Kann YB endlich wieder Druck? Zwei Meinungen
Als Favorit steigen die Berner Young Boys am Samstag in die neue Saison der Brack Super League. Mit dem teuersten Kader der Liga und ohne europäische Zusatzbelastung soll und muss nach zwei ernüchternden Spielzeiten die Rückkehr an die nationale Spitze gelingen. Aber sind die Berner auch bereit dafür? Unsere Redaktoren Andy Maschek und Patrick Y. Fischer sind sich nicht einig.
Andy Maschek sagt: Ja
Meister 2018 bis 2021 sowie 2023 und 2024: Es ist noch nicht lange her, da schien es, als hätten die Verantwortlichen in Bern mit den Young Boys ein Monster geschaffen. Die Dominanz des FC Basel war gebrochen, stattdessen war YB nun das Mass aller Dinge. Doch in den letzten zwei Saisons hat der Berner Höhenflug abrupt geendet. In der Saison 2024/25 reichte es noch zu Rang 3, 2025/26 stand am Ende der sechste Platz. Es waren zwei Spielzeiten, die den eigenen Ansprüchen und jenen der Fans definitiv nicht gerecht wurden.
In dieser Phase haben die Young Boys gezeigt, dass auch sie nur ein ganz normaler Klub sind, dass auch bei ihnen die Nerven blank liegen können und nicht jeder Personalentscheid sitzt. Dass dann auch noch der kleine Kantonsrivale FC Thun den Meistertitel gewinnt – es war der ultimative Tiefschlag für die Young Boys.
Nun soll oder muss wieder alles besser werden. Gerardo Seoane, der einstige Meistertrainer, wurde schon im Verlauf der vergangenen Saison nach Bern zurückgeholt, um den Erfolg zurückzubringen. Bewirkt hat er aber noch nicht viel, die Resultate sind ausgeblieben. Und doch bin ich überzeugt, dass YB in der neuen Saison zu alter Stärke zurückfindet und national der Klub wird, den es zu schlagen gilt.
Es gibt verschiedene Gründe, die mich in dieser Sicht bestärken. Da wäre zunächst das Kader der Berner, das national gesehen nicht nur das wertvollste, sondern qualitativ auch das beste ist. Goalie Marvin Keller verfügt über viel Potenzial und wird sich mit starken Leistungen fürs Ausland empfehlen. Als Backup steht mit Routinier Joël Mall ein sicherer Wert bereit.
Die Defensive wurde mit Cédric Zesiger und Isaac Schmidt hochklassig aufgewertet. Beide bewegen sich im Dunstkreis der Schweizer Nati und werden in Bern dafür sorgen, dass die Anzahl der Gegentore massiv sinkt. Dazu kommt, dass sich Gregory Wüthrich mit weniger Verletzungen und Sperren herumschlagen sollte. Dasselbe gilt übrigens auch für Edimilson Fernandes, der in der letzten Saison sein zweifellos grosses Können viel zu wenig gezeigt und nun Nachholbedarf hat.
In der Offensive dürfte Alvyn Sanches seine Duftmarken setzen. Zudem stehen mit Samuel Essende und Sergio Córdoba zwei Mittelstürmer bereit, die nach dem Abgang von Chris Bedia fehlenden Tore zu erzielen. Ein weiterer wichtiger Faktor ist, dass die Berner in der Vergangenheit ihre Geldschränke so gut gefüllt haben, dass sie bei Bedarf auf dem Transfermarkt reagieren und qualitativ nachlegen können, zumal der zu erwartende Abgang von Aussenverteidiger Jaouen Hadjam einen weiteren Millionensegen verspricht.
Entscheidend ist für meinen Optimismus aber die Person Gerardo Seoane. Ja, er hat in seinen Jahren in Deutschland und zuletzt auch bei YB nicht vollumfänglich überzeugt, nicht die geforderten Resultate geliefert und auch an Renommée eingebüsst. Doch der Luzerner ist ehrgeizig und selbstsicher genug, um nun wieder eine Kurskorrektur vornehmen zu können. Er ist zweifellos in der Lage, die Young Boys zu alter Stärke zurückzuführen und wieder zur Nummer 1 in der Schweiz zu machen. Und er wird diesem Anspruch auch gerecht werden.
