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Zwei Meinungen: Hat Argentinien die Refs in der Tasche?

Und sie haben es wieder getan. Nach dem 3:1 (n.V.) gegen die Schweiz steht Titelverteidiger Argentinien erneut im WM-Halbfinale und das zum zweiten Mal, ohne im Verlauf des Turniers wirklich zu überzeugen. Etwa, weil die Albiceleste dabei häufiger als jedes andere Team auf die „Hilfe“ der Schiedsrichter zurückgreifen kann? Unsere beiden Redakteure Younes Hdk und Patrick Y. Fischer haben dazu eine klare Meinung.

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Der Gegner (hier die Schweiz) moniert, Argentinien (rechts im Bild) profitiert: Doch auch in der umstrittenen "Causa Embolo" lag der Schiedsrichter richtig © Keystone / Peter Klaunzer

Younes Hdk sagt: Ja

Dieses Gegenargument können wir gleich zu Beginn abhaken: Ja, Spitzenmannschaften werden seit jeher anders gepfiffen als kleinere Nationen – heute genauso wie vor 60 Jahren. Das wird kaum jemand ernsthaft bestreiten. Die eigentliche Frage lautet jedoch: Wird Argentinien einfach wie eine grosse Fussballnation behandelt? Die Antwort darauf lautet eindeutig: Nein.

Das Mass an Nachsicht, das Messi und seine Teamkollegen bei den Schiedsrichtern geniessen, sucht seinesgleichen. Wenn Sie eine Regel entdecken wollen, die im normalen Spielbetrieb nie angewendet wird, schauen Sie sich ein Spiel der Albiceleste an. Im Achtelfinal gegen Ägypten griff der VAR ein, um wegen eines harmlosen Fouls rund 80 Meter vor dem Tor von Emiliano Martínez einen Treffer aberkennen zu lassen. Gegen die Schweiz wurde der VAR dann eingesetzt, um Embolo nach einer angeblichen Schwalbe im Mittelfeld mit Gelb-Rot vom Platz zu stellen.

Jedes Mal heisst es anschliessend: «Die Regeln lassen das zu.» Doch genau darum geht es nicht. Niemand bestreitet, dass diese Bestimmungen existieren. Entscheidend ist vielmehr, dass sie je nach Mannschaft unterschiedlich ausgelegt und angewendet werden. Selbst die höchst umstrittene Entscheidung der FIFA, den US-Stürmer Folarin Balogun nicht zu sperren, liess sich schliesslich ebenfalls mit einem Regelartikel begründen.

Genau darin liegt das Problem. Solche Entscheidungen gehören nicht zum normalen Bonus, den jede grosse Fussballnation geniesst. Sie sind – so ehrlich muss man sein – längst zu einem argentinischen Privileg geworden. Und die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Argentinien erhielt allein bei den vergangenen beiden Weltmeisterschaften acht Elfmeter zugesprochen. Brasilien kam in insgesamt 23 WM-Endrunden auf 14, Deutschland in 20 Turnieren auf 15. Das ist schlicht absurd.

Noch aussagekräftiger ist eine weitere Statistik: die Zahl der VAR-Entscheidungen zugunsten beziehungsweise zulasten der acht Viertelfinalisten. Nach den ersten fünf Spielen dieser Weltmeisterschaft gab es keine einzige VAR-Intervention zum Nachteil Argentiniens – kein anderes Team kann das von sich behaupten. Gleichzeitig profitierte die Albiceleste 6,7-mal vom VAR, mindestens 55 Prozent häufiger als Spanien und mehr als doppelt so oft wie Frankreich.

 

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Zum Schluss noch eine Beobachtung, die vielleicht mehr aussagt als jede Statistik: Denken Sie an die Reaktionen unserer Spieler am Sonntag auf dem Platz. Und versuchen Sie sich anschliessend an nur eine einzige Situation zu erinnern, in der Spieler der Nati ähnlich fassungslos oder derart vehement gegen Schiedsrichterentscheidungen protestiert haben. Sie werden keine finden. Unsere Nationalmannschaft hat zwar nie einen grossen Titel gewonnen, sich aber stets durch Fairness, Respekt und sportliches Verhalten ausgezeichnet. Dass selbst eine Mannschaft mit diesem Ruf angesichts der offensichtlichen Bevorzugung Argentiniens derart die Beherrschung verliert, ist womöglich das deutlichste Indiz von allen.

