Vom chronischen Verlierer zum besten Fussballer der Welt
Als Junior wurde Harry Kane einst bei Arsenal als zu pummelig und zu wenig sportlich eingestuft und wieder aussortiert. Nun erhielt der Stürmer als erster Engländer seit Michael Owen und einem Vierteljahrhundert den Ballon d’Or. Damit ist er auf dem fussballerischen Olymp angekommen. Irgendwann wird er sicher auf zum Ritter geschlagen und sich Sir Harry Kane nennen dürfen.
Mit dem Talent ist es so eine Sache. Bei vielen Fussballern zeichnet sich früh ab, dass sie dereinst Trophäen sammeln werden. Der Spanier Lamine Yamal gehört beispielsweise dazu. Er ist erst 19 Jahre alt, darf sich aber seit 2024 Europameister und seit diesem Sommer Weltmeister nennen und hat schon diverse Rekorde aufgestellt. Auch der Franzose Kylian Mbappé gehört in diese Kategorie. Er wurde mit 19 Jahren Weltmeister und verfügt über eine beeindruckende Sammlung an Titeln. Doch im Kampf um den Ballon d’Or 2026, die wichtigste individuelle Auszeichnung für einen Fussballspieler, unterlagen diese beiden Ausnahmefussballer nun dem Engländer Harry Kane, der in jungen Jahren verkannt und später als Titelloser belächelt wurde. Nun hat er sich selber belohnt.
Harry Kane wuchs im Osten Londons auf und hatte wie so viele andere Kinder bereits früh eine grosse Leidenschaft für den Fussball. Er hetzte dem Ball nach und spielte mit seinem Vater und seinem vier Jahre älteren Bruder im Garten, der an den Ridgeway Park grenzte. Dort dienten zwei Bäume als Tor, manchmal wurde ein richtiges Tor über den Gartenzaun getragen. Sein Vater stand zwischen den Pfosten, die beiden Brüder spielten gegeneinander. Die ersten Erfahrungen in einem Klub machte er beim lokalen Verein Ridgeway Rovers, von dem er mit sieben Jahren in den Nachwuchs von Arsenal wechselte.
Die erste grosse Enttäuschung
Und dort musste er mit einer ersten grossen Enttäuschung umgehen: Er stand im Schatten von Benik Afobe und Chuks Aneke, zwei Mittelstürmern, die später den Durchbruch nicht schafften, und wurde von den Gunners schnell wieder aussortiert. Zu «pummelig» und «nicht sehr sportlich» lautete das Urteil. Kane kehrte zunächst zu den Ridgeway Rovers zurück und versuchte danach sein Glück im Nachwuchs von Watford, ehe er sich Tottenham anschloss. Es war der richtige Entscheid. Kane startete zwar nicht durch, entwickelte sich aber stetig weiter. Zwischen 2011 und 2013 wurde er viermal ausgeliehen, sammelte
Der direkte Sprung in Tottenhams Stammformation gelang ihm zunächst nicht. Zwischen 2011 und 2013 wurde er viermal ausgeliehen: Leyton Orient, Millwall, Norwich City und Leicester City waren die Stationen in seinen Wanderjahren, während derer er Erfahrungen im Erwachsenenfussball sammelte. Kane bezeichnete später besonders die schwierigeren Stationen in Norwich und Leicester als Teil seines Lernprozesses. Sein Ziel sei bei jeder Ausleihe gewesen, zurückzukehren und sich bei Tottenham durchzusetzen.
Das schaffte er tatsächlich. Im August 2011 gab er gegen Hearts sein Pflichtspieldebüt für Tottenham, etablieren konnte er sich aber erst später. Im April 2014 traf er in drei aufeinanderfolgenden Premier League-Spielen für Tottenham, der endgültige Durchbruch gelang ihm 2014/15, als er 31 Pflichtspieltore erzielte, davon 21 in der Liga, und von der englischen Spielergewerkschaft zum besten Nachwuchsspieler gewählt wurde.
Die Identifikationsfigur der Spurs
Aus dem aufstrebenden Spieler wurde in der Folge die Identifikationsfigur der Spurs. Im Februar 2023 übertraf er den Torrekord von Jimmy Greaves. Als Kane im folgenden August nach München wechselte, verliess er Tottenham mit 280 Toren in 435 Pflichtspielen als Rekordtorschütze. Und auch im Nationalteam sorgte er für Schlagzeilen. Bei seinem Länderspieldebüt im März 2015 gegen Litauen traf Kane kurz nach seiner Einwechslung. Vor der WM 2018 wurde er zum Captain ernannt. Im März 2023 löste er Wayne Rooney als Rekordtorschützen der Nationalmannschaft ab. 53 Treffer waren Rooney in 120 Spielen gelungen, Kane steht nun bei 91 Toren und 125 Spielen.
