Führt Mourinho Real zurück an die Spitze? Zwei Meinungen
Am Wochenende startet La Liga in die Saison 2026/27 – mit José Mourinho, der zurück bei Real Madrid ist und die Königlichen nach zwei enttäuschenden Jahren wieder an die Spitze führen soll. Nur: Hat «The Special One» noch das Zeug? Unsere Redaktoren Patrick Y. Fischer und Andy Maschek sind unterschiedlicher Meinung.
Patrick Y. Fischer sagt: Ja
Zwei Jahre ohne Titel. Mit Carlo Ancelotti und Xabi Alonso zwei verbrannte Trainer unterschiedlichster Prägung. Und nun? Soll ausgerechnet José Mourinho Real Madrid zurück zu alten Erfolgen führen. Jener Mourinho, der seine letzte Meisterschaft 2015 mit dem FC Chelsea feiern durfte und seine Trophäensammlung seitdem «nur» noch um zwei europäische Trostpflaster (Europa League 2017 und Conference League 2022) erweitern konnte. Und dennoch sage ich: «The Special One» kann für die Königlichen genau der Richtige sein.
Schliesslich steckt da, wo «Mourinho» drauf steht, auch ganz viel «Mourinho» drin. Ein Trainer der sich seit jeher dadurch auszeichnet, ein feines taktisches Näschen, Selbstvertrauen und die Fähigkeit, ein Team hinter sich zu vereinen, zu einer äussert wirksamen Tinktur zu vermischen. Und mit Madrid kehrt der 63-Jährige nun an einen Ort zurück, an dem er all das, gepaart mit einer Portion Kompromisslosigkeit, schon einmal erfolgreich zur Anwendung brachte. Oder haben wir etwa alle schon vergessen, wie der Portugiese im Sommer 2010 als frischgebackener CL-Sieger (mit Inter) in der spanischen Hauptstadt ankam – und ein Jahr später die dreijährige Regentschaft des grossen FC Barcelona mit der Rekordzahl von 100 Punkten beendete?
Und sind wir ehrlich: Es gibt da durchaus Parallelen zur heutigen Zeit beim bedeutendsten Fussballklub der Welt. Auch jetzt stecken die Madrilenen im Tief und benötigen dringend einen Trainer, dessen Persönlichkeit es mit den Egos der grossen Stars um Mbappé, Bellingham oder Vinicius Jr. aufnehmen kann, ja, sie vielleicht sogar überstrahlt. Denn auf dem Papier verfügen «Los Blancos» spätestens seit der aktuellen Transferperiode über einen Kader, der höchsten Ansprüchen genügen kann. Verstärkt durch Spieler wie Cucurella, Bernardo Silva, Ibrahima Konaté und Denzel Dumfries, die jene Erfahrung und internationale Klasse mitbringen, um Mourinhos Weg zum ersten Meistertitel seit elf Jahren deutlich zu vereinfachen.
Denn auch der Mann aus Setubal kennt natürlich die Stimmen, die besagen, dass er, der ehemalige portugiesische, englische, italienische und spanische Meister, seine besten Tage längst hinter sich hat. Die hervorheben, dass er letzte Saison mit Benfica nur auf Rang 3 beendete und zuvor auch bei Fenerbahce in der Türkei nicht reüssierte. Doch wer das tut, verschweigt dabei auch die Tatsache, dass Mourinho an beiden Standorten mehr am fehlenden Glück, als an mangelnden Leistungen scheiterte. Die mit beiden Klubs eingespielten 2,33 Punkte/Spiel wären auf alle Fälle alles andere als eine schlechte Basis, um Barcelona bereits in der anstehenden Spielzeit herauszufordern.
Und schliesslich wäre genau das die Geschichte, die Mourinho bei seiner Rückkehr nach Madrid gerne vollenden würde. Um noch einmal zu zeigen, dass er noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Älter vielleicht, aber kein bisschen weniger gefährlich. Und schliesslich bietet ihm das durchaus überraschende Comeback bei den Königlichen die grosse Chance, die vergangenen zehn Jahr seiner Trainerkarriere quasi auf einen Schlag vergessen zu machen. Viel mehr als bei jedem anderen Klub kann Mourinho bei Real den Beweis antreten, noch immer ein grosser Trainer zu sein. Um nicht zu sagen – der Grösste.
