Soll Noah Okafor noch einmal eine Chance bekommen? Zwei Meinungen
Wenn die Schweizer Nati in den nächsten Tagen versucht, sich das direkte WM-Ticket zu sichern, ist er erneut nicht dabei: Noah Okafor, ehemals grösste Schweizer Sturmhoffnung. Der Baselbieter hat sich in den letzten zwei Jahren aus der Equipe von Trainer Murat Yakin manövriert, der sich trotzdem um eine Re-Integration des Leeds-Angreifers bemühen sollte – oder doch nicht? Unsere Redaktoren Patrick Y. Fischer und Andy Maschek sind unterschiedlicher Meinung.
Patrick Y. Fischer sagt: Ja
Vergangene Woche gab es wieder einmal News von Noah Okafor, um den es in den letzten beiden Jahren ziemlich ruhig geworden war. Seit seinem Wechsel von Salzburg zur AC Milan im Sommer 2023 verschwand der ehemalige FCB-Junior Schritt für Schritt von der grossen sportlichen Bühne, die einst wie gemacht für ihn schien. Damals, als der Jungstürmer mit Salzburg in der Champions League für Furore sorgte (sechs Tore in zwölf Spielen) und den herbstlichen Höhenflug der Nati an die WM in Katar mit einem Tor (gegen BGR) und einem Assist (gegen ITA) entscheidend mitprägte.
Doch seit jenen Tagen ist eine Menge Wasser den Rhein herunter geflossen und Okafor ist es nicht gelungen, das damals abgegebene Versprechen einzulösen. Mehr noch: Mit fragwürdigen Entscheidungen hat sich der mittlerweile 25-jährige ins Abseits manövriert und sich den Ruf erworben, ein schwieriger Charakter zu sein, der seine Interessen nicht selten vor die Gruppe stellt. Und genau diesen Vorwurf muss sich der aktuelle EPL-Legionär auch jetzt gefallen lassen, nach dem er vergangene Woche der Online-Plattform «The Athletic» jenes Interview gab, dass seitdem die Schlagzeilen rund um die Nationalmannschaft dominiert.
Klar ist: Schlechter hätte Okafors Timing in dieser Angelegenheit nicht sein können. Und es ist durchaus verständlich, dass sich der Stürmer damit in den Augen der Nati-Verantwortlichen weiter ins Abseits manövriert hat. Doch eine Sache ist ebenso klar: Es kann nicht im Interesse des Schweizer Fussballs sein, dass im «Fall Okafor» offenbar keine der Parteien dazu bereit ist, über den eigenen Schatten zu springen. Immerhin ist der Linksaussen eine von aktuell nur zwei gesunden Schweizer Offensivkräften, die in der besten Liga der Welt Woche für Woche zum Einsatz kommt.
Aktuell steht der Balser bei Leeds United (wo Nati-Verteidiger Isaac Schmidt letztes Jahr ganze 71 Minuten zum Einsatz kam) bei 604 Einsatzminuten und zwei Toren in neun Spielen und gehört beim Aufsteiger zum offensiven Stamm. Wenn man will, könnte man also sagen: Sportlich hat der Baselbieter nach enttäuschenden Spielzeiten bei Milan und Napoli signalisiert, wieder für höhere Weihen bereit zu sein. Nur scheint das bei Murat Yakin und seinem Vorgesetzten Pierluigi Tami bislang nicht wirklich angekommen zu sein. Natürlich hat Letzterer Recht, wenn er den Stürmer im Nachgang zum Athletic-Interview dazu ermahnt, «geduldig zu sein und Demut zu zeigen», doch die Frage sei erlaubt: Wann haben Tami oder Yakin dies Okafor gegenüber zuletzt (und direkt) kommuniziert und ihm seine Perspektiven aufgezeigt? Wenn man den Zeilen in «The Athletic» glauben darf, nicht innerhalb der letzten zwölf Monate.
Kein feiner Zug der aktuellen Nati-Führung, die nicht zum ersten Mal den Eindruck erweckt, dass die Kommunikation mit Spielern, die aktuell noch eher der zweiten Reihe zuzuordnen sind, keine hohe Priorität geniesst. Die Einen wählen dann die nächstbeste sportliche Alternative, die anderen den frustrierten Gang an die Öffentlichkeit, auch, weil sie möglicherweise schlecht beraten sind. Allen gemeinsam ist am Schluss, dass sie künftig in der Nationalmannschaft keine Rolle mehr spielen werden, was zumindest beim Blick auf Okafors sportliches Potential sehr schade wäre. So schade, dass sich das der Schweizer Fussball eigentlich gar nicht leisten kann. Auch deshalb zähle ich auf Tami und Yakin und ihre Bereitschaft, in absehbarer Zukunft noch einmal einen Schritt auf Noah Okafor zuzugehen.
