Angstgegner – aber nicht übermächtig
Heute Abend bekommt die Schweizer Eishockey-Nati auf ihrer Gold-Mission den nächsten Gegner serviert. Im achten Spiel des Turniers ist für Jan Cadieux und sein Team der achte Sieg Pflicht, um den Traum vom grossen Coup am Leben zu halten. Aber mit Schweden wartet eine Knacknuss.
Die Schweden sind eine Grösse in der Eishockeywelt. Elf Mal wurden sie in ihrer Geschichte schon Weltmeister, damit belegen sie in der ewigen Rangliste hinter Kanada (28 Mal Gold), Russland respektive Sowjetunion (27) und Tschechien respektive Tschechoslowakei (13) den vierten Platz. Es ist eine beeindruckende Bilanz, doch sie hat einen Haken: Den letzten WM-Titel gab es 2018. An jene Titelkämpfe erinnern wir uns aus Schweizer Sicht ungern zurück: Die Nati gewann zwar Silber, was ein immenser Erfolg war. Doch sie war auch so unglaublich nahe am grossen Triumph, am ersten WM-Titel überhaupt – und scheiterte erst im Penaltyschiessen an den Schweden.
Viertelfinal-Ticket in extremis gelöst
Die Schweden sind auf der grossen Bühne so etwas wie der Angstgegner der Schweizer Nati. Doch gerade in diesem Jahr sind sie kein übermächtiger Gegner, wie die Vorrunde gezeigt hat. Da stehen zwar Siege gegen Dänemark (6:2), Slowenien (6:0), Italien (3:0) und die Slowakei (4:2), aber auch Niederlagen gegen die Kanadier (3:5), die Tschechen (3:4) und vor allem die Norweger (2:3). Das hatte zur Folge, dass sich die Schweden, Bronzegewinner von 2024 und 2025, erst in extremis am letzten Spieltag der Gruppenphase für die K.o.-Spiele qualifizierten.
Die mässigen Leistungen widerspiegeln sich auch in den Statistiken. Während die Schweizer nach ihrem bislang makellosen Turnier mit der besten Effizienz (16,53 Prozent), dem zweitbesten Powerplay (34,78 Prozent Erfolgsquote) und dem besten Unterzahlspiel (92,86 Prozent) dastehen, belegen die Schweden in diesen Bereichen die Ränge 7 (Effizienz – 12,68 Prozent), 5 (Powerplay – 33,33 Prozent) und 10 (Unterzahl – 73,68 Prozent). Und auch bei den Torhütern hat die Schweiz die Nase vorne: Leonardo Genoni hat bis jetzt sagenhaft 97,01 Prozent der gegnerischen Schüsse abgewehrt, während Reto Berra auf 92,50 und Sandro Aeschlimann auf 91,30 Prozent kommen. Die Zahlen der schwedischen Schlussmänner: 89,13 Prozent (Arvid Söderblom) und 85,53 Prozent (Magnus Hellberg).
Die bisherigen Leistungen in diesem Turnier sowie die einmalige Unterstützung der Fans im Tollhaus Swiss Life Arena sorgen dafür, dass das Team von Jan Cadieux leicht favorisiert in diesen Viertelfinal steigt. Doch zu einem Selbstläufer wird das Duell gegen die Schweden trotzdem nicht. Die Schweden zählen an dieser WM auf sechs Spieler aus der National League: Jacob Larsson/Lakers, Erik Brännström/Lausanne, Rasmus Asplund/HCD, Jacob de la Rose/Gottéron, Andre Petterson/Tigers sowie Ambrì-Verteidiger Tim Heed, der aber noch nicht eingesetzt wurde. Zudem stehen im Kader von «Tre Kronor» zwölf Spieler von NHL-Klubs, wobei die ganz grossen Namen fehlen. Ausgenommen davon sind Lucas Raymond und Oliver Ekman-Larsson, die im Februar auch an den Olympischen Spielen im Einsatz waren.
Raymond als Spektakelmacher
Detroit-Stürmer Raymond ist der Mann fürs Spektakel und die offensiven Akzente. An der WM hat er in den ersten sieben Spielen fünf Tore und sechs Assists erzielt, womit er in der Skorerliste gemeinsam mit dem Kanadier Macklin Celebrini hinter Sven Andrighetto (4 Tore, 9 Assists) Rang 2 belegt. Toronto-Verteidiger Ekman-Larsson hat 2024 mit Florida den Stanley Cup und 2017 und 2018 mit Schweden WM-Gold gewonnen. An dieser WM steht der 34-Jährige bei drei Toren und fünf Assists und ist hinter Roman Josi (4/4) der zweitgefährlichste Verteidiger des Turniers.
Aufpassen müssen die Schweizer auch auf die jungen Wilden bei den Nordländern: Im Kader figurieren fünf Akteure, die im Januar an der U20-WM Gold gewannen. Dazu gehören die 18-jährigen Stürmer Ivar Stenberg und Viggo Björck. Stenberg glänzte in der schwedischen Liga bei Frölunda als Spielmacher, kam in 49 Spielen auf 37 Punkte und steht an der WM bereits bei vier Toren und vier Assists. Und Björck erzielte für Djurgardens 15 Punkte (6/9) und hat an der WM bereits ein Tor und fünf Assists auf sein Konto geschaufelt.
Respekt bei den Schweden – breite Brust bei den Schweizern
«Wir müssen den anfänglichen Sturm der Schweizer überstehen. Aber vielleicht sorgt das Heimpublikum auch für etwas Druck», sagt Stürmer Björck, der sich auf ein aufregendes Spiel in einer rappelvollen Swiss Life Arena mit einer heissblütigen Kulisse freut. Nationaltrainer Sam Hallam, der nächste Saison bei Servette an der Bande das Zepter schwingen wird, erwähnt, dass die Schweiz ihn beeindruckt habe, gerade auch zuletzt im Spiel gegen Finnland: «Wir haben grossen Respekt vor ihnen, finden aber hoffentlich einen Weg, um sie zu stören. Wir müssen unser Top-Level erreichen, um eine Chance zu haben.»
Die Schweizer gehen gleichzeitig mit breiter Brust in dieses Duell. «Wir wissen, dass die Schweden ein super Team haben, aber wir wissen, was wir als Team können, werden uns auf uns konzentrieren und voll angreifen», sagt Nati-Captain Roman Josi. In den letzten Jahren habe sich das Selbstverständnis entwickelt, mit allen mithalten und auch die Grossen schlagen zu können, wenn die Schweiz ihr Spiel spiele. «Der Glaube, etwas Grosses erreichen zu können ist sehr wichtig.» Das Rezept dazu hat Nico Hischier bereits nach der Vorrunde treffend beschrieben: «Egal wer kommt, wir machen unser Spiel.»