäre, ist dieser bislang nicht zu erkennen.
Die Luft nach oben wird dünn
Auch deshalb hat sich der Trainerneuling nach nicht einmal fünf Monaten im Amt in eine Art Sackgasse manövriert. Fehlende Routine hin, mangelnde Erfahrung her – ab sofort ist Lichtsteiner aller Treubekundungen zum Trotz zum absoluten Erfolg verdammt. Und das ausgerechnet vor einer Spielzeit, in der dem FCB abermals ein womöglich tiefgreifender Kaderumbau bevorsteht. Eine solche Transformation wäre selbst für einen gestandenen Hauptübungsleiter eine enorme Herausforderung – für einen jungen Trainer, der nach einer schwachen ersten Halbserie bereits «beschädigt» ist, ist diese Situation womöglich der Anfang vom Ende. Selbst dann, wenn er aus den bereits gemachten Erfahrungen und Fehlern mehr richtige als falsche Schlüsse ziehen sollte. Deshalb täte die FCB-Clubführung gut daran, sich einzugestehen, dass das Projekt mit Stephan Lichtsteiner (trotz Vertrag bis 2029) zu früh und auf zu grosser Stufe gezündet wurde. Und dass der Klub jetzt einen Trainer benötigt, der den Neustart unverbraucht und mit grösserem Erfahrungsschatz angehen kann.