Welche Farben hat das Licht am Ende des Tunnels? Zwei Meinungen vor YB vs. Basel
Samstagabend, 20:30 Uhr, TV-Livespiel: Zumindest der Rahmen passt perfekt zum Duell zwischen den Young Boys und dem FC Basel, den beiden noch vor Kurzem unangefochten besten Teams des Landes. Und jetzt? Gibt es Anzeichen, dass zumindest einer der beiden Klubs die jüngste Durststrecke bald beenden könnte. Welcher? Unsere Redaktoren Patrick Y. Fischer und Andy Maschek sind sich nicht einig.
Patrick Y. Fischer sagt: YB
Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Vier Runden sind in der Super-League-Saison 2026/2027 gespielt, Gelb-Schwarz führt die Tabelle mit einem Punkt Vorsprung auf das Duo Lugano/Basel an und hat morgen Abend die Chance, einen der möglichen Konkurrenten im Meisterrennen etwas zurückzubinden. Dass dies geschehen wird, daran habe ich wenig Zweifel, und zwar nicht nur, weil die Bebbi seit mittlerweile über zehn Jahren und 20 Spielen auf einen Sieg in Bern warten. Denn eigentlich gibt es eine ganze Reihe von nicht tagesformabhängigen Gründen, weshalb mittelfristig YB der SL-Gigant sein wird, der seinem Ruf nach zwei Jahren auf Tauchstation wieder einmal gerecht werden kann.
Fangen wir dafür einfach einmal bei den beiden Trainern an: Gerry Seoane und Stephan Lichtsteiner. Auf der einen Seite ein dreifacher Schweizermeister, mit über 110 Spielen Erfahrung an der Bundesliga-Seitenlinie. Auf der anderen Seite ein Trainer-Neuling, noch immer im «Profi-Rookie-Jahr» (bislang 24 Spiele) und nicht unbedingt mit der Gabe gesegnet, fehlende Punkte und Erfolge allenfalls mit seiner Persönlichkeit und Kommunikation noch etwas abfedern zu können. Warum das eine Rolle spielt? Weil sowohl der FCB als auch YB in den letzten zwölf Monaten sportlich vieles schuldig blieben. Kurzfristig stehen die beiden Schweizer Grossklubs zwar wieder deutlich besser da, aber nur in Bern scheint man das auch atmosphärisch mitzubekommen. Eine krachende Niederlage am Samstag - und kein Mensch würde im Umfeld des Wankdorfs den Gedanken an eine unmittelbare Trainerentlassung zu Ende führen. Bei gleichem Szenario auf der Gegenseite? Zumindest vorstellbar.
Was natürlich auch damit zusammenhängt, dass der FC Basel mit Xherdan Shaqiri den grössten Star der Super League und einen der grössten Schweizer Fussballer aller Zeiten in seinem Kader weiss. Nur scheint Lichtsteiner, der notabene jahrelang in der Nati mit «Shaq» zusammenspielte, noch nicht so richtig verstanden zu haben, wie er dieses «Asset» möglichst gewinnbringend für den FCB nutzen kann. Oder aber, er hat es verstanden und ist dabei zum Schluss gekommen, dass die aktuelle Version von «XS» für Basel nicht mehr jene Stütze sein kann, die er aufgrund seines Status eigentlich sein müsste. Auf alle Fälle zwei Szenarien, die in Basel nicht wirklich zu ruhigen Zeiten beitragen, auch wenn man am Rheinknie gerne die offizielle Meinung vertritt, dass ein Grossteil der Unruhe von aussen an den Klub herangetragen wird. Was man allerdings nicht in Abrede stellen kann: Seit Stephan Lichtsteiner in der Verantwortung steht, ist Xherdan Shaqiri nicht einmal mehr annähernd so produktiv (3 Skorerpunkte in 20 Partien), wie in den eineinhalb Jahren vor der Ankunft des ehemaligen Juve-Legionärs (knapp ein Skorerpunkt / Spiel). Und es ist gut möglich, dass es jene spezielle «Shaqiri-Note» sein wird, welche im Endeffekt den Unterschied zwischen einem Top-FCB und einem FCB im Niemandsland der Tabelle ausmachen wird.
Schliesslich liegt es aber nicht nur an einem Shaqiri in «Unterproduktion», der dafür sorgt, dass ich YB eher zutraue, in dieser Saison wieder zur alten Stärke und Dominanz zurückzukehren. Denn natürlich haben die Berner in der Sommerpause auch einiges dafür getan, dass ihr ohnehin schon starker und breiter Kader nun noch etwas besser daherkommt. Mit Verstärkungen hinten (Cedric Zesiger und Isaac Schmidt) und vorne (Kaly Sène) und mit dem Potential, auch Spiele, die nicht optimal verlaufen, auf die eigene Seite zu ziehen. Kriegen die Young Boys auch noch die bislang erneut löchrige Defensive in den Griff, dürften sie superleagueweit nur sehr schwer zu schlagen sein, was man beim deutlich weniger erfahrenen und eingespielten FCB noch nicht wirklich behaupten kann. Und vor allem: bringt YB seine PS auf den Boden, ist auch nicht erkennbar, wie ein Lugano oder St. Gallen die Bundesstädter im Zaun halten können. Beim FCB fällt diese Vorstellung deutlich weniger schwer. Und das bislang eigentlich Woche für Woche und gegen Gegner von der Kragenweite eines Servette FC, Lausanne-Sport oder FC Zürich.