 

Patrick Y. Fischer sagt: Nein

Natürlich: Die Gerüchteküche brodelt schnell heftig, wenn ein Favorit wie Argentinien gleich zweimal in Folge ohne viel spielerischen Glanz - dafür mit umso mehr kontroversen Entscheidungen - ein WM-Halbfinale erreicht. Gerade, wenn die eigene Nation dabei noch zu den vermeintlich benachteiligten Teams gehört. Wer jedoch die Emotionen beiseiteschiebt und die nackten Fakten analysiert, merkt schnell: Die Argentinier werden von den Referees nicht mehr oder weniger bevorteilt als andere grosse Fussball-Nationen wie Frankreich, England oder Spanien. Fehlentscheidungen und glückliche Momente gehören schlichtweg zum Spiel – trotz oder gerade wegen des VAR.

Ein Blick auf die aktuellen Statistiken von FIFA.com und foxsports.com untermauert diese Sichtweise im Halbfinal-Vergleich. Die Engländer beispielsweise führen die Statistik mit noch mehr begangenen Fouls an. Während Spanien und Frankreich statistisch etwas weniger Foulspiele aufweisen, bewegt sich Argentinien in einem absolut turniertypischen Rahmen. Natürlich kann man diese offiziellen Zahlen anzweifeln und der FIFA unterstellen, sie stecke mit den Südamerikanern unter einer Decke. Doch wer das tut, tendiert vermutlich auch dazu, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen.

Es war schliesslich nicht die Schuld der Argentinier, dass sich die Schweiz im Viertelfinale vom Samstag durch eine völlig unnötige Schwalbe von Breel Embolo und der daraus (zu Recht) resultierenden gelb-roten Karte selbst entscheidend schwächte.  Dass die Regel neu und der Nati möglicherweise nicht im Detail bekannt war? Nicht Argentiniens Problem. Genauso wenig können Spieler wie Cristian Romero oder Alexis Mac Allister etwas dafür, dass Ägypten im Achtelfinale einen komfortablen 2:0-Vorsprung in der Schlussviertelstunde noch komplett aus der Hand gab. Das ist kein Schiedsrichter-Bonus, sondern schlicht fehlende Spielintelligenz oder Qualität beim Gegner.  

Zudem: Jedes Team, das sich heute benachteiligt fühlt, hat gestern schon von Fehlern profitiert. Oder haben wir etwa schon vergessen, dass das Schweizer 1:0 gegen Katar sehr wahrscheinlich nur deshalb Bestand hatte, weil der Unparteiische eine vermutete Abseitsposition auf dem Platz nicht ahndete und die versagende Technik im Anschluss eine klare Beweisführung verunmöglichte?

So haben denn nicht nur die Argentinier, sondern auch schon andere Grossmächte im Verlauf des Turniers von vergleichbaren (wenn nicht gar noch absurderen) Szenen profitiert. England, zum Beispiel, dessen Partie gegen Norwegen gleich zwei Mal von «favoritenfreundlichen» Entscheiden des Schiedsrichtergespanns geprägt wurde. Oder auch Deutschland, an dessen irreguläres 1:0 gegen Ekuador (hohes Bein) sich nur deshalb niemand mehr erinnert, weil sich unser Nachbar trotz diesem Vorteil noch vor den Achtelfinals die Butter vom Brot nehmen liess.

Ich für meinen Teil bleibe deshalb bei meiner Meinung, dass Argentinien bislang nicht der grosse, einzige Liebling der FIFA und ihrer Schiedsrichter ist. Wenn Gegner der Albiceleste jedoch die Möglichkeit anbieten, einen Vorteil aus einer Situation zu ziehen, sind Lionel Messi und Co. ganz einfach sehr gut darin, diesen eiskalt zu nutzen. Auch wenn sie sich dabei manchmal bewusst in den Graubereichen des reglementarisch Erlaubten bewegen.

 

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