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Müssen wir uns vor Vladimir Petkovic fürchten? Zwei Meinungen

Am frühen Freitagmorgen trifft die Schweiz im WM-Sechzehntelfinal auf Algerien und Ex-Nationaltrainer Vladimir Petkovic. Der gebürtige Bosnier stand von September 2014 bis Juli 2021 erfolgreich an der Nati-Seitenlinie und kennt die Schweizer so gut wie nur wenige. Wird ihr «Ex» der Nati zum Verhängnis? Unsere Redaktoren Andy Maschek und Patrick Y. Fischer sind unterschiedlicher Meinung.

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Ex-Nati-Coach Vladimir Petkovic fordert mit Algerien die Schweiz. © AP Photo/Eakin Howard

Andy Maschek sagt: Ja

Die Zahlen sind beeindruckend: In 78 Länderspielen der Schweizer Nationalmannschaft stand Vladimir Petkovic zwischen 2014 und 2021 an der Seitenlinie. Damit ist er unser Rekord-Nationaltrainer. 2552 Tage dauerte seine Amtszeit, im Durchschnitt gewann er 1,79 Punkte pro Spiel. Zum Vergleich: Sein Nachfolger Murat Yakin ist seit August 2021 im Amt, hat 62 Spiele bestritten und im Schnitt 1,65 Punkte gewonnen.

Ganz klar: Petkovic und Yakin waren beziehungsweise sind im Schweizer Nationalteam in der Neuzeit zwei prägende Figuren, ebenso wie zuvor Ottmar Hitzfeld und Köbi Kuhn. Sie haben mit der Nati Erfolge gefeiert und waren an grossen Turnieren dabei – umso brisanter wird nun das Direktduell am frühen Freitagmorgen, wenn Petkovic mit Algerien seinen Nachfolger Yakin und sein ehemaliges Team aus dem Turnier werfen will.

Auf dem Papier gehen die Schweizer als Favoriten in dieses K.o.-Duell. Die Nati belegt in der Weltrangliste Rang 16, Algerien liegt auf dem 29. Platz. Das Kader der Schweiz verfügt über einen Gesamtwert von 332 Millionen Euro, jenes der Algerier wird mit 257 Millionen beziffert. Die Schweiz wurde in der Vorrunde Gruppensieger, der Gegner kassierte zuerst eine 0:3-Niederlage gegen Argentinien, siegte dann gegen Jordanien knapp (2:1) und spielte zum Abschluss in einem spektakulären und geschichtsträchtigen Spiel gegen Österreich 3:3.

Und doch muss sich die Schweiz in Acht nehmen und speziell Vladimir Petkovic fürchten. Er kennt das Schweizer Team so gut wie kaum ein anderer Trainer. Ein Grossteil der Nati-Spieler war noch unter ihm aktiv, darunter die Führungsspieler wie Granit Xhaka, Manuel Akanji, Remo Freuler, Ricardo Rodriguez und Breel Embolo, aber auch andere. Petkovic weiss, wie sie mit Druck umgehen, wer Verantwortung übernimmt und wo die Stärken und Schwächen liegen. Dieses Insiderwissen kann speziell bei der Matchvorbereitung äusserst wertvoll sein. Und Petkovic kennt auch Murat Yakin und dessen Fussball-Philosophie, braucht diesbezüglich weniger Vorlaufzeit, um das passende Konzept zu finden.

Petkovic ist auch ein hervorragender Turniertrainer. Er führte die Schweiz an der EM 2016, WM 2018 und der EM 2021 in die K.o.-Phase. Der grösste Erfolg dabei war der Achtelfinalsieg 2021 im Penaltyschiessen gegen Frankreich, ehe im Viertelfinal gegen Spanien das Out ebenfalls im Elfmeterschiessen kam. Das zeigt, dass es Petkovic versteht, sein Team auf ein «Do or Die-Spiel» einzustimmen. Ein Zeichen der Qualität ist auch seine Bilanz: In 32 Spielen mit Algerien hat er seit seiner Amtsübernahme im Februar 2024 im Schnitt 2,31 Punkte geholt und nur vier Niederlagen kassiert – an dieser WM gegen Argentinien, im Viertelfinal des Afrika-Cup 2025 gegen Nigeria, im Sommer 2025 in einem Test gegen Schweden und 2024 gegen Guinea.

Für Algerien ist das Duell gegen die Schweiz eine grosse Chance, um Geschichte zu schreiben. Einzig an der WM 2014 in Brasilien reichte es bislang in die K.o.-Phase, nun soll dies wieder gelingen. Petkovic lässt sein Team diszipliniert spielen. Es ist ein unangenehmer und stabiler Gegner mit gefährlichem Umschaltspiel. Und mit einem Coach, der an der Seitenlinie meist äusserst ruhig wirkt und sauber analysiert und dann im Matchplan die entscheidende Massnahme findet.