Andy Maschek sagt: FC Basel
Die nackten Tatsachen sind nicht wirklich vielversprechend, auch wenn der FCB nach vier Spielen und mit neun Punkten in der Tabelle nur einen Zähler hinter den Young Boys liegt. Und damit drei Punkte besser dasteht als vor einem Jahr mit Trainer Ludovic Magnin. Denn in diesen vier Spielen gegen Servette, Lausanne, Thun und den FC Zürich traten die Basler nie wirklich überzeugend auf. Die Heimniederlage (0:1) gegen Lausanne war so gesehen mehr als nur ein Betriebsunfall. Und doch bin ich der Meinung, dass der FCB sich der FCB auf dem Weg zu besseren Zeiten befindet und das Licht am Ende des Tunnels nah ist.
Trainer Stephan Lichtsteiner spaltet im und um den Klub die Geister. Nicht alle sind glücklich mit ihm und seinem Auftreten. Dazu kommt, dass er offenbar auch innerhalb des Teams Gegenwind spürt. In den Medien wird schon längst über Schicksalsspiele berichtet und darüber spekuliert, dass die nächste Niederlage die eine zu viel sein könnte. So weit, so gut. Doch es ist auch ein Fakt, dass der FCB nach der Niederlage gegen Lausanne im Klassiker auswärts gegen den FCZ eine Reaktion gezeigt hat und das Spiel drehen konnte – auch wenn da zugegebenermassen auf Glücksgöttin Fortuna mithalf. Aber wenn Lichtsteiner die Garderobe bereits verloren hätte, dann hätte sich der FCB nicht in diesem Ausmass gegen die Niederlage gewehrt.
Trainer Lichtsteiner hat noch nicht wirklich überzeugt. Doch mit seiner Erfahrung und seinem Ehrgeiz ist er definitiv in der Lage, die richtigen Schlüsse zu ziehen. In den ersten vier Meisterschaftsspielen in dieser Saison war Xherdan Shaqiri, der grosse Meistermacher in der Spielzeit 2024/25, nur Teilzeitarbeiter. Und Shaq wurde in der Offensive schmerzlich vermisst. Man kann Lichtsteiner vorwerfen, dass er so Perlen vor die Säue geworfen hat. Andererseits war es wie im Fall von Albian Ajeti, der in diesen vier Spielen auf 35 Einsatzminuten kam und gegen den FCZ sogar im Kader fehlte, ein klares Signal, dass auch in Basel weder die grossen Namen noch die Verdienste aus der Vergangenheit zählen.
Damit demonstrierte der Übungsleiter, dass er auf das Leistungsprinzip setzt. Dass er eine Mannschaft will, die gemeinsam vorwärtsgeht, solidarisch kämpft und wenn nötig auch Siege erzwingt. Es ist eine Qualität, die bei Lichtsteiner schon als Spieler ausgeprägt vorhanden war. Er war nicht der begnadete Techniker oder magistrale Zauberer. Aber er feierte mit seiner Leidenschaft grosse Erfolge.
Im Team der Basler ist zudem einmal mehr viel Qualität vereint. Über das Können von Shaqiri müssen wir trotz des fortschreitenden Alters kein Wort verlieren. Er ist und bleibt ein Unterschiedsspieler, auch wenn die Spielminuten geringer und der Aktionsradius kleiner werden. Metinho und Philipp Otele sind immer noch am Rheinknie, nachdem lange über mögliche Transfers spekuliert wurde. Und auch sonst ist das Kader breit und für Super League-Verhältnisse hochklassig aufgestellt und hat Entwicklungspotenzial. Mit der Verpflichtung des 20-jährigen Senegalesen Asane Sow, der für 600'000 Euro von Pro Vercelli gekommen ist, ist den Baslern vielleicht gar ein Glücksgriff gelungen. Beim 4:2-Sieg gegen Thun glänzte er mit zwei Toren und zwei Assists und deutete an, was in ihm steckt. Mittelstürmer Zan Celar ist die personifizierte Torgefahr und der von Trabzonspor ausgeliehene Belgier Kazeem Olaigbe kann offensiv wichtig werden. Und da ist wie bereits erwähnt Shaqiri, der Mann für die besonderen Momente.
Es gibt Argumente für eine Aufwärtstendenz des FCB. Wichtig ist einzig, dass die Klubführung um David Degen ruhig und besonnen bleibt und nicht schon bei einer allfälligen Niederlage gegen die Young Boys die Nerven verliert. Degen wäre gut beraten, an Lichtsteiner festzuhalten und ihm eine faire Chance zu geben. Denn wer jetzt bereits wieder den Trainer wechselt, verhindert genau jene Kontinuität, die der FCB für den Weg zurück an die Spitze braucht.