Mit einem Hauch "Swissness": Hürzeler und Brighton rocken die EPL
Der Brighton & Hove Albion Football Club? Genau, jener freche Emporkömmling aus dem britischen Küstenstädtchen, der seit mittlerweile fünf Jahren den etablierten Liga-Grössen regelmässig ans Bein pinkelt. Allerdings noch nie so sehr wie jetzt, wo die Seagulls mit 16 Punkten aus 7 Spielen und einem Torverhältnis von 23:5 (beides Liga-Bestwerte) ganz oben in der Premier League anklopfen. Als Nächstes wartet am Sonntag der FC Liverpool. Für den deutsch-schweizerischen Trainer Fabian Hürzeler und sein Team die Chance, sich in den Top 4 festzubeissen.
Vom Abgrund in die Spitzengruppe
Dass Brighton so weit oben steht, grenzt auch aus historischer Betrachtungsweise an ein Wunder. Denn noch Ende der 1990er-Jahre stand der 1901 gegründete Klub kurz vor dem Verschwinden, verkaufte aufgrund finanzieller Probleme sein Stadion und kämpfte sportlich verzweifelt gegen den Absturz ins Amateurlager. Die Wende kam mit Tony Bloom, einem studierten Mathematiker und Anhänger des Klubs, der sein in der Welt des Pokers und der Sportwetten erworbenes Wissen und Vermögen in den Klub brachte, den er 2009 in der League One übernahm.
Acht Jahre später stieg sein Herzensklub in die Premier League auf, angetrieben von datenbasiertem Denken und substanziellen Investitionen in die Trainings- und Spieltagsinfrastruktur der Seagulls. Mithilfe von Blooms Modellen gewichtet Brighton Spielerpotenzial anders als der Markt, kauft Talente günstiger ein und verkauft sie schliesslich mit höherer Marge. Eine Strategie, die sich bislang sowohl finanziell (mit Carlos Baleba wurde diesen Sommer fast 50 Mio. Euro Transfer-Reingewinn erwirtschaftet) als auch sportlich bezahlt macht. Nach zuletzt vier Siegen (u. a. einem 3:0 vs. Arsenal) und 15:0 Toren steht der BFC auf Rang 3 so gut da wie noch nie in seiner Vereinsgeschichte.
Das deutsch-schweizerische Wunderkind
Vater des sportlichen Höhenflugs ist ein Mann, dessen eigene Geschichte sich kaum weniger spannend liest: Fabian Hürzeler, 33 Jahre junger Fussballlehrer mit Schweizer Vater, geboren in Houston (USA), aufgewachsen und sozialisiert in Deutschland. Möglicherweise ist Hürzeler das grösste Trainertalent der letzten zehn Jahre, und zwar seit dem Moment, in dem er seine Trainerlaufbahn im Alter von 23 Jahren beim FC Pipinsried lancierte. Bald darauf folgte die «Beförderung» zum Assistenten der deutschen U20-Nationalmannschaft, ehe er im Dezember 2022 beim Zweitligisten FC St. Pauli die Chefrolle übernahm. Den Kiezklub führte der ehemalige Bayern-Junior 2024 in die Bundesliga, ehe er wenige Wochen später von Brighton zum jüngsten Cheftrainer der Premier League ernannt wurde. Seitdem prägt das couragierte Auftreten des Halbschweizers auch die Spielweise der «Seagulls», die sich durch hohes Pressing, schnelle Balleroberungen und Mut in der Offensive auszeichnen. Entsprechend torgefährlich agiert der um die grösstenteils jungen Stützen Bart Verbruggen (Tor, 24), Luka Vuskovic (IV, 19), Pascal Gross (ZM, 35), Yasin Ayari (ZM, 23) und Topskorer Charalampos Kostoulas (19) aufgebaute Kader derzeit, was zuletzt sowohl Crystal Palace (0:5) als auch Coventry (0:5) deutlich zu spüren bekamen.
Stresstest mit Liverpool und City
Wie belastbar dieses Gerüst auch auf höchstem Niveau ist, zeigt sich nun innerhalb einer Woche. Am Sonntag gastiert Brighton beim FC Liverpool, in den sechs Tagen darauf folgen dann zwei Duelle (Ligapokal und Meisterschaft) mit Manchester City. Gut möglich, dass das Team in diesen Partien weniger dominante Phasen akzeptieren und etwas weniger hoch pressen muss, um gegen diese beiden personell überlegenen Gegner zu bestehen. Dass es dazu grundsätzlich in der Lage ist, hat Brighton vor rund einem Monat bewiesen. Kurz vor der Länderspielpause besiegten die Südengländer im heimischen Stadion Meister Arsenal gleich mit 3:0. Gelingt den Seagulls in mindestens einem der beiden anstehenden Meisterschaftsduelle ein nächster Coup, dürften die Vergleiche mit Leicester City noch etwas häufiger thematisiert werden. Schliesslich ist es genau zehn Jahre her, seit die Foxes allen Favoriten die lange Nase zeigten und den Titel holten. Als grosser Aussenseiter – genauso wie der Brighton & Hove Albion Football Club.