Raus aus der Komfortzone
Doch in all diesen Jahren blieb seine Karriere unvollendet. Das Tüpfelchen auf dem i fehlte, Kane konnte weder mit Tottenham noch mit den Three Lions einen Titel gewinnen. Wohl auch deshalb gab es einige Bedenken, als er im August 2023 für knapp 100 Millionen Euro zum FC Bayern München wechselte. Er sei ein chronischer Verlierer, wurde gemunkelt. Mit dem Wechsel nach München wagte er mit 30 Jahren einen grossen Schritt und verliess «seinen» Klub und eine Liga, in der er längst zu den herausragenden Spielern gehörte, und damit auch die Komfortzone. Denn beim FC Bayern sollte er eine zentrale Rolle in einer Mannschaft übernehmen, deren Anspruch es ist, jedes Jahr Titel zu gewinnen. Seine Antwort gab er mit Toren. Bereits in seiner ersten Bundesligasaison traf er 36 Mal und wurde Torschützenkönig. Doch der Makel der Titellosigkeit blieb. Bayer Leverkusen gewann das Double, in der Champions League scheiterten die Bayern im Halbfinal an Real Madrid und sogar im nationalen Supercup blieb der Titelgewinn nach einer 0:3-Niederlage gegen Leipzig aus.
Tempi passati. Seither hat Kane seinem Palmarès mehrere Einträge beschert. Er wurde zweimal deutscher Meister, einmal Pokalsieger und gewann zweimal den Supercup. Dazu kommen diverse persönliche Auszeichnungen, wie jetzt als Höhepunkt der Ballon d’Or, und Lastwagenladungen an Toren. Speziell stark war das vergangene Jahr: In 65 Spielen für Klub und Nationalmannschaft erzielte der 33-Jährige unglaubliche 73 Tore und bereitete weitere acht Treffer vor. Er gewann mit dem FC Bayern die Meisterschaft, den DFB-Pokal und den Supercup und führte England an der WM zu Bronze.
Ein kompletter Fussballer
Nun wurde er als bester Fussballer ausgezeichnet, und das zu Recht. Er ist kein Selbstdarsteller, kein Künstler, kein reiner Torjäger, der nur von der Vorarbeit seiner Teamkollegen lebt. Er ist zwar ein Stürmer und eiskalter Vollstrecker, hat aber auch die Qualitäten eines Mittelfeldspielers, hilft hinten aus und grätscht Gegenspieler in bester Verteidigermanier ab. Kane ist ein kompletter Fussballer, von dem sein Trainer Vincent Kompany kürzlich sagte: «Harry ist vom Gefühl her überall.» Die «Süddeutsche Zeitung» bezeichnete ihn kürzlich als den «sozialsten Mittelstürmer der Fussball-Geschichte», der nicht nur auf seine eigene Chance warte, sondern auch die Teamkollegen lanciere und Angriffe auslösen könne. Sein Spiel beruht auf Technik, Übersicht und einem ausgeprägten Spielverständnis. Und er hat die Gabe, auch in einem für ihn mühsamen Spiel auf seine Chance zu warten, ohne aus dem Spiel zu verschwinden, und dann zuzuschlagen.
Die Verleihung des Ballon d’Or ist der verdiente Lohn für Kane. Entsprechend wurde dies auch gewürdigt. «Was für eine fantastische Leistung und so wohlverdient. Ein brillanter Kapitän, ein bemerkenswerter Spieler und jemand, der Fussballfans auf der ganzen Welt so viele unvergessliche Momente beschert hat», sagte Prinz William. Bayern-Präsident Herbert Hainer erklärte: «Das ist ein stolzer Tag für den FC Bayern. Harry Kane kann alles – und er schiesst Tore, Tore, Tore. Er steht nun in einer Reihe mit Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Karl-Heinz Rummenigge – das sagt alles über unsere Geschichte aus: Der Verein und Harry Kane haben zusammengefunden, sind zusammen gewachsen und erreichen zusammen die allerhöchsten Ziele.»
Und das soll auch so bleiben. Kanes Vertrag in München läuft im kommenden Sommer aus. Doch es wird längst gemunkelt, dass er schon bald ein neues Arbeitspapier unterschreiben und bis 2029 für die Bayern stürmen wird. Das erklärte Ziel dabei: Der Triumph in der Champions League, der in seinem Palmarès noch fehlt.