Kimi Antonelli – viel mehr als «nur» ein Rennfahrer
Der Italiener Kimi Antonelli hat am kommenden Sonntag die Möglichkeit, sich als jüngster Formel-1-Weltmeister aller Zeiten feiern zu lassen. Der Mercedes-Pilot ist eine Ausnahmeerscheinung und beeindruckt auch neben den Rennstrecken.
Kimi Antonelli wird sich bereits in seiner zweiten Saison in der Königsklasse als Weltmeister feiern lassen dürfen. Wann genau, ist noch offen. Doch die Chance ist gross, dass dies bereits am Sonntag in Mexiko der Fall sein wird. Dann ist Antonelli 20 Jahre, zwei Monate und eine Woche alt. Der amtierende Rekordhalter Sebastian Vettel feierte seinen ersten Titel mit 23 Jahren, vier Monaten und elf Tagen. Wie Vettel ist nun auch Antonelli in die Geschichtsbücher gerast. Er überzeugt zudem nicht nur als Rennfahrer, wie einige Fakten und Anekdoten zeigen.
Der Mensch Kimi Antonelli
Andrea Kimi Antonelli wurde am 25. August 2006 in Bologna geboren und wuchs in einer motorsportbegeisterten Familie auf. Sein Vater Marco Antonelli war selbst Touren- und GT-Fahrer und leitet ein eigenes Rennteam. Die Familie ist Antonelli enorm wichtig, wie er kürzlich in einem Interview erklärte: «Eine gute Familie, wie ich sie habe, ist immer ein unbezahlbares Geschenk.» «Kimi» wurde übrigens nicht in Anlehnung an Kimi Räikkönen gewählt, sondern ist Antonellis tatsächlicher zweiter Vorname – ein Freund der Familie gab ihm diesen, weil er gut zum Namen passte.
Der baldige Formel-1-Weltmeister ist trotz seines Erfolges geerdet geblieben. In seiner ersten Saison in der Königsklasse schloss er im Juni 2025 die Matura ab. Seine Klassenlehrerin sagte damals: «Obwohl Kimi Antonelli stets stark in den Sport eingebunden war, hat er die Schule nie aus den Augen verloren. Und auch nicht das Ziel, seine Abschlussprüfungen abzulegen.» Und: «Wenn er zu den Grands Prix unterwegs war, hat er mich angerufen oder geschrieben, um etwas nachzufragen. Oder er ist direkt vom Flughafen in die Schule gekommen, um sich etwas erklären zu lassen, bevor er eine Prüfung ablegte. Er hat es wirklich verdient, die Abschlussprüfungen abzulegen. Und das mit Bravour.»
Antonelli selber erklärte dazu: «Ich sage oft, dass ich das alles eigentlich gar nicht machen will. Aber wenn ich dann darüber nachdenke, ist es doch wichtig. Ich habe so viele Jahre Schule hinter mir, da wäre es einfach schade, kurz vor dem Ende abzubrechen. Und ausserdem bedeutet es meiner Mutter sehr viel. Ich mache das auch für sie.»
Kimi Antonelli ist auch ein sehr sozialer Mensch. Er hat noch einige Freunde aus der Schulzeit, mit denen er nach fast jedem GP-Wochenende gemeinsam abhängt», wie er kürzlich gestand. «Das ist mir sehr wichtig. Es hilft, den Kopf nach einem Rennen freizubekommen. Wir waren in der Sommerpause auch alle zusammen in den Ferien.» Vor einem Jahr lud Antonelli beim GP in Imola sogar seine Schulklasse ins Fahrerlager ein und organisierte dort mehrere Aktivitäten für sie. «Das ist eine gute Möglichkeit, die Beziehung aufrechtzuerhalten», sagte er damals. «Ich bin ja selten zu Hause und sehe sie deshalb kaum.»
Der Werdegang
Der Motorsport wurde Antonelli quasi in die Wiege gelegt, und so sammelte er bereits im Kindesalter erste Erfahrungen im Kartsport. Mit sieben Jahren begann er, für das Team seines Vaters Kart zu fahren. Seinen ersten Titel gewann er 2015 in der 60-ccm-Klasse, womit sich früh sein Talent abzeichnete. 2017, als Kimi elf Jahre alt war, besuchten Papa Marco und Sohn Kimi Ferrari in Maranello, um nach Möglichkeit in die rote Academy aufgenommen zu werden. «Doch die Verantwortlichen lehnten ab, weil ihnen Kimi zu klein war. Wenig später unterschrieben wir bei Mercedes», erklärte Papa Marco unlängst gegenüber dem «Blick». 2020 wurde Kimi FIA-Europameister in der OK-Kartklasse und konnte diesen prestigeträchtigen Titel 2021 erfolgreich verteidigen. Auch ein schwerer Unfall bei der Kart-WM 2020 inklusive Beinbruch konnte ihn auf dem Weg an die Spitze nicht aufhalten. Dann fuhr er in verschiedenen Formel-4-Meisterschaften mit. 2024 ging es direkt in die Formel 2: Dort wurde er Gesamtsechster, Meister wurde Gabriel Bortoleto, der jetzt bei Audi unter Vertrag steht.