Andy Maschek sagt: Nein
«No one is bigger than the team» – es ist das Motto der Schweizer Eishockey-Nati. Der Teamgedanke steht über allem, auch die Superstars aus der NHL tragen dieses Gedankengut und das «Team first»-Credo mit. Irgendwelche Absagen für die Nati werden nicht akzeptiert, Rosinenpicken ist nicht erlaubt. Früher wurden schon Spieler wie Denis Malgin oder Dean Kukan nicht für eine WM aufgeboten, aktuell ist Lian Bichsel betroffen. Der Verteidiger hat zwei Mal für eine U20-WM abgesagt und wird nun von Nationalcoach Patrick Fischer weder für Olympia 2026, noch für die Heim-WM im kommenden Jahr aufgeboten. Und dies, obwohl der Solothurner trotz seiner erst 21 Jahre bereits 72 NHL-Spiele absolviert hat und für die Nati definitiv eine Verstärkung wäre.
Die Konsequenz der Schweizer zinst in Teamgeist und Erfolgen, die Hockey-Nati hat als verschworene Gemeinschaft zuletzt zweimal in Folge WM-Silber gewonnen und stellt eine Mannschaft, die an jedem Grossanlass zu den Medaillenanwärtern gehört. Auch ohne Lian Bichsel, für den dann nach der WM 2026 die Nati-Türe wieder offen steht.
Auch die Schweizer Fussballer müssen eine verschworene Gruppe sein, wenn sie grosse Erfolge feiern wollen. Gerade bei der Leistungsdichte im Weltfussball kann ein weicher Faktor wie der Teamgedanke das entscheidende Puzzleteil sein. Deshalb wäre es richtig und wichtig, wenn die Nati-Führung um Coach Murat Yakin ein Zeichen setzen und Noah Okafor vorderhand nicht mehr aufbieten, ja nicht einmal in den erweiterten Kreis aufnehmen würde. Denn Noah Okafor hat in den letzten Jahren alles andere als Teamgeist vorgelebt.
Wie er sich kleidet und wie er zu einer möglichen Vertragsunterschrift reist – man denke an Red Bull-Leipzig und die Schlagzeilen wegen des so genannten Protz-Auftritts mit den Luis Vuitton-Taschen und -Jacken – ist seine Sache und darf nicht massgeblich und kein Faktor sein. Dass vor der EM seine Trainingsleistungen nicht zufriedenstellend waren und er Unlust demonstrierte, ist ein anderes Thema. Dass er jetzt, in der Phase, in der die Schweiz kurz davor steht, das WM-Ticket zu lösen, mit seinem Frust an die Öffentlichkeit geht, statt direkt das Gespräch mit Murat Yakin zu suchen, ist ein kapitaler Fehler, der ihn noch lange verfolgen wird. Wenn der Trainer jemanden nur als Ergänzungsspieler einstuft, sollte das der Ansporn sein, hart zu arbeiten und sich zu verbessern. Sich zu beklagen, vor allem in der Öffentlichkeit, sorgt dagegen für ein miserables Bild. Und lässt den Schluss zu, dass man sich selber wichtiger nimmt als die Gemeinschaft.
Noah Okafor hat sich mit seinen Aussagen in «The Athletic» verbal verdribbelt und ins Offside geredet. Für die WM 2026 wird und soll er kein Thema sein, selbst wenn die Schweiz sich in einem akuten Sturmtiefe befinden würde. Okafor verfügt zweifellos über das Talent, um auf der grossen Bühne zu glänzen und in der Offensive der Schweizer Fussball-Nati ein wichtiger Faktor zu sein. Doch im Moment braucht er nun eine Zwangs- und Denkpause, um auf den richtigen Weg zurückzufinden, eine grosse Portion Demut zu tanken. Danach wird er irgendwann auch den Weg zurück ins Nationalteam finden, bei Murat Yakin oder einem anderen Trainer. Denn im Endeffekt ist der Spitzensport ein schnelllebiges Geschäft und müssen Fehler erlaubt sein und verziehen werden. Aber nicht von heute auf morgen.