Titelkandidat Portugal – dank oder trotz Cristiano Ronaldo? Zwei Meinungen:
Heute geht die Fussball-WM endlich los. Als Mitfavorit am Start: Portugal, auch 20 Jahre nach Cristiano Ronaldos WM-Debüt noch auf der Jagd nach dem ersten WM-Titel. Doch ist der 41-Jährige für sein Team mittlerweile nicht eher Klotz am Bein, als Schlüssel zum Triumph? Unsere Redaktoren Andy Maschek und Patrick Y. Fischer sind sich nicht einig.
Patrick Y. Fischer sagt: Mit «Ronaldo oder nichts» patzt Portugal erneut
Cristiano Ronaldo, kurz und markentechnisch relevant CR7. Fünffacher FIFA Weltfussballer, Europameister, fünffacher Champions-League-Sieger oder ganz einfach der grösste portugiesische Sportler aller Zeiten. Und doch ist da diese eine Lücke im Palmarès des Mannes aus Funchal, deren Schliessung nicht nur ihn selbst, sondern das gesamte – ihn nahezu geschlossen verehrende portugiesische Volk – in einen kollektiven Freudentaumel stürzen würde: Der WM-Titel, der dieser kleinen grossen Fussball-Nation bislang stets verwehrt blieb.
Ab heute bittet sich wieder einmal die Chance, diese Lücke zu schliessen. Das Problem: Ronaldo ist bereits 41 Jahre alt und verdient seine Brötchen mittlerweile seit dreieinhalb Jahren weitab von den grossen europäischen Top-Ligen und Wettbewerben. Natürlich ist er topfit, verfügt über ausreichend Spielpraxis (30 Ligaspiele) und hat auch seinen Torinstinkt (28 Treffer) nicht verloren – zumindest soweit die Saudi Pro League eine solche Beurteilung zulässt. Allerdings scheint «Father Time» zumindest an den grossen Turnieren auch vor dem portugiesischen Superstar nicht halt zu machen. Seine ernüchternde Bilanz aus den letzten zehn WM- und EM-Spielen in Katar und Deutschland: ein Tor.
Und trotzdem hat sich Nationaltrainer Roberto Martinez bei seinem Amtsantritt im Januar 2023 dazu entschieden, noch einmal alles auf den damals bereits 37-Jährigen zu setzen. Im Bewusstsein, um dessen altersbedingte Limiten (Speed, Lauffähigkeit). Im Wissen (oder war es Ehrfurcht?), um Ronaldos Standing. Und im Glauben an seine Stärken (in der Box). Bislang mit ordentlichen Resultaten (13 Tore in 16 Spielen seit der EM 2024). Aber ist «ordentlich» für Portugal gut genug?
Denn eines ist vor dem Anpfiff in Ronaldos sechste WM glasklar: Diese Portugiesen haben auf fast allen Positionen das Zeug, um sich am Turnierende den grossen Traum erfüllen zu können. Im Tor und in der Verteidigung. Im herausragend besetzten Mittelfeld um Vitinha und Bruno Fernandes. Und im Angriff, um die launischen, aber jederzeit gefährlichen Bernardo Silva, Pedro Neto, Rafael Leao und Fernando Conceicao.
Was sie offensichtlich nicht haben: Den Mut, CR7 in der Startformation zu ersetzen, ihm eine weniger zentrale Rolle zu geben oder ihm zumindest grössere Verschnaufpausen zu «gönnen». Und das, obwohl mit Goncalo Ramos eine in der Schweiz bestens bekannte Alternative fürs Sturmzentrum bereit stünde, die zudem grössere taktische Flexibilität und Unberechenbarkeit mit sich bringen würde.
