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Ist der BVB noch ein Bayern-Jäger? Zwei Meinungen!

Seit Mitte der 1990er Jahre ist die Hierarchie in der Bundesliga mit Bayern München als grossem Titelfavoriten und Borussia Dortmund als erstem Verfolger quasi in Stein gemeisselt. Doch trifft diese Ausgangslage auch vor der neuen Spielzeit noch zu? Unsere Redaktoren Patrick Y. Fischer und Andy Maschek sind sich nicht einig.

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Daumen hoch? Noch ist nicht klar, ob Gregor Kobel und Borussia Dortmund Titelverteidiger Bayern München in der neuen Bundesligasaison ernsthaft herausfordern können. © IMAGO / Kirchner-Media

Patrick Y. Fischer sagt: Ja

Wieder einmal sind sie zur Stelle. Die Zweifler und Kritiker, die nicht einmal ein ligaweit unübertroffener Transfer-Sommer mit 13 neuen Spielern besänftigen kann. Dabei sind die knapp 110 für Transfers aufgeworfenen Millionen sogar noch ein paar Euro mehr, als der grosse Rivale aus München in den vergangenen Wochen in seinen neuen Kader investierte. Natürlich, wir sprechen hier vom Rekordmeister, der nach dem zuletzt mit 16 Punkten Vorsprung errungenen Meistertitel aus einer Position der Stärke operiert. Und trotzdem fällt es mir schwer zu verstehen, weshalb der BVB nach diesem Transferfenster (das notabene noch bis zum 1. September geöffnet hat) plötzlich nicht mehr erster Herausforderer der Bayern sein soll.

Klar, es fehlt der ganz grosse Name im Dortmunder Einkaufskorb, genauso, wie er zumindest diesen Sommer in sämtlichen Warenkörben der Bundesligisten fehlt. Doch fertige Spieler zu verpflichten, entspricht gezwungenermassen schon seit mehreren Jahren nicht mehr der DNA des BVB. Klangvolle Neueinkäufe sind mittlerweile ein «nice to have», viel wichtiger ist es jedoch, endlich wieder einmal ein paar Akteure zu holen, die im Umfeld des Signal Iduna Parks zu echten Starspielern reifen.  

Und genau hier sehe ich Borussia Dortmund in diesen Wochen auf einem guten Weg. Spieler wie Konstantinos Karetsas (18, KRC Genk),  Giannis Konstantelias (23, PAOK Saloniki) oder Innenverteidiger Joane Gadou (19, RB Salzburg) mögen (noch) nicht über einen grossen Namen verfügen. Das Potential, um Dortmund helfen zu können und eines Tages für einen satten Gewinn weitergereicht zu werden, besitzen sie jedoch sehr wohl. Oder habe ich es verpasst mitzubekommen, was genau dagegen spricht, dass einer oder zwei aus dieser Gruppe dereinst in die Fussstapfen eines Erling Haaland, Jude Bellingham oder auch Mario Götze treten können?

Schliesslich treffen diese jungen Talente in Westfalen keineswegs auf ein Trümmerfeld, auf dem sie den Karren ganz alleine auf Rang 2 oder gar zu einem Titel zerren müssen. Stattdessen kommen sie in ein Team, dessen erfahrene Achse um Greg Kobel, Nico Schlotterbeck (Rückkehr im Herbst), Felix Nmecha, Julien Ryerson oder Topskorer Serhou Guirassy (22 Tore letzte Saison) eben gerade die Vizemeisterschaft erspielen konnte und nun in der Person von PSV-Mittelfeldmotor Joey Veerman (27) auch noch vielversprechend verstärkt wurde. Trainiert wird der BVB übrigens vom erfahrenen Nico Kovac (54). Kovac mag keine sexy Trainerwahl sein, erfolgreich arbeitete er vor Dortmund aber bereits in Frankfurt und bei Bayern München. Und auch die personellen Abgänge von Julian Brandt (zu Ajax) und Karim Adeyemi (zu Barca) stellen in meinen Augen kein unüberwindbares Hindernis dar.

Und schliesslich ist da auch noch das Faustpfand der 30 vergangenen, mehrheitlich erfolgreichen Dortmunder Jahre. Mit einem Dauer-Gastrecht in der Champions League und einer finanziellen Potenz, die in Deutschland nur von Bayern München übertroffen wird. Kein Wunder, erhoffen sich die über 80'000 Fans, die Heimspiel für Heimspiel in den ausverkauften Signal Iduna Park pilgern, völlig zu Recht eine abermals mindestens vizemeisterliche Saison. Und mit etwas Glück liegt vielleicht sogar noch etwas mehr drin – viel eher jedenfalls, als dass die Borussen ausgerechnet in diesem Jahr ihrer Rolle als Bayern-Jäger Nr. 1 nicht mehr gerecht werden.