Vladimir Petkovic und sein enormes Wissen über die Nati und deren Innenleben könnten sich als Vorteil für die Algerier entpuppen. Allerdings gibt es auch einen Punkt, der den Schweizer Fans viel Mut macht: Fünfmal hat Petkovic als Trainer von YB und Sion gegen Murat Yakin während dessen Zeit bei Thun und Luzern gespielt – und noch nie gewonnen. Es ist eine Serie, die gerne weiter andauern darf.

Patrick Fischer sagt: Nein

Müssen wir das Duell mit unserem ehemaligen Nationalcoach Vladimir Petkovic fürchten? Auf diese Frage habe ich eine klare Antwort. Nein. Ein Blick zurück auf seine sieben Jahre bei der Nati und seine Zeit bei den BSC Young Boys liefert dafür ausreichend Argumente.

Petkovic ist ohne Zweifel ein Fachmann, der Mannschaften spielerisch und strategisch weiterentwickelt. Er hat der Schweiz ein neues, dominantes Selbstverständnis eingehaucht und YB einst zu einer Tormaschine geformt. Doch seine grosse Schwachstelle blieb stets dieselbe: Sobald die ganz grossen Momente anstanden – die Alles-oder-Nichts-Spiele in einem Finale oder in einer K.o.-Phase – verliessen ihn und seine Teams der Mut. Anstatt ihr Potenzial auszuschöpfen, agierten seine Teams in den entscheidenden Partien oft blockiert, irgendwie gehemmt und taktisch übervorsichtig. Das leblose Ausscheiden im WM-Achtelfinal 2018, der Penalty-Frust gegen Polen 2016  oder die dramatisch verspielten Meisterschaften mit YB dürften noch heute beim einen oder anderen Fan für Albträume sorgen. Dass ihm zum Abschluss seiner Zeit mit der Schweiz an der EM 2021 gegen Frankreich ein einziges Mal ein grosser Wurf gelang, ändert daran nur wenig. Angesichts der fast schon magischen Ereignisse an jenem denkwürdigen Abend in Bukarest, war jenes Spiel viel eher die klassische Ausnahme, als die dazugehörende Regel.

Vergleichbare Parallelen zeigen sich nun auch bei seiner aktuellen Station in Algerien. Petkovic führt die «Wüstenfüchse» zwar souverän zur WM, in Nordamerika hinterlässt die von Riyad Mahrez und Aissa Mandi angeführte Mannschaft bislang jedoch einen zwiespältigen Eindruck. Nach einer klaren Pleite gegen Argentinien folgte ein Zittersieg gegen Jordanien und ein aufgrund der speziellen Ausgangslage schwierig einzuordnendes 3:3 gegen Österreich. Immerhin: Petkovics Team hat sich für die K.o.-Phase qualifiziert und geht dort sicher nicht chancenlos in die Partie gegen die Schweiz. Beim 0:2 gegen Nigeria im Viertelfinale des Afrika Cups im Januar blieben der Trainer und seine Mannschaft aber schon einmal in einem wichtigen Moment Vieles schuldig.  

Deshalb glaube ich auch nicht, dass die Tatsache, dass Petkovic das Schweizer Team sehr gut kennt, dieses speziell beunruhigen wird. Schliesslich beruht dieser «Vorteil»“ ja auf Gegenseitigkeit. Es ist auf alle Fälle nicht zu erwarten, dass der mittlerweile 62-Jährige seine langjährigen Spieler mit taktischen Kniffen oder neuen Denkmustern überraschen können wird. Dazu sind beiden Seiten zu oft gemeinsam in wichtige Spiele gezogen.

Sollte die Schweiz am Freitag dennoch ausscheiden, wird es nicht an Petkovics Genialität liegen. Viel eher wird es so sein, dass es die Nati selbst nicht geschafft hat, ihr maximales Potenzial abzurufen – ein Problem, das man in der Schweiz ehrlicherweise nicht erst seit der späten Petkovic-Ära kennt und das gerade an dieser WM in jedem Spiel zumindest zwischenzeitlich augenscheinlich wurde. Deshalb ist für mich klar: Die Schweiz und Murat Yakin haben am Freitag viel in der eigenen Hand. Bleibt zu hoffen, dass sie sich darob nicht dazu verleiten lassen, sich beim Gedanken an den «Ex» selbst aus dem Tritt zu bringen.

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