Der Zungenbrecher fordert die Bayern
Da schlägt das Fussballherz höher: Heute kämpfen Bayern München und Titelverteidiger Paris Saint-Germain in der Allianz-Arena um den Finaleinzug in der Champions League. Das Zünglein an der Waage könnte dabei ein Zungenbrecher spielen: Chwitscha Kwarazchelia.
Das Hinspiel sorgte weltweit für Begeisterung und entfachte Diskussionen, ob es vielleicht gar das beste Fussballspiel aller Zeiten war. Abschliessend kann das nicht beurteilt werden. Klar und unbestritten ist aber: Der 5:4-Sieg von PSG war einzigartig, und eine der ganz grossen Figuren in diesem irren Match war Chwitscha Kwarazchelia.
Der 25-jährige Georgier erzielte die Tore zum 1:1 und zum 4:2. Es waren seine Treffer Nummer 9 und 10 in dieser Kampagne der Königklasse, womit er hinter Kylian Mbappé 15) und Harry Kane (13) die Nummer 3 ist. Die Zahlen zeigen auch, dass vor allem die Champions League seine Bühne ist. Denn im Vergleich mit seinen zehn Toren auf dem europäischen Parkett, zu denen in 14 Spielen auch noch fünf Assists kommen, erscheinen die sieben Tore (und vier Assists) in 25 Ligue-1-Spielen schon fast bescheiden.
Chwitscha Kwarazchelia, der linke Flügel von Paris Saint-Germain, gehört heute zu den spektakulärsten Offensivspielern Europas. Geboren wurde er als Sohn des aserbaidschanischen Internationalen Badri Kwarazchelia in Tiflis. Er durchlief die Nachwuchsabteilung von Dinamo Tiflis und debütierte bereits mit 16 Jahren bei den Profis. Danach zog er weiter zum FC Rustavi, wo er regelmässig Spielpraxis erhielt. 2019 wagte er den Schritt nach Russland und spielte zunächst leihweise bei Lokomotiv Moskau, doch noch im selben Jahr verpflichtete ihn Rubin Kazan fix – mit einem Fünfjahresvertrag.
Als Schnäppchen nach Italien
Dort gelang ihm der Durchbruch: Mit seinem Tempo, seiner Technik und seiner Unberechenbarkeit wurde er zu einem der aufregendsten jungen Spieler der russischen Liga, zweimal wurde er als bester Nachwuchsspieler ausgezeichnet. Aufgrund des Ukraine-Krieges kehrte Kwarazchelia 2022 für ein paar Monate nach Georgien zurück, spielte ein paar Monate für Dinamo Batumi – und nutzte dies als Sprungbrett. Rund 13 Millionen Euro soll die SSC Napoli im Sommer 2022 für ihn nach Georgien überwiesen haben, sein Gehalt, so heisst es, betrug 1,8 Millionen Euro im Jahr. Der Offensivspieler war damit im internationalen Vergleich ein Schnäppchen – und startete sofort durch.
In seiner ersten Saison in Italien gewann er mit Napoli den Scudetto, den ersten nach 33 Jahren Pause. Er glänzte mit 12 Toren und 13 Assists in 34 Spielen und wurde zum besten Spieler der Serie A gekürt. Luciano Spalletti, sein damaliger Trainer, sagte über Kwarazchelia, der auf beiden Flügeln, aber auch als falscher Neuner spielen kann: «Seine Vielseitigkeit macht ihn zum Ausserirdischen.» Mit seiner spektakulären Spielweise, seinen Dribblings und seiner Kreativität wurde der Georgier, dessen Idol immer Cristiano Ronaldo war, in Neapel schnell zum Publikumsliebling – und erhielt den Spitznamen «Kvaradona».
In der Heimat ein Volksheld
Nach zweieinhalb Jahren in Italien folgte Anfang 2025 der nächste Karriereschritt: Für rund 70 Millionen Euro wechselte Kvaratskhelia zu Paris Saint-Germain und unterschrieb bis 2029. In Paris entwickelte er sich sofort zu einer Schlüsselfigur im Angriff, gewann direkt nationale Titel – und vor allem die Champions League. In neun Spielen in der Königsklasse erzielte er drei Tore für PSG, eines davon beim rauschenden Auftritt im Final gegen Inter Mailand, den die Franzosen mit 5:0 für sich entschieden. Selbstredend ist er mit seinen Erfolgen und aufgrund der Tatsache, dass er Georgien an die EM 2024 und damit erstmals an eine Endrunde eines grossen Turniers führte, in seiner Heimat ein Nationalheld und eine Symbolfigur des georgischen Fussballs.
Nun arbeitet er am nächsten Grosserfolg in seiner Karriere, an der Titelverteidigung in der Königsklasse mit PSG. Kvaratskhelia gilt als extrem kompletter Flügelspieler, ist explosiv im Duell Mann gegen Mann, beidfüssig, technisch stark, kreativ im letzten Drittel und torgefährlich. Und im Hinspiel zeigte er sich auffallend mannschaftsdienlich, störte die Bayern immer wieder im Aufbau. Gleichzeitig dribbelte er den Münchnern, allen voran Aussenverteidiger Josip Stanisic, regelmässig Knoten in die Beine und fast schwindlig.
Chwitscha Kwarazchelia, dieser Strassenfussballer, der, so heisst es, in jungen Jahren auf dem Bolzplatz vor dem Haus seiner Eltern so ausdauernd trainiert hat, dass sich die Nachbarn regelmässig beschwert haben, ist für PSG ein Schlüssel auf dem Weg in den Final gegen Arsenal. Und eine Gefahr für die Münchner, die weiterhin vom Triple träumen. So sagt denn auch Trainer Luis Enrique über seinen Offensivmann, dessen Marktwert mittlerweile bei 90 Millionen Euro liegt: «Spieler wie er verleihen einem Team Unberechenbarkeit und Fantasie.»