Der Rekord-Hexer
Die Schweizer Eishockey-Nati surft an der Heim-WM auf der Erfolgs- und Euphoriewelle. Dies dank einer starken Offensive und grosser Spiellust, aber auch dank Goalie Leonardo Genoni, der Zuverlässigkeit in Person.
Das Palmarès ist schlicht und einfach beeindruckend. Sieben Meistertitel sind da bereits eingetragen, dazu kommen die WM-Silbermedaillen 2018, 2024 und 2025 sowie diverse persönliche Auszeichnungen. Und auch wenn Genoni im August 39 Jahre alt wird und sich in einer Lebensphase befindet, in der die meisten anderen Eishockeyprofis längst an der Karriere nach der Karriere arbeiten, ist er noch nicht satt. Sein grosses Ziel: nach drei verlorenen WM-Finals endlich das letzte Spiel des Turniers gewinnen und sich mit Gold belohnen.
Genoni ist dazu in der Lage, dieses Ziel zu erreichen. Er brilliert nach wie vor. 2025 wurde er hochverdient als wertvollster Spieler der WM ausgezeichnet, obwohl die Nati den Final gegen die USA verlor. Und auch an der WM 2026 zeigt er sein immenses Können. Drei Spiele hat Genoni bislang bestritten und dabei gegen die USA, Deutschland und Österreich (gegen Lettland stand Sandro Aeschlimann im Tor) 55 von 57 Schüssen pariert. Seine Erfolgsquote liegt damit bei 96,49 Prozent – es ist eine meisterliche Statistik. Zudem gelang ihm beim 9:0-Kantersieg gegen Österreich sein 13. Shutout an einer WM, womit er neu alleiniger Rekordhalter ist, nachdem er sich die Bestmarke zuvor mit dem Tschechen Jiri Holecek (1966 bis 1978) geteilt hatte.
«Wenn man mich fragt, ist dieser Rekord ein wenig gesucht», sagte Genoni nach dem Match. «Das heisst, dass man bei der einen oder anderen WM mit dabei war. Aber natürlich ist das schön. Ich wusste ehrlich gesagt aber nicht einmal, dass es so einen Rekord gibt. Den nehme ich aber mit.» Nach dem letzten Spiel hätten ihm die Kollegen gesagt, dass es noch einen Shutout brauche, «jetzt haben wir es geschafft, das freut mich sehr fürs Team». Die Mannschaft habe einen überragenden Job gemacht, und es sei unglaublich, bei dieser Stimmung zu spielen. «Da stellt es mir alle Haare auf. Ich habe mir viel vorgestellt, aber ich habe nicht gedacht, dass es so schön wird, hier zu spielen.»
Bescheiden und vom Erfolg angetrieben
Es ist typisch für ihn, dass Genoni auch in diesem Moment die Lorbeeren nicht für sich beansprucht, bescheiden bleibt und sich nicht ins Rampenlicht drängt. Er ist bodenständig und stellt auch auf seiner exponierten Position immer das Wohl des Teams in den Vordergrund. So sagte er auch über die MVP-Auszeichnung an der WM 2025: «Das bringt mir wenig. Es hat wieder nicht für Gold gereicht.» Genoni ist trotz seines prall gefüllten Palmarès weiterhin vom Erfolg getrieben. Gegenüber dem Eishockeymagazin «Slapshot» sagte er kürzlich: «Für mich sind Siege der Antrieb, dafür zu sorgen, dass die nächsten Triumphe folgen.»
Zum Eishockey gekommen ist der Sohn des bekannten Herzchirurgen Michele Genoni, weil einst eine Einladung an einen Schnuppertag im Briefkasten der Familie lag. Es war der Beginn dieser ebenso eindrücklichen wie erfolgreichen Karriere, in der Genoni zuerst in der Lions-Organisation spielte und später in Davos und Bern unter Vertrag stand, ehe er 2019 nach Zug weiterzog. Lange stand dabei der Spass im Vordergrund, oder wie der Keeper sagt: «Ich träumte als Jugendlicher nicht von einer Profikarriere, das war weit weg. Ich habe einfach gerne Hockey gespielt. Und das hat sich bis heute nicht geändert.»
Seriosität und Lockerheit
Ein Erfolgsfaktor ist wohl, dass er seriöses Schaffen und Lockerheit vereint. In seiner Zeit im Nachwuchs der GCK Lions riet ihm seine Mutter, während den Spielen zu singen – und der Goalie nahm den Tipp an. «Mit 13, 14 habe ich das gemacht. Heute nicht mehr, aber ich versuche, die Lockerheit anders reinzubringen. Denn sie überträgt sich aufs Team und ist die beste Medizin», so Genoni, über den der ehemalige EVZ- und Lugano-Coach Doug Shedden kürzlich sagte: «Ich habe in all den Jahren viele hervorragende Torhüter gecoacht und gesehen. Aber wenn ich ein einziges Spiel gewinnen müsste, sei es das Spiel 7 im Stanley-Cup-Final oder ein Olympia-Endspiel: Ich würde Genoni jedem anderen Goalie auf dieser Welt vorziehen. Seine Aura ist so etwas Spezielles.»
Diese Aura ist nun auch an der Heim-WM spürbar, wo die Schweizer und auch Genoni, der heute Abend gegen Grossbritannien wohl eine schöpferische Pause erhalten dürfte, für Begeisterung sorgen. Auch wenn im Verlaufe des Turniers noch viel passieren kann, befinden sich die Schweizer im Rahmen ihrer Mission auf Kurs und haben gute Chancen, zu Traumfängern zu werden, zuerst den Final zu erreichen sich dann, am 31. Mai, in der Swiss Life Arena in Zürich den Goldtraum zu verwirklichen. Mit und vor allem auch dank Leonardo Genoni.