Andy Maschek sagt: Nein
Natürlich, José Mourinho ist ein charismatischer und erfolgreicher Trainer. Er hat in seiner Karriere mit namhaften Klubs zahlreiche Titel gefeiert und wurde unter anderem mit Real Madrid Meister und Cupsieger. Er hinterliess durch sein Wesen und Wirken überall seine Spuren. Und es gibt durchaus Argumente, welche die Sichtweise unterstützen, dass seine Rückkehr zu Real Madrid ein Erfolg sein wird. Mourinho kennt beispielsweise den Klub, den Präsidenten, Florentino Perez und auch den Druck, dem man als Lohnbezüger im Bernabéu ausgesetzt ist. Und der Portugiese ist nach wie vor eine aussergewöhnliche Persönlichkeit und verfügt über grenzenloses Selbstvertrauen.
Dennoch glaube ich nicht, dass die Rückkehr zu einer Erfolgsgeschichte wird. Die grosse Stärke von Mourinho war immer, dass es ihm gelang, seine Mannschaften ausgezeichnet zu organisieren. Sein Team machte die Räume eng, kontrollierte den Gegner, schaltete diesen auch aus. Im Gegenzug zeigte sich seine Mannschaft gerade nach Umschaltmomenten äusserst effizient. Nun hat sich aber der Fussball in den letzten Jahren stärker verändert als der Portugiese. Pressing, Gegenpressing, Positionsspiel und strukturierter Aufbau unter Druck sind noch wichtiger geworden. Mourinho muss nun zeigen, dass er auch in diesem modernen Fussball mithalten kann.
Während seiner Zeit bei Porto, Inter oder auch in seiner ersten Real-Amtsperiode war der Portugiese ein herausragender K.-o.-Trainer. Doch dieser Glanz ist verblasst. In der Champions League war sein letztes Erfolgserlebnis der Halbfinal 2014, als er mit Chelsea an Atlético Madrid scheiterte. Doch gerade bei Real Madrid zählt einzig und allein der Erfolg. In der Meisterschaft, aber auch in der Königsklasse.
Mourinho hat bei Real ein gigantisches oder gar galaktisches Kader zur Verfügung. Es ist gespickt mit Superstars und ihren Eigenheiten und Eitelkeiten. Das erfordert einen geschickten Umgang, viel Fingerspitzengefühl. In der Vergangenheit lebte Mourinho davon, dass die Mannschaft seine Autorität akzeptierte. Sein Ego war überdimensional und übertraf nicht selten jenes der Spieler. Mit seinem kompromisslosen Auftreten kann Mourinho aber auch für Konflikte sorgen und Gräben auftun.
Und mit grossen Egos bekommt er es bei Real Madrid definitiv zu tun: Der Franzose Kylian Mbappé, die Brasilianer Vinicius Junior und Rodrygo oder auch der Engländer Jude Bellingham beispielsweise wissen ganz genau, was sie können. Und auch, was sie wollen. Da ist bei der Führung viel Fingerspitzengefühl gefragt. Erfüllt Mourinho, mittlerweile 63 Jahre alt, die heutigen Anforderungen? Ist er modern genug? Ich bezweifle es.
Immerhin hat der Portugiese bereits gezeigt, dass er bei einem Comeback funktionieren kann. Im Juli 2013 kehrt er nach drei Jahren bei Real Madrid zu Chelsea zurück. Die erste Saison beendete er mit seinem Team auf Rang 3, in der folgenden Spielzeit führte er die Blues zum Meistertitel. Danach erfolgte aber der Absturz, so dass Mourinho noch vor Weihnachten gefeuert wurde.
Titelgewinn oder Entlassung: das dürfte auch jetzt bei Real Madrid das Motto sein. Ihm steht eine Mannschaft für Grosserfolge zur Verfügung, daran zweifelt wohl niemand. Der Gewinn der Champions League ist möglich, aber nicht planbar. Da sind die Gegner zu zahlreich, zu stark und zu unberechenbar. Am Ende entscheiden Details.
Bleibt die Meisterschaft, in der es gilt, den FC Barcelona, den Meister der letzten beiden Jahre, wieder zu entthronen. Doch auch das ist kein Selbstläufer. Barça hat ein starkes Kader und mit Anthony Gordon und Karim Adeyemi bereits zwei interessante Transfers getätigt. Zudem gibt es Gerüchte um weitere neue Stars: Von Manchester City soll Weltmeister Rodri kommen, von Atlético Vizeweltmeister Julian Alvarez. Die Chance ist allerdings gross, dass der Wechsel des Argentiniers scheitert, weil sich sein Arbeitgeber Atlético sträubt.
Mourinho bekommt bei Real die Mannschaft, mit der er beweisen kann, dass seine Methoden noch immer für die absolute Spitze taugen. Gelingt ihm das nicht, dürfte sein zweites Engagement in Madrid wesentlich kürzer dauern als sein erstes.