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Volltreffer oder Rohrkrepierer: Unsere Meinung zu den acht neuen FIFA-Regeln

Patrick

Mittlerweile sind sie knapp zwei Wochen alt: Die acht neuen Regeln, welche die FIFA gemeinsam mit dem IFAB (International Football Association Board) pünktlich zum Start der Fussball-WM 2026 verabschiedet haben. Oberstes Ziel des umfangreichen Regelpakets: Das Spiel schneller, flüssiger und auch fairer zu machen. Hat das bislang funktioniert? Wir werfen einen Blick auf die ersten Erfahrungen mit den neuen Spielvorschriften.

IMAGO_Sportswire_So hab ich gemacht_Miguel Almiron Paragguy nach seiner roten Karte vs Türkei
"So habe ich gemacht": Paraguays Miguel Almiron erklärt einem Betreuer seinen Platzerverweise aufgrund der neuen FIFA-Regel © IMAGO / Sportswire

Regel #1: Das Hand-vor-den-Mund-Verbot (Rote Karte)

Wer in einer konfrontativen Situation mit dem Gegner spricht und dabei den eigenen Mund mit der Hand bedeckt, kann neu direkt Rot sehen. Mit dieser auch als „Lex Prestianni“ bekannten Regelung möchte die FIFA versteckte Beleidigungen und rassistische Äusserungen - wie sie z.B. der argentinische Benfica-Legionär im diesjährigen CL-Playoff mutmasslich an Reals Vinicius Jr. richtete - unterbinden. An der WM kam diese Regel bislang einmal zum Einsatz: Im Vorrundenspiel gegen die Türkei wurde Paraguays Miguel Almiron nach einer Konfrontation mit Mert Müldür für das beschriebene Vergehen direkt vom Platz gestellt.

Unsere Meinung: Regelungen im Sinne des Fairplay sind im Grundsatz immer zu begrüssen. In diesem Fall fischt die FIFA aber in ziemlich trüben Gewässern, da die Interpretation einer „konfrontativen Situation“ kein einfacher Schwarz-Weiss-Entscheid ist. Trotzdem wird ein Vergehen direkt mit maximaler Härte bestraft. Warum beim ersten Mal nicht einfach Gelb zeigen?

 

Regel #2: Der 10-Sekunden-Wechsel-Countdown

Mit dieser neuen Regel hat der Spielerwechsel ganz viel von seiner spielverschleppenden Wirkung verloren. Wird ein Spieler neu nämlich ausgewechselt, tickt sofort auch die Uhr. Spätestens zehn Sekunden später muss er den Platz verlassen haben, wenn er nicht riskieren möchte, dass seine Teamkollegen im Anschluss mindestens eine Spielminute (oder bis zum nächsten Spielunterbruch, allenfalls also auch länger) in Unterzahl spielen möchten.

Unsere Meinung: Eine wunderbare Regel für alle Fans des Spiels, sie muss allerdings auch konsequent umgesetzt werden, um ihren „Schrecken“ nicht zu verlieren. Bislang klappt das gut, die Zeiten der sich ewig in die Länge ziehenden Auswechslungen sind zumindest vorderhand vorbei.

 

Regel #3: Nur noch fünf Sekunden für Einwürfe und Abstösse

Auch mit dieser Regel soll der Spielfluss geschützt werden. Bei einer sich anbahnenden Verzögerung kann der Referee einen visuellen 5-Sekunden-Countdown starten. Verstreicht die Zeit, wechselt beim Einwurf neu der Ballbesitz, während der Gegner beim Abstoss sogar eine Ecke treten darf. Gerade in der Schlussphase eines Spiels eine Horrorszenario für Teams, welche das Resultat nur noch irgendwie über die Zeit „schaukeln“ wollen.

Unsere Meinung: Wie bereits bei der neuen Wechsel-Regelung steht und fällt auch die Effektivität dieser Neuerung mit der strikten Umsetzung durch die Schiedsrichter. Bislang klappt das gut, und der Spielfluss profitiert enorm. Bis zur ersten Kontroverse, dürfte es allerdings nicht mehr allzu lange dauern. Spätestens nach dem ersten Gegentor durch einen fürs Zeitspiel erhaltenen Eckball wird das Gejammer auf Seiten des betroffenen Teams gross sein.

 

Regel #4 Die Zwangspause nach medizinischer Behandlung

Auf dem Papier liest sich diese Regel erst einmal ziemlich krass: Jeder Feldspieler, der auf dem Platz medizinisch versorgt wird, muss das Feld im Anschluss für ein Minute verlassen, ehe er wieder mittun darf. Ganz so eindeutig wird Regel dann aber nicht angewandt, gibt es doch verschiedene Ausnahmesituationen. So kommt die Regel bei Torhütern nach einem Zusammenstoss mit Spielern ebenso nicht zur Anwendung, wie bei Kopfverletzungen. Ebenso ausgenommen sind Situationen, in denen zwei Spieler der gleichen Mannschaft zusammenstossen oder denen ein mit Gelb oder Rot bestraftes Foul vorangegangen ist.

Unsere Meinung: Endlich wird den im Fussball weit verbreiteten Phänomenen „sterbender Schwan“ und „Wunderheilung“ ein Riegel vorgeschoben. Konsequent angewandt, wird auch diese Regelung ihre positive Wirkung auf das Spiel nicht verfehlen. Der Fan dankt.