Stattdessen werden Martinez und die Portugiesen wohl auch in diesem Turnier darauf hoffen, dass es der Mix aus Ronaldos Abschlussqualitäten und der grossen spielerischen Klasse seiner Mitspieler am Ende irgendwie richten wird. Ein Plan, der von gut vorbereiteten Gegnern wie Slowenien oder Frankreich bereits an der letzten EM unterbunden wurde. Vielleicht müssen sich die Portugiesen deshalb einfach noch einmal daran erinnern, wie sie eigentlich 2016 zu ihrem grössten Erfolg (EM-Titel) gekommen sind. Schon damals mussten sie im Endspiel während fast 100 Minuten auf ihren grössten Star verzichten…
Andy Maschek sagt: CR7 ist der wichtige Ansporn
Dass Cristiano Ronaldo zu den weltbesten Fussballern aller Zeiten gehört, ist unbestritten. Ebenso einleuchtend ist, dass er ein Kandidat für den Titel des GOAT ist, auch wenn diese unter Fussballfans oft und kontrovers diskutierte Frage nicht abschliessend beantwortet werden kann. Klar ist aber: Im Vergleich mit Pelé, Maradona, Zinédine Zidane und Lionel Messi fehlt Ronaldo der ultimative Erfolg: der WM-Titel.
In diesem Jahr bestreitet CR7 nun bereits seine sechste WM und hat dabei seine letzte Chance, diese ebenso ärgerliche wie schmerzhafte Lücke zu füllen. Es ist der letzte Makel in seiner Karriere, denn nach wie vor steht er als «Unvollendeter» da. Kann der Portugiese im Abendrot seiner glorreichen Karriere diesen Coup landen? Die Meinungen gehen auseinander.
Natürlich, Ronaldo kann viel – aber die Uhr kann selbst er nicht ausdribbeln. Der Zahn der Zeit nagt auch an ihm und auch wenn er mit seinem Körperkult alles für die Fitness tut, nimmt seine Leistungsfähigkeit ab. Vielleicht teilweise nur schleichend, aber unaufhaltbar. So weit, so gut. Aber das heisst nicht, dass die Portugiesen mit Ronaldo nicht Weltmeister werden können, auch wenn die Kritiker des Superstars im letzten Testspiel zusätzliche Argumente bekamen. CR7 vergab beim 2:1-Sieg gegen Nigeria mehrere Chancen und blieb torlos. Seinen letzten Treffer im Nationalteam erzielte er am 14. Oktober 2025 gegen Ungarn, seither blieb er in drei Partien ohne Torerfolg.
Ronaldo deswegen abzuschreiben wäre aber ein grosser Fehler. Denn es gibt durchaus Argumente, weshalb die Portugiesen mit ihm den WM-Titel gewinnen können. Die Mannschaft ist auf allen Positionen hochklassig besetzt und verfügt über eine gute Mischung aus Jugend und Routine. Dazu kommt Ronaldo, der mit seinem fast pathologischen Ehrgeiz als gutes Vorbild vorangeht und zeigt, was es braucht, um Erfolge zu feiern. Er ist auch als fussballerischer «Bald-Rentner» immer noch eine Lichtgestalt – nicht nur, aber vor allem auch in Portugal.
Ein gewichtiges Argument für seine nach wie vor grosse Bedeutung für den Erfolg seines Teams ist, dass die Portugiesen im Gegensatz zu den letzten Turnieren nicht mehr so stark von ihm abhängig sind. Im Team stehen weitere Leistungsträger, die gerade auch in der Offensive Kreativität einbringen können, so dass sich Ronaldo darauf konzentrieren kann, was er am liebsten macht: Tore schiessen.
Früher konnte man Portugal kurz und knapp mit «Ronaldo plus zehn andere Spieler» zusammenfassen, heute ist es ein komplettes Spitzenteam – mit Ronaldo, der in entscheidenden Momenten liefern kann. Oder anders gesagt: Portugal muss nicht Weltmeister werden, weil Ronaldo dabei ist – sondern Ronaldo kann Weltmeister werden, weil die Mannschaft stärker ist als je zuvor.
Zudem wird jedes Teammitglied alles dafür tun, damit der Captain die letzte noch fehlende Trophäe in die Höhe stemmen kann. Was solche emotionalen Faktoren bewirken können, hat sich zuletzt im Schweizer Eishockey gezeigt, als Gottéron auch für Julien Sprunger und Reto Berra alles dafür tat, um erstmals Meister zu werden – und schlussendlich den Fluch der Titellosigkeit besiegte. Warum soll das nun den Portugiesen und Ronaldo nicht gelingen?