Patrick Y. Fischer sagt: Nein
Auf dem Papier scheint Vieles klar: Die Berner Young Boys, das Team mit dem höchsten Marktwert der Liga, mit zehn A-Nationalspielern sowie dem amtierenden SL-Torschützenkönig im Kader steigt als klarer Favorit in die neue Super-League-Saison. Erst Recht, seit die Berner mit den auslandserfahrenen Neuzugängen Cédric Zesiger (Augsburg) und Isaac Schmidt (Leeds United) nachgelegt haben, die von Gerardo Seoane, dem erfolgreichsten Schweizer Trainer der letzten Dekade, trainiert werden. Doch zu diesem Schluss hätte man – bei leicht veränderter Personallage – auch schon vor einem Jahr kommen können. Wie wir alle wissen, kam es ganz anders.
Fangen wir bei Gerry Seoane an. Als er im vergangenen November nach vier Jahren Bundesliga als grosser Hoffnungsträger nach Bern zurückkehrte, war die Vorfreude riesig. Knappe neun Monate später ist davon wenig übrig. Seoanes Bilanz im zweiten Berner Engagement liest sich wie ein Desaster: 32 Spiele, mickrige 1,25 Punkte im Schnitt. Seit Claude Ryf in der Saison 1998/99 schnitt kein YB-Trainer mit vergleichbarer Amtsdauer so schlecht ab. Es wirkt fast, als hätte der Zentralschweizer in Deutschland etwas von jener Magie verloren, die ihn einst zum Shooting-Star der hiesigen Trainergilde und dreifachen Schweizermeister machte. In der abgelaufenen Spielzeit gelang es ihm jedenfalls nicht, die erschreckend anfällige Defensive (69 Gegentore) zu stabilisieren. Ob ihm das mit Zesiger und Schmidt nun gelingt, bleibt abzuwarten.
Damit sind wir beim Hauptgrund für meine Skepsis im Hinblick auf die neue Saison angelangt - dem YB-Kader. Dieser ist zwar breit, tief und teuer, aber keineswegs stimmig zusammengestellt. Der erfahrensten Innenverteidigung der Super League (Benito, Lauper, Wüthrich und Zesiger) stehen neu vier Links- und fünf Rechtsverteidiger gegenüber, während im zentralen Mittelfeld ein echter, spielprägender Sechser nach wie vor schmerzlich vermisst wird.
Auch in der Offensive drängeln sich mit Imeri, Monteiro, Virginius, Fassnacht oder Males zahlreiche hochveranlagte Kicker auf engstem Raum. Den Beweis, ein Spiel im Alleingang zu entscheiden oder das Team mitreissen zu können, sind sie bislang aber schuldig geblieben. Zudem fehlt weiterhin ein adäquater Ersatz für Chris Bedia und seine 17 Tore. Eigentlich wäre das die Aufgabe der Mittelstürmer Samuel Essende und Sergio Córdova, wobei insbesondere Essende zahlreiche Hoffnungen auf sich vereint. Allerdings ist der französisch-kongolesische Doppelbürger bislang den Beweis schuldig geblieben, ein echter Goalgetter zu sein. Mit der Bilanz seiner besten Saison (15 Tore 23/24 für Vizela in Portugal) wäre man in Bern nach dem schleppenden Start im Frühjahr deshalb wohl bereits zufrieden.
Immerhin bleibt den sportlich Verantwortlichen um Christoph Spycher und Mathieu Beda noch bis zum Transferschluss am 8. September Zeit, um den Berner Kader zu finalisieren. Gefragt sind gezielte Verstärkung mit Leadership, während das Team gleichzeitig spürbar verkleinert werden soll. Gelingt das nicht, droht in Bern anstatt der Rückkehr an die Spitze abermals ein unruhiger Herbst. Gut möglich, dass sich das Duo Spycher/Beda dann auch zum bereits siebten Mal in den vergangenen zweieinhalb Jahren mit dem Trainer beschäftigen muss.