Manchester United: Mittelmass und Krise als bittere Realität
Es ist noch nicht lange her, da stand der Name Manchester United für Erfolg. Doch das ist Vergangenheit. Die bittere Realität heisst Mittelmass. Und es ist kein Ende in Schicht.
Erinnern Sie sich noch daran, wie es war, als Sir Alex Ferguson bei Manchester United das Zepter schwang? Das war von 1986 bis 2013 der Fall. Und in diesen Jahren, in seiner Amtszeit von 9733 Tagen und 1499 Spielen, sammelte ManU Trophäen wie Briefmarken. riumphe gab es unter anderem: zweimal in der Champions League, einmal im Europacup der Cupsieger, einmal im europäischen Supercup, je einmal bei der Klub-WM und im Weltpokal, 13 Mal in der englischen Meisterschaft, fünfmal im Cup, viermal im Ligacup und zehnmal im englischen Supercup.
Auf Ferguson folgten namhafte Coaches wie Louis van Gaal, José Mourinho, Ralf Rangnik oder auch Ruben Amorim. Es gab noch einige Titelgewinne zu feiern, doch der nachhaltige Erfolg blieb aus. Besonders bitter zeigt sich das in der Premier League, wo der letzte Triumph noch in Fergusons Abschiedsjahr gelang und nun seit 2013 das Warten auf den Titelgewinn andauert.
Acht Spiele ohne Sieg
Und auch in dieser Saison hechelt Manchester United dem Erfolg schon fast verzweifelt hinterher. In den letzten acht Spielen blieb United ohne Sieg. Die Tiefpunkte folgten in den letzten beiden Matches: Zuerst gab es in der Champions League eine 1:4-Niederlage gegen Como, dann setzte es in der Premier League daheim ein 0:3 gegen Bournemouth ab. Die Konsequenz: Rang 16 in der Meisterschaft, Rang 20 in der Champions League. Anspruch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander. Das Team hat unter Michael Carrick seinen schlechtesten Saisonstart in der Geschichte der Premier League hingelegt, und so ist der Trainerwechsel eigentlich nur noch eine Formsache.
Ob ein neuer Mann an der Linie allerdings der nächste Heilsbringer werden kann, scheint fraglich. Es ist so, als ob man die Symptome bekämpfen würde, aber nicht die eigentliche Ursache.
Speziell die Personalpolitik wirft Fragen auf. Sieben Cheftrainer waren seit dem Abgang von Legende Sir Alex Ferguson tätig – und scheiterten. Carrick ist nun wohl bereits Nummer 8. Der frühere Mittelfeldspieler hat als Profi 464 Pflichtspiele für den Klub bestritten und geniesst bei den Fans eigentlich grosses Ansehen. Entsprechend richtet sich die Kritik immer mehr auf die Besitzer, auf die Familie Glazer und den britischen Milliardär Jim Ratcliffe, der auch den Schweizer Super-Ligisten Lausanne-Sport besitzt, diesen nun aber verkaufen will, sowie auf die sportliche Leitung mit Direktor Jason Wilcox. Auch Verteidiger Lisandro Martinez hatte kürzlich vielsagend erklärt, man könne «nicht immer nur den Trainer wechseln, Trainer wechseln, Trainer wechseln», und gefragt: «Was ist mit anderen Bereichen?»
Das Muster bei der Trainerwahl war zuletzt immer ähnlich. Jemand wurde zuerst interimistisch eingesetzt und dann wieder gefeuert. Mit Carrick oder auch Darren Fletcher wurde unerfahrenen Coaches das Vertrauen geschenkt, was den Eindruck von Pröbeleien und Hilflosigkeit erweckte.
Wer wird der Nachfolger?
Wie es nun weitergeht, ist offen. Als mögliche Carrick-Nachfolger wurden unter anderem bereits Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann, Antonio Conte und Fabian Hürzeler genannt. Gemäss «Guardian» soll der frühere Newcastle-Coach Eddie Howe der Wunschkandidat von Sportchef Wilcox sein. Ob jemand von ihnen die Talfahrt von Manchester United stoppen kann, ist aber fraglich, zumal sich verschiedene Problemfelder zeigen. Angefangen bei einer nicht klar erkennbaren Spielphilosophie über mangelnde Stabilität und fehlenden Zusammenhalt auf dem Platz bis hin zu einer fragwürdigen Kaderplanung. Besonders alarmierend ist aber, dass kein gemeinsamer Kampf gegen die Krise spürbar ist.
Carrick selber weiss, dass er wohl schon bald «offen für Neues» ist, wie es so schön heisst. «Wie geht es weiter? Ich weiss es nicht», sagte er nach der Niederlage gegen Bournemouth. «Ich werde immer das tun, was für den Verein am besten ist.» Und was der Verein tut, ist auch offen. Klar ist einzig, dass der nächste Schuss bei der Trainerwahl sitzen muss. Und dass sich Kontinuität auszahlt, hat die so erfolgreiche «Ära Ferguson» mehr als eindrücklich gezeigt.