Lugano – der nächste Gigant im Schweizer Fussball?
Der FC Lugano spielt bislang eine brillante Saison: 20 Spiele, 17 Siege, drei Unentschieden und 66:17 Tore lautet die bemerkenswerte Bilanz. Es scheint, als wachse da ein neuer Gigant heran.
Zwischen 2010 und 2026 war der Schweizer Fussball fest in der Hand des FC Basel und der Young Boys. Die Basler gewannen in dieser Zeitspanne neun Meistertitel, die Berner sechs. Die einzigen Störenfriede waren der FC Zürich und der FC Thun, die sich 2022 respektive 2026 als Champions feiern lassen durften.
Der FCB und YB waren die Titanen in unserem Fussball, doch nun werden sie ernsthaft gefordert. Denn plötzlich thront der FC Lugano an der Spitze, während YB immerhin noch Rang 2 belegt, der FCB aber in der Super League nur auf dem siebten Platz liegt – mit 15 Punkten Rückstand auf die Tessiner, die wettbewerbsübergreifend einzig bei den Unentschieden gegen YB in der Meisterschaft sowie gegen Runavik und Tel Aviv in der Qualifikation zur Conference League das Feld nicht als Sieger verliessen.
Ein perfekter Abend
Es ist beeindruckend, was das Team von Mattia Croci-Torti zeigt. Besonders auch am Donnerstag auswärts Getafe, das in der spanischen Meisterschaft aktuell Rang 15 belegt. «Es war ein perfekter Abend. Wir haben gegen ein Team aus der La Liga gewonnen. Wir waren unglaublich, wir haben super gespielt, souverän die erste Halbzeit und in der zweiten Halbzeit haben wir dann gekämpft wie verrückt. Mehr als das, was wir heute gezeigt haben, kann ich von meiner Mannschaft nicht verlangen», sagte Lugano-Coach Croci-Torti nach dem 5:2-Sieg, der ein eindrückliches Zeichen der Stärke war. «Ich glaube, jeder ist mit dem Glauben aufgetreten, dass wir dieses Spiel auch gewinnen können. Wir sind ohne Angst angetreten.»
Dieses Spiel war ein weiteres Zeichen dafür, dass der FC Lugano im nationalen Fussball ein Titan werden und die nächsten Jahre prägen kann. Die Ausgangslage ist jedenfalls hervorragend. Die Tessiner verfügen über einen finanziell potenten Besitzer, eine professionelle Klubführung, einen erfolgreichen Trainer und seit diesem Sommer über ein hochmodernes Stadion.
Finanzielle Power und Geduld
Der amerikanische Unternehmer und Milliardär Joe Mansueto vereint finanzielle Power mit Geduld. Seit der Übernahme 2021 hat Mansueto kontinuierlich in den Klub investiert. Dabei geht es nicht ausschliesslich um Spielertransfers, um kurzfristig Erfolge erzielen zu können, sondern auch um Infrastruktur, Organisation und die wirtschaftliche Entwicklung. Das Ziel ist klar: Mansueto will den Meistertitel, das hat er schon vor zwei Jahren deutlich formuliert. Doch sein Vorgehen ist geradezu wohltuend anders im Vergleich mit früheren ausländischen Klubbesitzern in unserem Fussball, die schnell verbrannte Erde und ein wirtschaftliches Desaster hinterliessen – man denke nur an Bulat Tschagajew (Xamax) oder Majid Pishyar und Marc Roger (beide Servette).
Ein wichtiges Puzzleteil ist die neue AILA Arena, in welcher die Luganesi seit diesem Sommer spielen. Es ist ein Boutique-Stadion mit rund 8000 Plätzen, das dem Klub wirtschaftlich neue Möglichkeiten eröffnet. Besonders wichtig sind die zusätzlichen Einnahmen aus Hospitality, Sponsoring, Gastronomie und Veranstaltungen, wenngleich Lugano bezüglich Stadiongrösse nicht mit dem St. Jakob-Park oder dem Wankdorf mithalten kann.
Sportliche Stabilität
Ein entscheidender Faktor beim Aufbau eines nachhaltig erfolgreichen Klubs ist auch die Stabilität in der sportlichen Führung. Mattia Croci-Torti ist bereits seit 2021 Trainer des FC Lugano und die Schlussklassierungen in den Jahren 2023 bis 2026 unterstreichen seine gute Arbeit: 3 – 2 – 4 – 3. Dazu kommen der Cupsieg 2022 und die Finalteilnahmen 2023 und 2024.
Bemerkenswert ist auch, dass die Verantwortlichen im Herbst 2025 trotz sportlicher Schwierigkeiten an Croci-Torti festhielten und nicht die sonst in diesem Business geltenden Spielregeln befolgten, indem sie den Trainer auswechselten. Croci-Torti ist nun bereits seit 1859 Tagen im Amt und kommt auf einen Durchschnitt von 1,68 Punkten pro Spiel – es ist eine starke Bilanz. Und der Lohn dafür, dass der Cheftrainer seine Philosophie nachhaltig implementieren konnte. Seine Mannschaft zeichnet sich durch taktische Flexibilität, ein gutes Umschaltspiel und die Fähigkeit aus, unterschiedliche Spielsituationen zu meistern. Croci-Torti hat zudem ein Team zur Verfügung, in dem die Mischung zwischen Routine (z.B. Kevin Behrens, David von Ballmoos, Renato Steffen) und Jugend (z.B. Daniel Dos Santos, Dereck Moncada, Elias Pihlström) stimmt. Und Sportchef Sebastian Pelzer verfolgt das Ziel, vermehrt junge Spieler aus dem eigenen Nachwuchs an die erste Mannschaft heranzuführen, was gerade auch wirtschaftlich wertvoll ist.
Ein Segen für die Finanzen ist auch das europäische Geschäft. Der FC Basel und die Young Boys haben durch ihre europäischen Auftritte Millionen generiert, und der FC Lugano hat in dieser Saison mit den Siegen in der Ligaphase der Conference League gegen Roter Stern und Getafe ebenfalls damit begonnen, auf dem internationalen Parkett zu glänzen. Der Mechanismus ist ja längst bekannt: Je mehr Siege man feiert, desto üppiger werden die Preisgelder, und gleichzeitig steigen auch die Marktwerte der Leistungsträger, die Begehrlichkeiten bei anderen Klubs wecken. Europäische Auftritte sind da wie ein Booster.
Der FC Lugano muss nicht mehr darauf hoffen oder warten, dass Basel oder YB schwächeln. Die Tessiner haben inzwischen die Mittel, die Strukturen und das Selbstvertrauen, um den Schweizer Fussball aus eigener Kraft zu prägen.