Ist diese WM bereits grösste Triumph in der Geschichte des Schweizer Fussballs? Zwei Meinungen
Nach dem Sieg gegen Kolumbien steht die erstmals seit 1954 wieder an einer Fussball-WM im Viertelfinal. Ist dieses Turnier bereits jetzt unser grösster Erfolg überhaupt? Unsere Redaktoren Younes Hdk und Andy Maschek sind unterschiedlicher Meinung.
Younes Hdk sagt: Nein
Ja, diese Qualifikation ist historisch – aber wie heisst es so schön: Wahre Grösse zeigt sich erst, wenn man grosse Hürden überwindet.
Betrachtet man die Situation nüchtern, hat sich unsere Nati durch eine äusserst machbare Gruppe gespielt. Kanada war dabei der stärkste Gegner – eine Nationalmannschaft, die nicht einmal zu den Top 20 der FIFA-Weltrangliste gehört. Das ist mit früheren Turnieren kaum zu vergleichen. 2018 und 2022 wartete Brasilien, 2006 und 2014 Frankreich. Und wer erinnert sich nicht an 2010, als die Mannschaft von Ottmar Hitzfeld bereits in der Gruppenphase auf den späteren Weltmeister Spanien traf?
Auch der weitere Turnierverlauf hatte bislang wenig Glanz. Zunächst eine spielerisch limitierte algerische Mannschaft, die als einer der besten Gruppendritten weiterkam, danach ein hart erkämpfter Erfolg im Elfmeterschiessen gegen eine überalterte kolumbianische Mannschaft. Darf man sich darüber freuen? Natürlich. Muss man deshalb gleich von einer historischen Glanzleistung sprechen? Sicher nicht.
Die Grösse eines Erfolgs bemisst sich auch an den Emotionen, die er auslöst. Wer kann ehrlich behaupten, der Sieg gegen Kolumbien habe ihn mehr bewegt als der souveräne Triumph über Italien an der letzten Europameisterschaft? Und wer will ernsthaft erzählen, diese Viertelfinal-Qualifikation bedeute ihm mehr als jener unvergessliche Achtelfinal-Einzug gegen den amtierenden Weltmeister Frankreich? Nein, bei aller Anerkennung für die bislang starke WM der Mannschaft von Murat Yakin: Irgendetwas fehlt noch. Es fehlt der grosse, prestigeträchtige Gegner.
Genau diesen liefert uns das Schicksal nun am Wochenende im Viertelfinal. Sollte die Nati Messis Argentinien ausschalten, wäre das die Krönung dieser WM – der Moment, der aus einem starken Turnier einen Platz für die Geschichtsbücher macht. Ein Abend, von dem wir unseren Kindern in zehn oder zwanzig Jahren noch mit leuchtenden Augen erzählen werden.
Also Jungs, an die Arbeit! Wie Kobe Bryant sagte: "Job's not finished."
Andy Maschek sagt: Ja
Ganz nüchtern und faktenbasiert betrachtet, ist diese Viertelfinal-Teilnahme zwar ein Erfolg, aber nicht einzigartig. Schliesslich bestritt die Nati ja auch 1934, 1938 und 1954 den WM-Viertelfinal. Dazu kamen die EM-Viertelfinals 2021 und 2024, die verbunden waren mit den Achtelfinal-Coups gegen Frankreich (2021, nach Penaltyschiessen) und Italien (2024, 2:0-Sieg). Es waren zwei grossartige Erfolge, die eine ganze Nation in Ekstase versetzten. Es war aber halt doch «nur» die EM, auch wenn diese sportlich gesehen ganz sicher nicht tiefer einzuschätzen ist als eine WM.
Auch deshalb bin ich nun der Meinung: Dieser Erfolg an der WM 2026 sticht in der Geschichte unseres Fussballs heraus. Die Nati musste nicht nur eine K.o.-Runde überstehen, sondern gleich zwei. Sie hat nach dem schwachen Start gegen Katar eine Reaktion gezeigt und der Reihe nach Bosnien-Herzegowina, Kanada und Algerien einigermassen souverän besiegt und dann den Abnützungskampf gegen Kolumbien angenommen. Natürlich, wenn man im Penaltyschiessen gewinnt, ist immer auch ein wenig Glück dabei, doch das wird danach schnell ausgeblendet.
Wichtiger ist: Die Schweizer haben nicht einmal mehr eine ehrenvolle Niederlage kassiert und danach als gefeierte, aber tragische Helden die Heimreise angetreten, während der Gegner weiter ganz gross träumt. Sondern sie haben das Glück erzwungen und ihre mentale Stärke unter Beweis gestellt. Und den Widerwärtigkeiten getrotzt. Der Ausfall von Shootingstar Johan Manzambi musste ebenso wenig als Ausrede herhalten wie die Blessur von Ruben Vargas, der erst mit Verspätung eingesetzt wurde und dann am Ende der gefeierte Torschütze war.
Dies notabene, nachdem er 2021 im EM-Viertelfinal gegen Spanien mit seinem Penalty gescheitert war. Nun übernahm er wieder die Verantwortung – und hielt dem Druck stand. Es war der Lohn für einen Reifeprozess – als Spieler und als Team. Die Schweizer stehen hin und liefern. Es wird kein Gedanke ans Scheitern verschwendet.
Natürlich, die bisherigen Gegner gehörten nicht zur allerersten Güteklasse. Aber Kolumbien wurde doch als Geheimfavorit gehandelt und von den heissblütigen Fans frenetisch angetrieben. Zudem hat diese WM gezeigt, dass nicht nur in Europa oder bei den anderen Titanen aus Südamerika gut gekickt wird. Das Niveau ist in den letzten Jahren massiv gestiegen. Leichte Siege gibt es auf dieser Bühne nicht mehr, geschweige denn Kanonenfutter unter den teilnehmenden Teams.
Murat Yakin und seine Mannschaft haben an der WM 2026 Geschichte geschrieben. Dass sie enorm gewachsen sind, widerspiegelt sich auch in der Tatsache, dass Captain Granit Xhaka nach dem historischen Viertelfinaleinzug sofort klarstellte, dass man das Duell gegen den Titelverteidiger Argentinien und dessen Anführer Lionel Messi geniessen werde, der Hunger aber so gross sei wie noch nie. Und: «Wenn man noch eine grössere Geschichte schreiben kann, muss man alles dafür geben.»
Sollte die Nati am Sonntag auch Argentinien nach Hause schicken, wäre es ein weiteres eindrückliches Kapitel in dieser Erfolgsgeschichte. Und spätestens dann würde wohl niemand mehr daran zweifeln, dass es der grösste Erfolg in der Schweizer Fussballgeschichte ist. Dies zumindest bei den Erwachsenen. Denn ganz ausblenden sollten wir auch den WM-Titel der U17-Nationalmannschaft 2009 nicht, an dem unter anderem Granit Xhaka und Ricardo Rodriguez massgeblich beteiligt waren.