Ist Yann Sommers Wechsel nach Belgien nachvollziehbar? Zwei Meinungen
Am Freitag gibt Yann Sommer sein Pflichtspieldebüt für seinen neuen Verein Club Brügge. Nach Bayern München und Inter Mailand steht der ehemalige Nationalkeeper neu also für den belgischen Meister zwischen den Pfosten. Ist der Wechsel in die Jupiler Pro League nachvollziehbar? Unsere Redaktoren Patrick Y. Fischer und Andy Maschek sind unterschiedlicher Meinung.
Patrick Y. Fischer sagt: Ja
Hat Yann Sommer vielleicht die Geduld verloren? Sich in einem Moment der grossen (und unberechtigten) Sorge um seine Karriere vom erstbesten Klub, der ihm ein Angebot unterbreitete, breitschlagen lassen? Auf den ersten Blick mag dieser Eindruck entstehen. Schliesslich verfügt der in Morges geborene Schweizer über ein Palmarès, das sich auch international sehen lassen kann: 94 Länderspiele, 291 Spiele in der Bundesliga, Meistertitel in Deutschland und Italien, fünf WM- und EM-Teilnahmen, CL-Finalist 2025 und noch vor wenigen Wochen der zweite Scudetto mit Inter Mailand. Keine Frage: Vor diesen Zahlen wirkt der Wechsel zu Club Brügge reichlich seltsam.
Nur: Yann Sommer ist nicht einfach nur ein Torhüter der gehobenen Klasse. Er ist auch ein Keeper, der bereits 37 Jahre alt ist. Ein Alter, in dem auslaufende Verträge bei Vereinen von Weltruf – die zudem perspektivisch arbeiten – nicht einfach so verlängert werden. Es sei denn, man heisst Manuel Neuer und hat sich während 15 Spielzeiten zu einer Art Klubikone entwickelt. Aber über diese Art von Standing und Legacy verfügt Sommer nicht. Zumindest nicht ausserhalb der Schweizer Landesgrenzen.
Womit wir bei einer vermeintlich naheliegenden Schlussfolgerung wären: Warum wechselt der Ex-Bebbi nicht einfach zurück zum FC Basel – dorthin, wo er seine Karriere einst lancierte? Nun, weil eine FCB-Sommer-Reunion für den Klub zwar sportlich, nicht aber wirtschaftlich Sinn ergeben hätte. Weil der 94-fache Internationale a) zu teuer ist und b) auch nicht mehr weiterverkauft werden kann – eine Kombination, die so gar nicht zur Strategie der Basler unter David Degen passt. Und: Was, wenn Sommer schlicht die Ambition hat, möglichst lange auf möglichst hohem Niveau weiterzuspielen? Die europäischen Wettbewerbe sieht der FCB zumindest in dieser Spielzeit nur von der Couch aus.
Ganz anders präsentiert sich die Lage da in Brügge, wo der einstige Neuer-Lückenbüsser auf einen Klub und eine Liga trifft, die sich in den letzten Jahren enorm entwickelt und von der Super League entfernt haben. Heute wird Club Brügge (Gesamtmarktwert ca. 196,10 Mio. Euro) rund drei Mal so hoch bewertet wie YB als wertvollster Schweizer Klub und ist direkt für die Champions League qualifiziert. Trotzdem muss er sich im heimischen Wettbewerb gegen ambitionierte Klubs wie KRC Genk, RSC Anderlecht oder Union Saint-Gilloise behaupten, während international die Wiederholung der CL-Achtelfinalqualifikation von 2025 angestrebt werden kann. Natürlich ist das kein europäisches Endspiel, aber für einen Klub wie Brügge mindestens genauso erstrebenswert. Und habe ich den Dreijahresvertrag schon erwähnt, den Sommer Mitte Juli in der Hauptstadt Westflanderns unterschreiben durfte? Und schon macht Sommers Wechsel zu «Blauw-Zwart» ziemlich viel Sinn – oder?
Andy Maschek sagt: Nein
In meinen Augen gibt es verschiedene reizvolle Destinationen für einen erfolgreichen Berufsfussballer. Angefangen bei den europäischen Top-5-Ligen. Bundesliga, Premier League, Serie A, La Liga und Ligue 1 sind sportlich gesehen wohl für die meisten Profis interessant. Dazu kommt sicher auch eine gute Lebensqualität – und natürlich der finanzielle Aspekt. Wer da einen Job hat, muss monetär ganz sicher nicht darben.
Yann Sommer hat in seiner erfolgreichen Karriere in Deutschland und in Italien gespielt. Jetzt, im Herbst seiner sportlichen Laufbahn, hätte ich einen Wechsel in die Major League Soccer erwartet. Dass der langjährige Nati-Keeper zum Abschluss seiner Aktivzeit sich und seiner Familie ein Abenteuer in Übersee gönnt. Aber Belgien?
Ich gestehe: Ich kenne dieses Land aus eigener Erfahrung nicht. Doch grundsätzlich wirkt es auf mich spontan alles andere als attraktiv. Und auch der belgische Fussball versprüht nur nicht gerade Glamour, auch wenn das Nationalteam seit Jahren immer wieder für positive Schlagzeilen sorgt. Doch bei den roten Teufeln ist es halt so wie bei unserer Nati: Die besten Spieler verdienen ihr Geld in den europäischen Top-Ligen, so dass der Stellenwert der nationalen Meisterschaft halt automatisch beschränkt ist.
Indem Sommers Entscheidung zunächst nicht nachvollziehen kann, zeige ich mich vielleicht als Banause oder Nichtwissender. Und wer weiss, vielleicht muss ich meine Meinung eher früher als später revidieren. Denn es gibt schon auch Fakten, die verstehen lassen, weshalb Sommer nun in der Jupiler Pro League sein Können zeigt. Sportlich mag Belgien weniger Glamour ausstrahlen als England oder Italien. Ganz so klein, wie die Liga von aussen wirkt, ist sie allerdings nicht.
Die 18 Teams haben einen Marktwert von total 997 Millionen Euro und damit einen Durchschnitt von rund 55 Millionen, während dieser in der Schweiz etwa bei der Hälfte liegt. Brügge, der neue Arbeitgeber von Yann Sommer, ist direkt für die Ligaphase der Champions League qualifiziert, so dass der Goalie zu Einsätzen auf der ganz grossen europäischen Bühne kommen wird.
Sommer ist in einem jungen Team der Routinier und kann seine immense Erfahrung einbringen. Dies übrigens auch an zwei Schweizer, denn mit Andrej Vasovic (18, vom FC Luzern) und Cheveyo Tsawa (19, vom FC Zürich) stiessen zwei weitere Kicker aus der Super League zum belgischen Traditionsklub Brügge, bei dem zuvor schon Ardon Jashari gute Erfahrungen gemacht hat.
Und auch meine persönliche Ansicht, dass das Leben neben dem Fussball in Italien, Spanien oder auch den USA attraktiver wäre, ist nicht nur a) subjektiv, sondern b) auch meiner Unkenntnis der Gegebenheiten geschuldet. Denn Sommer erklärte nun in einem Interview in Belgien, dass er nach einem Besuch des Trainingsgeländes nach Knokke gefahren und spontan im Meer schwimmen gegangen ist. «Ich liebe die Natur, und Knokke ist ein wunderschöner Ort zum Leben», so Sommer, der nun hoffentlich in Belgien einen erfolgreichen Karriereherbst erleben wird.