Viel Geld, wenig Begeisterung – die WM verliert ihre Magie
48 Länder, 104 Partien, 1248 Spieler: Die Fussball-WM 2026 ist die grösste aller Zeiten. Doch für Begeisterungsstürme sorgt dieser Gigantismus bislang definitiv nicht.
Der Ball und der Rubel rollen an dieser WM. Spiel um Spiel geht über die Bühne und flimmert über den Bildschirm. Die Werbeeinnahmen fliessen wie nie zuvor. Doch von einem grossen Fest ist nichts zu spüren. Wo nur ist die WM-Euphorie, die einen sonst erfasst? Und wird sie überhaupt noch kommen? Es ist zu bezweifeln!
Mannschaften wie Curaçao, Haiti, Katar, Usbekistan oder Kap Verde sind Farbtupfer und sorgen für eine attraktive Note. Aber ihre Teilnahme ist nicht so bereichernd, wie wenn man als TV-Konsument bei der Tour de Suisse oder der Tour de France während eines Nachmittags viel über Land, Leute und Kultur erfährt. Die Radprofis sind dann auch das Vehikel für diese Bildungs- oder Unterhaltungsreise.
An der Fussball-WM will der TV-Zuschauer aber hochklassigen Sport und zaubernde Stars sehen. Die kämpfenden Underdogs sind eine nette Zutat, und die WM-Teilnahme ist für sie selber historisch. Doch sie locken niemanden vor die Kiste. Klar, mit Kap-Verde-Goalie Vozinha wurde eine grosse Figur geboren. Seine Leistung gegen Spanien war heldenhaft und durch die Unterstützung eines brasilianischen Fernsehsenders ist seine Zahl an Followern auf Instagram förmlich explodiert. Doch jetzt, wo die erste Runde der Gruppenphase fast abgeschlossen ist, kann man in einer Zwischenbilanz getrost sagen: Einen bleibenden Eindruck haben die Exoten nicht hinterlassen.
Komplizierte Rechenspiele
Immerhin, die befürchtete Flut an völlig einseitigen Spielen ist bislang ausgeblieben. Es gab zwar dieses 7:1 der Deutschen gegen Curaçao, aber auch Überraschungen wie das 1:1 der Schweiz gegen Katar oder die Nullnummer von Spanien gegen Kap Verde. Aber durch seine Grösse und die Vielzahl an Spielen ist das Turnier auch unübersichtlich geworden. Der Modus mit zwölf Gruppen, bei dem jeweils die Ersten und Zweiten sowie die acht besten Gruppendritten die Sechzehntelfinals erreichen, sorgt für komplizierte und unnötige Rechenspiele.
Mit insgesamt 104 Spielen wird das Turnier in die Länge gezogen. Viele Spiele finden aus mitteleuropäischer Sicht mitten in der Nacht statt – das erschwert den sonst schon nicht einfachen Überblick zusätzlich. Wer den möglichen Turnierweg seines persönlichen Favoriten analysieren will, muss bei diesem Modus schon fast eine Dissertation schreiben.
Globaler, aber nicht spannender
Die WM mit 48 statt 32 Nationen macht den Fussball wohl globaler, aber nicht spannender. Nicht alle Teams verfügen über das Niveau, das für eine Endrunde eigentlich angemessen ist. Ausrutscher in der Gruppenphase verlieren an Bedeutung, was der Spannung schadet. Mit 48 Teilnehmern verliert die WM auch an Exklusivität. Bis anhin war die Qualifikation für eine WM-Endrunde eine enorme Leistung, eine Art Gütesiegel für den jeweiligen Fussball. Wenn mittlerweile fast jede vierte FIFA-Nation an der Endrunde teilnehmen darf, droht die Gefahr, zu einem verwässerten «Jekami-Event» zu werden.
Ganz klar, die FIFA verdient mit dieser gigantischen WM und den damit verbundenen TV-Rechten und Einnahmen viel mehr. Aus wirtschaftlicher Sicht macht das Sinn. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass es ein Bumerang wird und der Fussball am Ende als Verlierer da steht. Der Klubfussball wird weiterhin die Massen in die Stadien locken und die Fans vor dem Fernseher begeistern. Aber wie sieht es mit den Spielen der Nationalmannschaften aus? Wenn die Spannung sinkt, sinken automatisch auch die Bedeutung und die Strahlkraft. Es ist eine Negativspirale.
Die WM war über Jahre hinweg das Turnier der besten 32 Mannschaften und hatte einen Modus, der sich bewährt hat. Mit der künstlichen Aufblähung geht nun aber die Identität des Wettbewerbes verloren. Dass immer mal wieder ein eigentlicher Gigant in der Qualifikation scheitert – man denke an Italien – sorgt für einen gewissen Reiz. Und so klingen die Worte von FIFA-Präsident Gianni Infantino, der vor dem WM-Auftakt bereits über eine Aufstockung auf 64 Teams sinnierte, nicht wie ein schlechter Witz. Sondern wie eine Drohung.