Der Weg in die Königsklasse
Als Mitglied des Mercedes-Nachwuchsprogramms seit 2019 war Antonelli schon früh auf dem Radar der Formel-1-Verantwortlichen. Anfang 2024 kam dann seine grosse Chance: Mercedes-Stammpilot und Rekordweltmeister Lewis Hamilton verkündete seinen Abschied – einer der Kandidaten für die Übernahme des Cockpits war der erst 17-jährige Antonelli, der behutsam aufgebaut wurde. Sein Debüt in einem Formel-1-Training gab er schliesslich beim GP von Italien 2024 in Monza: Im ersten Freien Training übernahm er das Auto von George Russell und knallte sofort eine schnelle Rundenzeit auf den Asphalt. In seiner sechsten Runde verlor er dann die Kontrolle über seinen Boliden und verunfallte. Er blieb aber unverletzt und wurde weniger als 24 Stunden später als Stammpilot für das Jahr 2025 an der Seite von George Russell bestätigt.
Die Formel 1
Seinen ersten GP bestritt er 2025 in Australien, als er hinter Lando Norris, Max Verstappen und George Russell Rang 4 belegte. Der erste Podestplatz gelang ihm drei Monate später in Kanada mit dem dritten Platz – hinter Teamkollege Russell und Verstappen. Die WM beendete er schlussendlich auf dem achten Platz, mit insgesamt 150 Punkten. Es war eine solide Saison, aber nicht mehr. Es gab auch Zweifler, und so sagte nun sein Teamchef Toto Wolff rückblickend: «Es gab viele Leute, die letztes Jahr nach neun Rennen ohne Punkte sagten, er gehöre nicht zu Mercedes. Leute aus anderen Teams, die sagten, er gehöre nicht einmal in die Formel 1. Die Tränen im Spa im Parc Fermé. All das macht es jetzt extrem befriedigend, zu sehen, was er leisten kann, wie er mit dem Team zusammenarbeitet und Ergebnisse erzielt. Aber es war kein einfacher Weg.»
Und nun wird der 20-jährige Italiener also Weltmeister. In seiner zweiten Saison – und eher früher als später, vielleicht schon an diesem Sonntag in Mexiko oder dann eine Woche später in Brasilien. Antonelli braucht nur noch zwei Punkte, damit ihn bei fünf noch ausstehenden GPs niemand mehr überholen kann. Platz 9 in Mexiko reicht ihm also – egal, was die Konkurrenz macht.
Der Titelgewinn gründe auf Teamarbeit, sagt Toto Wolff. Das Verdienst gebühre dem Nachwuchsteam, das ihn aufgebaut und über die vielen Jahre hinweg gefördert habe. Talent allein reiche nicht. «Die Leute verstehen nicht, dass dies das Ergebnis von neun Jahren Arbeit ist. Neun Jahre Entwicklung, neun Jahre voller Entbehrungen. Die Integration ins Team, die Zusammenarbeit mit den Ingenieuren, die zehn oder mehr Millionen, die in die Entwicklung seiner Karriere, seiner Fähigkeiten und seines Charakters gemeinsam mit seinen Eltern investiert wurden. Es ist einfach nicht so, dass das alles von selbst so gekommen ist», so Wolff.
Stärken und Schwächen
Antonelli verfügt über eine enorme Grundschnelligkeit. Besonders beeindruckend ist auch seine schnelle Auffassungsgabe am Steuer. Er findet sich in einem Auto schnell zurecht und reizt das Limit rasch aus. Trotz seiner erst 20 Jahre werden ihm eine bemerkenswerte Reife und mentale Stärke attestiert. Zudem hat er schon mehrfach bewiesen, dass er mit Druck umgehen kann und sich auch nicht durch Rückschläge aufhalten lässt. Zu Beginn seiner Karriere in der Formel 1 mangelte es noch an der Konstanz, und auch das Reifenmanagement war noch nicht allzu gut. Doch auch in diesen Bereichen hat er sich verbessert, sodass ihm als jüngstem Weltmeister in der Geschichte der Königsklasse des Motorsports eine glorreiche Zukunft bevorstehen dürfte.
Die Perspektiven
«Er ist ein Ausnahmetalent», lobte der Niederländer Max Verstappen den Italiener nun in einem Gespräch mit «Sport Bild» und erklärte: «Dieses Jahr ist er phänomenal gefahren, und da kommt in Zukunft noch mehr. Er hat noch nicht 100 Prozent seines Talents ausgeschöpft.» Der Gewinn der WM werde ihn noch besser machen», prophezeite Verstappen, der seine erste von aktuell vier Weltmeisterschaften im Jahr 2021 mit 24 Jahren gewann. Antonelli ist gerade erst 20 und damit noch einmal deutlich jünger. Als Weltmeister dürfte Antonelli mit der Nummer 1 auf seinem Boliden starten. Doch das wird kaum der Fall sein. Dem «Blick» verriet er unlängst, dass er voraussichtlich weiterhin mit der Nummer 12 antreten werde. Als er 2025 in der Formel 1 debütierte, wählte er die Startnummer 12. Dies zu Ehren seines grossen Idols Ayrton Senna, der von 1985 bis 1987 drei Jahre bei Lotus mit dieser Nummer gefahren war, bevor er sie 1988 zu McLaren mitnahm und dort seinen ersten WM-Titel gewann. In der folgenden Saison wurde ihm die Weltmeister-Eins durch das damalige System automatisch zugewiesen.