 

Keystone_Peter Klaunzer_Keine Verlängerung sondern Pflegestunde mit eingebautem Taktik-Talk_die neue
Nein, kein Verlängerungsszenario sondern die neue Trinkpause mit eingebautem Taktik-Talk (Keystone / Peter Klaunzer)

Regel #5: Die VAR-Intervention bei gelb-roten Karten

Auf den ersten Blick erscheint auch diese Neuregelung sinnvoll. Seit WM-Beginn darf der Video-Assistent-Referee nämlich auch bei gelben Karten eingreifen. Immer vorausgesetzt, es handelt sich dabei um die zweite Gelbe, die dann entsprechend zum Platzverweis führt. Wie lange es wohl noch dauern wird, bis diese Regel an dieser WM zum ersten Mal zur Anwendung kommt?

Unsere Meinung: Dass der VAR neu auch gelbe Karten überprüfen darf, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Natürlich bedeutet jede VAR-Intervention auch einen Spielunterbruch, dieser ist in seiner Bedeutung aber einem möglicherweise falschen Platzverweis zu unterstellen. Gleichzeitig ist die Regel praktikabel genug, da sie nur im Falle einer potentiellen zweiten Gelben zur Anwendung kommt.

 

Regel #6:  Die VAR-Korrektur bei falschen Ecken

Eckbälle, die es nie hätte geben dürfen und die nun Spiele entscheiden – ein Albtraum, je grösser und bedeutender die Bühne. An der WM soll es das nicht geben, weshalb der VAR neu in Situationen eingreifen darf, in denen der Referee fälschlicherweise auf Eckball statt Abstoss entschieden hat. Allerdings nur dann, wenn dies unverzüglich und ohne Verzögerung des Wiederanpfiffs geschieht.

Unsere Meinung: Spielfluss, Spielfluss, Spielfluss. Einer der Haupttreiber hinter den neuen FIFA-Regeln spielt auch bei dieser Regelung eine untergeordnete, eher kontraproduktive Rolle. Denn er erschwert genau den Aspekt der Fehlerkorrektur, für den die Regel eigentlich ins Leben gerufen worden ist. Teams, denen ein zweifelhafter Corner zugesprochen wurde, beeilen sich nun einfach bei dessen Ausführung. Das ist gut für den Spielfluss, aber nicht für den eigentlichen Sinn und Zweck der Regel.

 

Regel #7: Der Platzverweis beim Verlassen des Platzes aus Protest

Eine Regel, die ihren Ursprung im Finale des diesjährigen Afrika Cups hat, als Senegal das Spielfeld aus Protest gegen eine Schiedsrichterentscheidung zwischenzeitlich verliess und erst nach längerem Unterbruch zurückkehrte. Würde ähnliches an der WM passieren, hätte das gemäss der neuen Regelung den sofortigen Platzverweis zur Folge. So möchte die FIFA u.a. die absolute Autorität ihrer Schiedsrichter sichern.

Unsere Meinung: Kann es hier zwei Meinungen geben? Eigentlich überrascht nur, dass eine Regelung dieser Art bislang offenbar gefehlt hat.

 

Regel #8: Die neue Trinkpausen-Regel

Trinkpausen sind im Fussball nicht neu. Bei Spielen unter anspruchsvollen klimatischen Bedingungen (Hitze) wurden sie bislang regelmässig durchgeführt. Für die WM 2026 hat die FIFA die sogenannten „Hydration Breaks“ jedoch grundlegend reformiert: In jedem WM-Spiel gibt es nun pro Halbzeit eine verpflichtende, dreiminütige Trinkpause (um die 22. und 67. Spielminute herum), völlig unabhängig äusserer Einflüsse wie Klima, Stadion oder Spielort. Die verlorene Zeit wird am Ende der Halbzeit nachgespielt.

Unsere Meinung: Eine interessante Regelung mit grossem Einfluss auf den Fussball, wie wir ihn bis vor der WM kannten. Nicht unbedingt, weil sie die Spieler und Schiedsrichter auf dem Rasen noch besser schützt oder weiteres Einnahmenpotential (Werbung) verspricht. Umso mehr aber, weil sie Trainern die Möglichkeit bietet, ihren Teams während der Pause eine neue taktische Ausrichtung zu verpassen. Zumindest an dieser WM zeichnet sich ab, dass der Fussball künftig zum Spiel mit vier Vierteln werden wird.

 

Was bringt die Zukunft?

Vorderhand wendet die FIFA die acht neuen Regeln exklusiv als Turnier-Reglement an. Die Übernahme auf kontinentaler und nationaler Ebene liegt im Anschluss in den Händen der jeweiligen Verbände.

Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass sowohl die VAR-Erweiterungen als auch die diversen Zeitspielregeln in absehbarer Zukunft Teil der grossen Europäischen und Schweizer Wettbewerbe und Ligen sein werden. Organisationen wie die Swiss Football League, die Deutsche Fussball Liga und die Premier League haben bereits bestätigt, die Mehrheit der neuen Regeln bereits zum Start in die Spielzeit 2026/2027 zu implementieren.

 

 

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