Ist PSG das stärkste Team der jüngeren CL-Geschichte? Zwei Meinungen
Nach Siegen gegen Manchester City und Barcelona ist klar: Der Weg zum Champions League-Sieg führt auch in diesem Jahr über Titelverteidiger Paris Saint-Germain. Aber sind die Pariser mittlerweile so stark, dass sie zurecht als bestes Team der jüngeren Geschichte bezeichnet werden? Darüber sind sich unsere beiden Redaktoren Andy Maschek und Patrick Y. Fischer nicht einig.
Andy Maschek sagt: Ja
Lange wurde Paris Saint-Germain auf der grossen Bühne zwar wahrgenommen, aber nicht wirklich geschätzt. Der Grund dafür war, dass die Franzosen immer wieder einen Weg fanden, um am Ende die Champions League nicht zu gewinnen. Zu viel Geld, ein zusammengekauftes Starensemble, zu wenig Geist – andere waren stärker und überzeugten nicht nur als Mannschaft mehr, sondern vor allem als Team.
Doch in den letzten beiden Jahren wendete PSG das Blatt, begann den Gipfelsturm, der, so scheint es aktuell, nicht enden will. Der Titelgewinn 2025 mit dem legendären 5:0-Finalsieg gegen Inter Mailand war nicht nur ein einsamer Höhepunkt oder eine Sternstunde. Sondern ein Zeichen der Klasse – schliesslich war es der höchste Finalsieg in der Geschichte des Europacups der Landesmeister und der Champions League. Mit der Titelverteidigung 2026 wurde die Stärke untermauert. Paris Saint-Germain ist an die Spitze gekommen, um zu bleiben. Es ist in meinen Augen aktuell das weltbeste Team und kann mit den ganz grossen Mannschaften der Geschichte mithalten.
PSG kann jeden Gegner mit Technik und Kombinationen beherrschen und zugleich mit seinem Pressing erdrücken. Die Qualität der Spieler ist immens, gerade in der Offensive. Der Gegner kann sich nicht auf eine Gefahr konzentrieren, sondern steht ob der ständigen Rochaden und der individuellen Qualität der Spieler unter Dauerdruck. Steter Tropfen höhlt nicht nur den Stein, sondern überfordert die gegnerische Defensive. In den ersten drei Spielen der aktuellen Champions League-Kampagne hat PSG gegen Slovan Bratislava (6:1), Manchester City (4:2) und den FC Barcelona (4:2) bereits 14 Tore erzielt. Ousmane Dembélé und Ferran Torres trafen beide bereits je dreimal, Fabian Ruiz, Vitinha und Désiré Doué haben zweimal eingenetzt. Und auch Lucas Hernandez und Maghnes Akliouche liessen sich schon als Torschützen feiern.
Es ist eine geballte Offensivwucht. «El Pais» befand, dass der Titelverteidiger dem FC Barcelona eine Lektion erteilte. «Le Parisien» schrieb: «Nichts und niemand kann Paris aufhalten.» Und auch die Statistiken unterstreichen die offensive Power der Franzosen: 3,73 zu 2,19 lautete am Ende der xG-Wert zugunsten von PSG, das 15:5 Torschüsse aufwies. «Ob wir die beste Mannschaft Europas sind, kann ich nicht sagen. Das müssen andere beurteilen», sagte PSG-Stürmer Désiré Doué nach dem überzeugenden Sieg gegen Barcelona. «Wir müssen einfach weitermachen, denn wir haben noch viele grosse Spiele vor uns. Aber wir haben noch immer Hunger.»
Es ist eine Kampfansage, die für die anderen Teilnehmer in der Königsklasse wie eine Drohung klingen muss. Und dies, auch wenn sich der Super-Georgier Khvicha Kvaratskhelia gegen Barcelona einen Kreuzbandriss zuzog und für den Rest der Saison ausfällt. Es ist ein herber Verlust, zweifellos. Doch PSG vereint technische Brillanz, Tempo, Pressing und kollektive Disziplin auf aussergewöhnlich hohem Niveau und wird weiterhin für Furore sorgen. Aktuell ist PSG in meinen Augen das beste Klubteam der Welt. Gelingt gar der Titel-Hattrick in der Champions League, sind die Franzosen in meinen Augen das beste Klubteam aller Zeiten. Und dies, auch wenn Real Madrid zwischen 1956 und 1960 gar fünfmal in Serie im Europapokal der Landesmeister triumphierte. Doch damals war die Konkurrenz nicht annähernd so stark und breit wie heute.
Patrick Y. Fischer sagt: Nein
Auf den ersten Blick ist die Faktenlage ziemlich eindeutig. Zwei Champions-League-Triumphe in Folge, insgesamt elf Titel in den letzten fünf Jahren und zuletzt die beiden Gala-Auftritte in Manchester und gegen den FC Barcelona. Was in aller Welt muss PSG denn noch gewinnen, um sich unbestritten als bestes Team der jüngeren Geschichte bezeichnen zu dürfen?
Für den Moment rein gar nichts. Nur: Zum GOAT wird man nicht im Oktober, wenn sämtliche Titelentscheidungen noch ganz weit weg sind und die besten Klubs Europas speziell in der Champions League noch um gar nichts von echter Bedeutung spielen. Nein, Voraussetzung für Paris’ Chance auf Geschichte sind natürlich erneute Titel in der Champions League und der Ligue 1. Also zwei Ziele, auf die PSG in den kommenden sechs Monaten im besten Fall zielstrebig hinarbeiten kann. Bislang mit gemischten Ergebnissen.
Denn so überzeugend die Mannschaft von Trainer Luis Enrique in der Königsklasse bislang auftritt, so zwiespältig ist der Eindruck, den sie in der heimischen Meisterschaft hinterlässt. Natürlich, auch hier tritt der fünffache Titelverteidiger nach einem schwachen Start (drei Spiele, zwei Punkte) mittlerweile wieder souveräner auf, findet sich aktuell aber trotzdem in einer Art Fünfkampf punktegleicher Teams (Lyon, PSG, Paris FC, Lille, Monaco) an der Tabellenspitze wieder. Und Remis oder sogar Niederlagen gegen Teams wie Stade Rennes oder die AS Monaco eignen sich nun mal nur bedingt, um den Claim «bestes Team der jüngeren Geschichte» zu untermauern.
Denn wer sich ganz nah am europäischen Fussballgipfel bewegt, darf sich eigentlich nur in der jetzigen Saisonphase Ausrutscher dieser Art erlauben. So wie das möglicherweise auch Pep Guardiolas grosses Barça aus dem Jahr 2010/11 oder Zinedine Zidanes Triple-CL-Sieger aus Madrid in den Jahren 2016 bis 2018 getan haben. Teams, die der aktuellen PSG-Ausgabe in Sachen Talent und Qualität in nichts nachstanden und von denen wir bereits wissen, dass sie den Karren schlussendlich ebenso ins Ziel brachten wie Manchesters Triple-Sieger von 2022/23.
Diese Möglichkeit hat Paris Saint-Germain in dieser Spielzeit natürlich auch. Noch aber müssen Dembélé, Kvaratskhelia & Co. erst über Monate hinweg liefern, ehe sie möglicherweise feiern können. Und dann bin auch ich bereit, Luis Enriques PSG der Jahre 2024 bis 2026 auf eine Stufe mit den genannten Teams und Trainern zu hieven. Und vielleicht sogar noch ein wenig darüber.