Viel Klasse und grosse Euphorie: Die Nati auf Kurs
Die Schweiz gegen Österreich: Heute steigt an der WM in der Swiss Life Arena der überraschende Spitzenkampf. Feiern die Schweizer in der Neuauflage des letztjährigen Viertelfinals die nächste Gala und stürmen weiter in Richtung WM-Titel? Was kann sie am Gewinn der Goldmedaille hindern?
Es ist berauschend, was das Team von Jan Cadieux an der Heim-WM bislang zeigt. Der 6:1-Sieg am Montag gegen die Deutschen ging unter die Haut. Das Stadion war ein Tollhaus, eine einzige Festhütte mit einem ohrenbetäubenden Geräuschpegel. Die Nati und ihre Fans surfen auf der Erfolgswelle, so dass der grosse Coup immer wahrscheinlicher wird.
Es gibt viele Gründe, die für einen Schweizer WM-Titel sprechen. Angefangen ganz hinten, bei Goalie Leonardo Genoni, der auch in diesem Turnier seine Stärke zeigt und aktuell bei 94,59 Prozent gehaltener Schüsse steht. Und aufgehört ganz vorne, bei Sven Andrighetto. Der ZSC-Stürmer hat den Wettlauf gegen die Zeit nach seiner Hirnerschütterung in den Playoffs und der damit verbundenen Zwangspause gewonnen und präsentiert sich in blendender Verfassung. Nach drei Spielen steht er bereits bei drei Toren und zwei Assists und führt die Skorerliste des Turniers gemeinsam mit dem finnischen Servette-Star Jesse Puljujärvi an.
Andrighetto ist einer jener Spieler, die den Schweizer Erfolg verkörpern. Er gewann mit der Nati 2018, 2024 und 2025 die WM-Silbermedaille und will nun wie das gesamte Team den Gold-Traum endlich Realität werden lassen.
Die Klasse der sechs NHL-Spieler
Die Qualität dazu steckt im Schweizer Team, das auf sechs NHL-Spieler baut: Captain Roman Josi, Nico Hischier, Timo Meier, Janis Moser, Nino Niederreiter und Pius Suter verfügen über Klasse und Routine und bilden das solide und hochklassige Fundament. Sie sind, wie auch die ZSC-Stürmer Sven Andrighetto und Denis Malgin sowie Goalie Leonardo Genoni, die Stars der Mannschaft – und glänzen als Teamplayer. Auch nach dem Wechsel von Patrick Fischer zu Jan Cadieux präsentiert sich die Schweiz als eine verschworene Einheit.
Nach der «Causa Fischer» wurde teilweise befürchtet, dass ein Graben durchs Team gehen könnte – doch dieser blieb aus. Die Schweizer begeistern mit ihren Auftritten die Fans und im Gegenzug werden sie von den Zuschauern und der fantastischen Ambiance getragen. Es ist eine beeindruckende und fruchtbare Symbiose, die für den weiteren Turnierverlauf viel Hoffnung macht.
Nach den Siegen gegen die USA, Lettland und Deutschland folgt heute der Spitzenkampf gegen Österreich. An der WM 2025 bezwang die Nati das Team des Schweizer Headcoaches Roger Bader im Viertelfinal gleich mit 6:0 und setzte ein fettes Ausrufezeichen. 40:13 Torschüsse standen am Ende in der Statistik und widerspiegeln den Klassenunterschied. «Das war eine neue Erfahrung für uns, wir waren gegen eine starke Schweiz nicht wirklich bereit», sagt Austria-Coach Bader rückblickend. Auch heute gehen die Schweizer als Favoriten ins Spiel, das sieht auch Bader so: «Die Schweizer haben sechs NHL-Spieler hier dabei, wir keinen. Sie sind für mich ohnehin ein Gold-Kandidat.»
Zu den heissen Anwärtern auf den WM-Titel gehören die Schweizer definitiv. Doch der Weg dazu ist noch lange und steinig. Die Spiele heute gegen Österreich und dann morgen gegen das noch punktelose Grossbritannien und am Samstag gegen Ungarn gehören in die Kategorie «Pflicht» und müssten in der Theorie gewonnen werden. Am kommenden Dienstag folgt dann zum Abschluss der Gruppenphase das Duell mit den Finnen, in dem es wohl um den Gruppensieg und eine möglichst gute Ausgangslage im Viertelfinal geht.
Details entscheiden
Und dann beginnt im Kampf um den WM-Titel die finale Phase. Von noch acht verbliebenen Teams wird das Beste gesucht, jede Niederlage ist gleichbedeutend mit dem Ende der Träume. Dann sind die Teams besonders gefordert und müssen verschiedene Fragen beantwortet werden und entscheiden die Details. Bleiben die Schweizer so stilsicher wie in der Vergangenheit? Bewahren sie ihre Coolness und Spielfreudigkeit? Brausen sie weiterhin über ihre Gegner hinweg? Können sie den Druck und die hohen Erwartungen der euphorisierten Fans und von sich selber managen und in zusätzliche Energie umwandeln?
Klar ist, dass die Gegner nur noch stärker werden. Die Kanadier mit ihren Topstars Macklin Celebrini und Sidney Crosby wollen nach dem verlorenen Olympia-Final wenigstens WM-Gold aus Europa nach Hause bringen. Die Finnen haben ihre Ambitionen in ihren ersten drei Spielen ebenfalls eindrücklich unter Beweis gestellt. Die Slowakei, Tschechien und auch Schweden können, wenn sie es in die K.o.-Phase schaffen, jederzeit zum grossen Spielverderber werden.
Je länger das Turnier dauert, desto mehr spielt nun auch der Kopf mit. Es gilt, fokussiert und gleichzeitig locker zu bleiben und so den Traum zu leben. Der Gewinn des Titels, das haben die ersten WM-Tage gezeigt, ist alles andere als Utopie. Doch für den finalen Triumph braucht es gerade in diesem schnellen Sport auf einer rutschigen Unterlage am Ende auch das nötige Quäntchen Glück.