Schweizer Gala auch gegen frustrierte Deutsche?
Zwei Spiele, sechs Punkte, 7:3 Tore und ein begeistertes Publikum: Der Schweizer Eishockey-Nati ist der Start in die Heim-WM perfekt geglückt. Folgt heute Abend gegen Deutschland der nächste Streich?
Natürlich herrschte am einen oder anderen Ort vor dieser Heim-WM, auf die alle so lange hingefiebert hatten, eine Prise Nervosität oder gar Unsicherheit. Dazu kamen die Turbulenzen, welche im Vorfeld durch die Causa Fischer, die vorzeitige Trennung vom langjährigen Nationaltrainer und die vorzeitige Amtsübernahme von Headcoach Jan Cadieux entstanden waren. Doch die Schweizer liessen sich dadurch nicht beirren oder von ihrem Weg abbringen, sondern starteten von Anfang an durch.
Zum Auftakt der Sieg gegen Olympiasieger und Titelverteidiger USA, die geglückte Revanche für die Niederlage im WM-Final 2025. Der 3:1-Sieg – es war ein Start nach Mass. Dabei brillierte insbesondere die Zürcher Linie mit Pius Suter, Denis Malgin und dem wiedergenesenen Sven Andrighetto, die für die ersten beiden Tore verantwortlich war und die Weichen auf Sieg stellte. «Es war mega cool. Die Energie hier drin, die Fans, die Unterstützung, so etwas habe ich selten erlebt», sagte Sven Andrighetto nach dem Erfolg in der heimischen Swiss Life Arena.
Zürcher Sturm wirbelt die USA durcheinander
Im zweiten Spiel, 24 Stunden später, bezwangen die Schweizer Lettland mit 4:2, dominierten phasenweise nach Belieben, sündigten aber im Abschluss. 43:23 Torschüsse standen am Ende in der Statistik, die vier Tore waren eine zu geringe Ausbeute. So war das Spiel auch eine Geduldsprobe, welche die Nati bestand. «Wir wussten, dass es nicht einfach wird. Lettlands Goalie hatte gute Paraden, sie haben Schüsse blockiert und wirklich hart verteidigt. Wir mussten positiv bleiben und weitermachen, so wurden wir dann auch belohnt», erklärte Timo Meier der Schütze des ersten Schweizer Treffers, später. Und Nationalcoach Cadieux erklärte in die Mikrofone: «Ich bin sehr stolz, wie die Jungs aus der Kabine gekommen sind und mit welcher Energie wir spielen. Wir wissen: Wenn wir Erfolg haben wollen, müssen wir 60 Minuten auf diesem Level spielen. Wir müssen noch daran arbeiten, konsequenter zu sein vor dem gegnerischen Tor.» Nun gelte es, bescheiden zu bleiben. Es seien erst zwei Spiele gespielt, das Turnier dauere noch sehr lange. Und: «Wir werden auch im nächsten Spiel auf einen sehr guten Gegner treffen.»
Dieser nächste Gegner ist heute Abend Deutschland. Das Team von Harold Kreis steht nach den Niederlagen gegen Finnland und Lettland bezüglich Viertelfinalqualifikation bereits mit dem Rücken zur Wand und konnte bislang nicht überzeugen. Dazu kommt, dass die Nati ihr durch die Viertelfinal-Niederlagen 2021 und 2023 vorübergehendes «Deutschland-Trauma» längst weggewischt hat. Und vor allem: Die Schweiz wirkt gefestigt und breit abgestützt.
Starke Powerlinie
Im Tor steht mit Leonardo Genoni ein Titan, ein absolut sicherer Rückhalt, auf den jederzeit Verlass ist. Auch der vorübergehende, krankheitsbedingte Ausfall von Backup Reto Berra konnte weggesteckt werden, da Sandro Aeschlimann gegen die Letten überzeugte. Captain Roman Josi zeigt, dass er auch mit 35 Jahren noch einer der besten und elegantesten Offensivverteidiger ist, und Nico Hischier ist defensiv und offensiv top. Die Qualität, welche die NHL-Spieler (Josi, Hischier, Meier, Moser, Suter, Niederreiter) einbringen, ist enorm. Gleichzeitig zeigen aber auch die «Schweizer», wie wertvoll sie sind. Und da sind nicht nur die Zauberer Sven Andrighetto und Denis Malgin, sondern auch die Energiespieler Damien Riat, Simon Knak und Ken Jäger, die jeden Shift mit einzigartiger Intensität leisten und so die Gegner in Nöte bringen. «Sie sind unsere Powerlinie – wir brauchen das. Und weil sie es so gut machen, werden sie auch mit Toren belohnt», sagt Nationalcoach Cadieux. «Sie akzeptieren ihre Rolle und lassen ihr Ego beiseite.»
Die Schweizer glänzen sowieso als verschworene Einheit und vermitteln den Eindruck, auf einer Mission unterwegs zu sein. Der Weg bis zur Erfüllung des Goldtraumes ist noch lange und mit Hindernissen bestückt. Der Gipfelsturm, das haben die ersten beiden Spiele aber schon gezeigt, ist jedoch keineswegs nur ein utopisches Gedankenspiel. Mit jedem Sieg wird das Selbstvertrauen grösser, und das sollen nun auch die Deutschen erfahren, die mit zwei Niederlagen ins Turnier gestartet sind. Es sei frustrierend, sagte der in der Schweiz bestens bekannte Bundestrainer Harold Kreis nach der Niederlage gegen Lettland. Gegen die Schweiz sieht er die Disziplin als den entscheidenden Faktor. Es dürfe keine Angriffe über die Aussenbahnen geben, sondern man müsse läuferisch mit den Schweizern mitgehen. «Sie spielen ein sehr aggressives, läuferisch starkes Eishockey.»
So weit, so gut. Aber wenn die Schweizer wieder mit Power und Tempo und als grosses Kollektiv auftreten und vom frenetischen Publikum in der Swiss Life Arena getragen werden, wird es für die Deutschen enorm schwierig, die dritte Niederlage im dritten Spiel zu vermeiden.