Andy Maschek sagt: Nein

Seien wir ehrlich: Wenn jemand für die Saison 2026/27 auf einen anderen deutschen Meister als auf den FC Bayern München wettet, dann hat er a) sein Geld schon abgeschrieben, ist b) extrem mutig oder versucht c) verzweifelt, seine Kasse aufzubessern. Dazu kommen all jene, die mit einem gegnerischen Team sympathisieren und bei denen die Hoffnung auf einen Meistertitel zuletzt stirbt. Oder auch die Bayern-Hasser, bei denen der Wunsch nach einer Wachablösung an der Spitze der Vater des Gedanken ist.

Nüchtern und sachlich betrachtet sind die Münchner auch in der neuen Saison der Goliath und der grosse Favorit. Das widerspiegelt sich nur schon im Marktwert der verschiedenen Kader. Bayern thront mit 1,08 Milliarden Euro einsam an der Spitze, die Spieler der Münchner werden damit fast doppelt so wertvoll eingeschätzt wie jene der Konkurrenz. Dortmund steht mit 529,20 Millionen da, knapp dahinter folgen Leverkusen (516,95 Millionen) und RB Leipzig (514,35 Millionen). Natürlich, Geld allein schiesst keine Tore, doch diese Zahlen sind auch ein deutliches Indiz für die Qualität.

Und genau bezüglich dieser Qualität setze ich bei den Dortmundern Fragezeichen. Im Tor ist Gregor Kobel ein sicherer Wert und ein Schlüsselspieler. In der Bundesliga-Saison 2025/26 war er einmal mehr einer der besten Goalies: 73 Prozent der Bälle wehrte er ab – Bestwert aller Torhüter, die mindestens zwei Drittel der möglichen Einsatzzeit absolvierten. 15 Mal hielt er seinen Kasten sauber – ebenfalls Bestwert und ein persönlicher Saisonrekord in der Bundesliga sowie Rekord für Dortmund insgesamt.

Gleichzeitig haben die Dortmunder mit Karim Adeyemi und Julian Brandt zwei ihrer gefährlichsten Offensivspieler verloren. Die Borussia hat mit Konstantinos Karetsas und Giannis Konstantelias zwar zwei sehr interessante Offensivspieler verpflichtet, aber es fehlt der Königstransfer. Dieser hätte eigentlich Said El Mala sein sollen. Doch die Verpflichtung des Kölners scheiterte an den Finanzen. Die Dortmunder haben zwar Transfers von Spielern getätigt, die über Talent und Entwicklungspotenzial verfügen. Aber aktuell fehlen der Borussia die Unterschieds- und Garantiespieler, zumal es um Top-Torjäger Serhou Guirassy immer wieder Transfergerüchte gibt und es durchaus sein kann, dass der Mann aus Guinea plötzlich unbedingt weg will. Und auch wenn er mal fehlen sollte, muss sich erst noch zeigen, wer die Tore erzielt.

Ein weiteres Fragezeichen setze ich hinter die Konstanz. Schaffen es die auf mehreren Hochzeiten engagierten Dortmunder, Woche für Woche auf höchstem Niveau zu performen und nicht nur mit einzelnen Highlights Ausrufezeichen zu setzen, sondern auch die Pflichtaufgaben erfolgreich zu lösen?

Gerade diese Konstanz auf höchstem Niveau ist entscheidend, zumal auch die Konkurrenz nicht geschlafen hat. Bei RB Leipzig schmerzt zwar der Abgang von Yan Diomande zu Real Madrid, der Klub hat aber mit Rocco Reitz und Maxime Estève interessante Spieler verpflichtet und verfügt weiterhin über viel Qualität. Und wenn der Transfer von Said El Mala klappt, ist der neu von Ex-Bayern-Star Martin Demichelis trainierte Dosenklub stark einzuschätzen. Und wer weiss, vielleicht gelingt es Demichelis ja auch, seinem Team das Winner-Gen der Bayern einzupflanzen. Leverkusen hat sein Kader mit Afonso Moreira, Miguel Gutiérrez und Facundo Medina verstärkt, muss aber erst noch zeigen, wie das Team mit dem neuen Trainer Carles Martinez funktioniert. Der Spanier ist nach dem Abgang von Meistertrainer Xabi Alonso im Sommer 2025 bereits der dritte Übungsleiter, der sich versucht. Zuvor waren Erik ten Hag und Kasper Hjulmand gescheitert. Mal schauen, ob der Spanier, der zuletzt bei Toulouse tätig war, den Erfolg zurückbringt.

In der Konsequenz gehört Dortmund für mich zu den Teams, die um einen Spitzenplatz kämpfen. Aber um ein ernsthafter Bayern-Jäger zu sein, reicht die Qualität nicht. Wer dennoch auf den BVB als Meister setzt, braucht deshalb vor allem eines: sehr viel Mut.

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